Von Trump bis Salvini: Warum Politiker immer populistischer werden | Kultur | DW | 14.07.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

DW-Interview

Von Trump bis Salvini: Warum Politiker immer populistischer werden

Donald Trump beim NATO-Gipfel, Matteo Salvini über Flüchtlinge in Italien: Vereinfachungen und Entgleisungen im politischen Diskurs sind keine neue Entwicklung, meint der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl.

Deutsche Welle: Herr Professor Vogl, haben Sie den Eindruck, dass sich der Ton in der deutschen Politik verschärft hat in den letzten Jahren?

Joseph Vogl: Nicht unbedingt, aber das Ressentiment ist wieder wichtigste politische Ressource geworden, die man mit rabiaten Feindschaftserklärungen, Diskriminierungsgesten und mit dem Recycling völkischer Reinheitsgebote ausbeutet. Ausgestellte Niedertracht wird nun - zwischen Rom und München - mit der realistischen Hoffnung auf Wählergunst verbunden: sei es die lautstarke Ankündigung von Abschiebelagern, sei es Jubel über unterlassene Hilfeleistung auf hoher See.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Bereits seit Ende der achtziger Jahre haben die so genannten christlichen Parteien in Deutschland Wahlkämpfe mit dem "Ausländer"-Thema geführt. Auch da ging es um puren Machterhalt. Dann folgten Rostock-Lichtenhagen, die Verschärfung des Asyl-Paragraphen, die Morde von Solingen. Hier gibt es also eine lange eingeübte Routine. Dazu kommen die Massenexperimente in den gegenwärtigen Wettbewerbs- und Konkurrenzgesellschaften. Mit dem atomistischen Zerfall von Solidarmilieus werden sie anfällig für die Mobilisierung politischer Häme. Und vielleicht muss man noch eine wohlstandsgepolsterte Mittelschicht hinzuzählen, die sich anästhesiert oder indolent gemacht hat gegenüber den Wirklichkeiten an der Peripherie oder in sozialen Ekel-Zonen.

Andererseits vermissen viele Bürger die direkte Konfrontation in der Politik, es werde zu viel "gekuschelt", zu wenig "Tacheles geredet". Verstecken sich Politiker heutzutage mehr hinter Worthülsen als früher?

Nein. Allerdings haben sich die Konfliktlinien verändert. Ging es noch vor zwei, drei Jahrzehnten um den Kampf um Emanzipation, um sozialen Ausgleich und den Zugewinn von demokratischen Rechten, steht man heute mit dem Rücken zur Wand und verteidigt schwindende Bestände. Zudem sind neue Kräfte übermächtig geworden. Die längst fällige Wendung gegen das Diktat des Finanzregimes hat nur Ohnmachts- und Kapitulationsgesten hervorgebracht.

Italiens Innenminister Matteo Salvini (links) und Horst Seehofer in Innsbruck vor einer Reihe Mikrofone (DW/B. Riegert)

Italiens Innenminister Matteo Salvini (links) und Horst Seehofer in Innsbruck nach Gesprächen über die Rücknahme von Flüchtlingen

Was für eine Rolle spielen die großen TV-Talkshows Ihrer Meinung nach in der politischen Debatte?

Eine desaströse. Beflissene Moderatoren vertreiben mit Meinungen und Stimmungen Stimmungen und Meinungen. Affektkonjunkturen werden mit der Verstärkung von Affektkonjunkturen beantwortet. Das ist hochbezahlte Polit-Pornographie und journalistische Desinformation.

Sind Sie der Meinung, dass die Anzahl an politischen Talkshows im deutschen Fernsehen reduziert werden sollte?

Abschaffen.

Joseph Vogl (Imago/C. Thiel)

Joseph Vogl beklagt die Meinungsmache in den Medien

Fällt Ihnen spontan ein Land oder eine Gesellschaft ein, von deren Streitkultur sich die deutsche Politik eine Scheibe abschneiden könnte?

Vielleicht Portugal. Dort kommen die Völkischen und Xenophoben auf ca. 0,5 der Wählerstimmen, und die gegenwärtige Regierung macht dezent, lautlos und erfolgreich die Austeritätsdiktate der EU rückgängig. Und die so genannte Streitkultur könnte erheblich gewinnen, würde man nicht nur noch das rechtsradikale Gepöbel, das regierungsfähig wurde, auf allen Kanälen akustisch verstärken.

Prof. Dr. Joseph Vogl ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und Kulturwissenschaft in Verbindung mit Medien an der Humboldt-Universität Berlin. In seinen Büchern beschäftigt er sich mit der Geschichte und Theorie des Wissens, unter anderem am Beispiel des Finanzkapitalismus. 

Das Interview führte Philipp Jedicke.

Die Redaktion empfiehlt