Vor 40 Jahren wurden die tödlichen Pockenviren ausgerottet | Wissen & Umwelt | DW | 07.05.2020
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Infektionskrankheiten

Vor 40 Jahren wurden die tödlichen Pockenviren ausgerottet

Dank einer konsequenten und flexiblen Impfkampagne der WHO konnte das Virus systematisch einkreist und ausgerottet werden. Taugt dies auch als Vorbild im Kampf gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2?

Es war einer dergrößten Triumphe der Weltgesundheitsorganisation: Am 8. Mai 1980 verkündete die WHO die vollständige Ausrottung des Pockenvirus "Variola", das seit Menschengedenken rund um den Globus Millionen Menschen getötet hatte. Allein im 20. Jahrhundert starben rund 300 Millionen Menschen an der tödlichen Infektionskrankheit. 

Bis dahin war eine Infektion mit dem besonders aggressiven Pockenerreger "Variola major" oftmals ein Todesurteil, denn bis zu 60 Prozent aller Infizierten starben. Aber auch wer sich mit dem weniger aggressiven "Variola minor" infizierte, war oftmals ein Leben lang gezeichnet. Viele Infizierte erblindeten, verloren ihr Gehör oder waren gelähmt. Der ganze Körper und auch das Gesicht waren mit hässlichen Narben überzogen, die die vielen mit Flüssigkeit gefüllten Pusteln hinterlassen hatten. 

Pocken Mikroskopaufnahme 1975 (Getty Images)

Pocken-Erreger beim Menschen sind Orthopoxviren und sind mit 200 bis 400 nm die größten bekannten animalen Viren.

Die in den reichen Industriestaaten erfolgreich durchgeführten Massenimpfungen funktionierten in strukturschwächeren Gebieten etwa in Indien oder in Afrika allerdings nicht. Immer wieder traten trotz der breitangelegten Impfkampagnen lokal einzelne Pockenepidemien aus, die sich rasend schnell auf größere Gebiete ausweiten konnten. 

Neuartige Impfstrategie

Anfang 1967 änderte die WHO ihre Strategie und begann eine neuartige, flexible Impfkampagne, die bis heute als richtungsweisend gilt, indem sie schnell auf die lokalen Gegebenheiten reagiert und sich entsprechend anpasst, sagt der verantwortliche Leiter der Impfkampagne, Dr. Donald Henderson, rückblickend: "Ich denke, es ist ein Zeugnis für das Geschick und die Kreativität der internationalen Berater aus etwa 70 verschiedenen Ländern sowie der Minister und der Mitarbeiter des Gesundheitsprogramms, denen es gelungen ist, all dies zu erreichen, was man für unmöglich gehalten hatte." 

Trotz widrigster Umständen und mit einfachen Mitteln habe die neue Impfstrategie funktioniert, erinnert sich Dr. Henderson augenzwinkernd: "In den 1960er und 70er Jahren wurde das Programm von großen Überschwemmungen, Hungersnöten, Bürgerkriegen, Hunderttausenden von Flüchtlingen in verschiedenen Teilen Afrikas und Asiens heimgesucht. Und wir hatten damals keine Handys, wir hatten keine E-Mail, wir hatten keine Faxgeräte, wir hatten kein Facebook, wir hatten kein Twitter", erzählt Henderson, der von 1966 bis 1977 Direktor des WHO-Programms zur Ausrottung der Pocken war.

Polio-Impfung im Kongo (picture-alliance/dpa)

Bezahlbare Impfungen wie hier gegen Polio sollten für alle zugängig sein

Die neue Impfstrategie konnte nicht nur flexibel auf die lokalen Gegebenheiten reagieren, die Impfhelfer gingen auch ganz gezielt auf die einzelnen Infizierten und ihr unmittelbares Umfeld zu. Denn je näher jemand einem Infizierten gekommen war, desto höher war auch sein Ansteckungsrisiko. Schließlich verbreiten sich die Pockenerreger - ähnlich wie beim aktuellen Coronavirus SARS-CoV-2 - über eine Tröpfcheninfektion etwa beim Husten von Mensch zu Mensch. Die Infektion konnte aber auch durch das Einatmen von Staub passieren, etwa beim Ausschütteln von Kleidung oder Decken von Pockenkranken. 

Gute Voraussetzungen

Einige Faktoren begünstigten damals die ambitionierte Impfkampagne: Die Krankheit war gut diagnostizierbar. Aufgrund der markanten Pusteln am ganzen Körper blieb eine Infektion - anders als beim jetzigen Coronavirus - nicht unbemerkt. Die Ausbrüche fanden oftmals in einem sehr klar abgrenzbaren Gebiet statt. Der Impfstoff war sehr unempfindlich und eignete sich auch für Impfungen in weitabgelegenen Regionen. Und die Impfung hinterließ eine lebenslange Immunität. 

Sobald also irgendwo eine Infektion gemeldet wurde, eilten die Impfhelfer im Auftrag der WHO dorthin und impften alle rund um den Infizierten. Eine gewaltige logistische Herausforderung, so die ehemalige WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan: "Die Führungsrolle bei der WHO war wichtig, aber eine Errungenschaft dieser Größenordnung hing letztlich von Zehntausenden von engagierten Mitarbeitern ab, die buchstäblich den ganzen Globus durchquerten, mit Jeeps, Eseln und Fischerbooten, zu Fuß in Dschungel- und Wüstengebieten, von Nomadenstämmen in abgelegenen Berggebieten bis hin zu ständigen Bewohnern in der sengenden Hitze der asiatischen Slums."

Die Impfteams verabreichten dabei nicht nur den unmittelbaren Kontaktpersonen den Impfstoff, sondern auch allen Personen, die mit ihnen wiederum Kontakt hatten. Nach diesem Schneeballsystem entstand so um jeden Infizierten ein Ring aus Geimpften (ring vaccination).

Schweiz Genf | WHO: Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (picture-alliance/dpa/M. Trezzini)

Mitten in der Corona-Pandemie hat US-Präsident Trump einen Stopp der Beitragszahlungen an die WHO veranlasst

Weltweit wurden bei diesem Eliminationsprogramm 2,4 Milliarden Impfdosen verabreicht, es kostete etwa 300 Millionen Dollar. An der internationalen Mammutaufgabe waren mehr als 200.000 Helfer beteiligt. Doch die Mühen haben sich gelohnt: sehr schnell erwies sich die neue Impfmethode als äußerst effektiv. Seit der letzten Infektion 1977 in Somalia ist das Pockenvirus nicht mehr aufgetreten.

Angst vor Biowaffenangriff

Nach Ausrottung der Pocken wurde die Impfpflicht angesichts der teils heftigen Nebenwirkungen vielerorts daraufhin ausgesetzt. 

Offiziell existieren die Pockenviren nur noch im russischen Forschungslabor VECTOR südöstlich von Nowosibirsk und im Forschungszentrum der US-Seuchenbehörde CDC in Atlanta. Es ist aber durchaus möglich, dass auch andere Staaten insgeheim die tödlichen Pockenviren einlagern.

Deutschland Polizeiübung Terroranschlag mit Biowaffen in Berlin (picture-alliance/AP Photo/M. Schreiber)

Auch bei möglichen Biowaffen-Angriffen spielen die tödlichen Pocken-Viren immer wieder eine Rolle

Gerade nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde die Möglichkeit eines Biowaffenangriffs etwa mit Pockenviren hitzig diskutiert. Ohne die einst verpflichtende Pocken-Impfpflicht wären heutzutage viele Menschen einer Pocken-Epidemie schutzlos ausgesetzt. 

Auch deshalb wurde die erwogene Vernichtung der letzten Bestände in Russland und den USA verworfen. Denn ohne diese Bestände wäre es unmöglich, Impfstoffe gegen die Pocken auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Zahlreiche Industriestaaten haben sich zudem vorsorglich mit ausreichend Impfstoff für ihre Bevölkerung eingedeckt. Die USA etwa halten 100 Millionen Impfdosen vor. Größere Bestände lagern zudem in Deutschland, Großbritannien, Israel und Südafrika.

Auch die Weltgesundheitsorganisation hat 64 Millionen Dosen des kostspieligen Impfstoffs vorrätig, aber dies würde im Ernstfall nicht reichen, um auch in Entwicklungsländern die ganze Bevölkerung zu erreichen. Und so würde sich eine erneute Pocken-Epidemie auch heutzutage rasend schnell wieder ausbreiten können.

Erfolg als Ansporn

Die erfolgreiche Ausrottung ist bislang einzigartig in der Medizingeschichte. Für die WHO ist Erfolgsgeschichte seitdem Ansporn, auch andere Infektionskrankheiten endgültig ausrotten zu wollen, so der damalige Leiter des "Smallpox Eradication Programme", Donald Henderson: "Wir begrüßen diesen historischen Meilenstein als eine der brillantesten Errungenschaften der Medizingeschichte. Aber die Ausrottung der Pocken war kein Selbstzweck, und 1974 beschloss die Vollversammlung, ein erweitertes Impfprogramm auf den Weg zu bringen, dessen Ziel es war, sicherzustellen, dass die Kinder der Welt auch vor Masern, Polio, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus geschützt werden. (…) Die 80%-Marke wurde 1990 erreicht, und damit ist eine neue Ära für die Verwirklichung der öffentlichen Gesundheit durch Impfungen angebrochen."

Entsprechend groß sind die Hoffnungen, dass die Weltgesundheitsorganisation auch beim Kampf gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 eine international koordinierende Rolle einnehmen kann, damit ein Impfstoff nicht nur möglich schnell entwickelt wird, sondern eben auch so erschwinglich ist, dass er allen Menschen zur Verfügung gestellt werden kann. 

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