Von Breaking Bad bis Twin-Peaks: US-TV-Serien setzen auf ungewöhnliche Charaktere | Filme | DW | 19.09.2015
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Filme

Von Breaking Bad bis Twin-Peaks: US-TV-Serien setzen auf ungewöhnliche Charaktere

Wohnen alle Amerikaner in Manhattan oder im trauten Vorort-Idyll? Und warum liebt man den Mafiaboss bei den "Sopranos", der doch eigentlich ein Monster ist? Amerikanische TV-Serien faszinieren auch die Deutschen.

Ob man an die verschlafene Kleinstadt "Twin Peaks" oder an "Melrose Place" denkt: US-Serien haben ihren Teil dazu beigetragen, das amerikanische Selbstverständnis nach Europa und in alle Welt zu exportieren. Vielleicht sogar mehr als Spielfilme, die aufgrund ihrer zeitlichen Begrenzungen nicht dieselben Eindrücke beim Publikum hinterlassen.

Es geht dabei um ein "Feeling" – eine englische Vokabel, die man nicht einfach mit 'Gefühl' übersetzen mag. Und dieses Feeling wird weltweit durch Einschaltquoten und Werbeeinnahmen gefeiert. Jetzt feiert es sich auch selbst mal wieder, wenn in Los Angeles zum 67. Male die Emmy Awards vergeben werden, die mittlerweile sowohl an Opulenz als auch an Bedeutung den Oscar-Verleihungen kaum nachstehen.

Die USA sind Serien-Vorreiter

Für Experten kommt es nicht von ungefähr, dass die US-Formate auch bei den Deutschen so gut ankommen. Jürgen Müller ist Kunsthistoriker an der Technischen Universität Dresden und hat sich mit dem Taschen Verlag zusammengeschlossen, um sich in einem fünf Kilo schweren Almanach mit dem Phänomen "Hit-Serien" der letzten 25 Jahre auseinanderzusetzen.

Für Müller ist das Hauptmerkmal amerikanischer Produktionen die visionäre Denkweise der Produzenten und Regisseure: "Die Amerikaner schaffen es, in dem Gebiet fast weltweit Monopolposition zu beziehen, weil sie einfach die Vorreiter sind und schon immer waren," sagt er. "Da wird unheimlich viel Geld investiert in Produkte, die später auch weltweit vertrieben werden. Serien verdienen es mittlerweile, wie tolle Spielfilme gesehen zu werden. Da finden unglaubliche Dialoge und ambitioniert Produktionen statt. Die Tage von leichter Unterhaltung wie 'Lassie' sind lange vorbei."

Das Zeitalter von Twin Peaks

Sheryl Lee als Laura Palmer - als Leiche

Vermutlich die attraktivste Leiche in der TV-Geschichte: Sheryl Lee als Laura Palmer in 'Twin Peaks'

Serien hätten sich Anfang der 1990er Jahre von ihrem episodischen Charakter getrennt und sich tiefgängigeren Dramaturgien gewidmet haben, so Müller weiter. "Der Kampf zwischen gut und böse war früher deutlich ersichtlich und Kern der Erzählung. Doch 'Twin Peaks' setzte eine neue Ästhetik durch, wo nicht mehr immer das Happy End im Mittelpunkt steht." Die Protagonisten seien nicht mehr nur gut oder böse, sondern nähmen viel komplexere Dimensionen an, erklärt der Kunsthistoriker. "Die dunkle Seite der menschlichen Natur wird auch viel besser dargestellt."

Der amerikanische Traum in 45 Minuten

Diesen Tiefgang weiß auch die US-amerikanische Drehbuchautorin Shelly Goldstein zu schätzen. Die in Los Angeles lebende Fachfrau, die gerne schon mal ein Skript ganz auf den Kopf stellt und im letzten Moment alles nochmal ändert, lobt bei den neueren Serien die Komplexität der Charaktere: "Schauen wir uns doch mal Tony Soprano von 'Den Sopranos' an. Der Mann ist ein Monster, aber er ist ebenso sehr ein liebevoller Familienvater. Er kennt seine Fehler, und dennoch verkörpert er den amerikanischen Traum", so Goldstein.

Shelly Goldstein

Drehbuchautorin Shelly Goldstein ist überzeugt, dass das Publikum komplexe Serienhelden bevorzugt

Doch wobei geht es beim amerikanischen Traum eigentlich genau? Es scheint ganz so, als ob die alten amerikanischen Träume, das Streben nach Macht und Reichtum, wie in "Dallas" und "Denver Clan" beschrieben, komplett in den Hintergrund gerückt sind und Platz geschaffen haben für neue, zerbrechliche Träume. "Bei Walter White ist das ja auch nicht anders mit diesen extremen Polen. Dieser unscheinbare Chemielehrer aus der Serie 'Breaking Bad' wandelt sein Leben komplett um, als er erfährt, dass er tödlich an Krebs erkrankt ist," erklärt Goldstein, die ein begeisterter Fan der Serie ist. "Was er mit seinem Leben anstellt, ist komplett soziopathisch, aber er tut es je um seine Familie zu beschützen." Überhaupt sei der neue Held in amerikanischen Formaten oftmals ein Monster, aber eines mit großem Herzen. "Jegliche Kunst spiegelt ja immer die Kultur wider, aus der sie entsteht, und bei diesen Serien geht es halt um die amerikanische Kultur. Ich denke schon, dass diese Sendungen Amerika, wenn auch etwas überspitzt, darstellen."

Der Reiz des Ungewöhnlichen

Eric Millegan

Eric Millegan wurde als Dr. Zack in der Serie "Bones" berühmt

Vielleicht ist es gerade diese Überspitzung, die in Europa so gut ankommt. Der Schauspieler Eric Millegan liebt Charaktere, die ihn als Schauspieler herausfordern. Mit seiner Rolle als Dr. Zack Addy in der Serie "Bones" wurde er über Nacht berühmt. Einen Gerichtsmediziner zu spielen, hatte ihn sehr gereizt: "Sowas spielt man ja nicht jeden Tag. Und auch im wahren Leben haben nur die wenigsten was mit Gerichtsmedizin zu tun. Deswegen war 'Bones' für mich schon etwas ganz Besonderes, insbesondere weil die Drehbücher ja auf echten Kriminalfällen beruhen," sagt Millegan.

Kein langes Warten mehr: TV-Serien zum Downloaden

Selbst Darsteller sind also von den ungewöhnlichen Perspektiven angetan: Die neuen Serien haben interessante Figuren, mit denen man sich vielleicht eher anfreunden kann als mit den stereotypen Charakteren vergangener Jahrzehnte.

Filmstill aus MAD MEN

"Mad Men" gehört zu den Emmy-Favoriten 2015

"Solche Sätze wie 'Hast Du gestern den Tatort gesehen?' gehören eher der alten Struktur der Serien an," sagt Jürgen Müller und verweist auf die Vermarktbarkeit der neuen Produkte des Quality TV: "Die Amerikaner schaffen es, Formate zu entwickeln, die weltweit laufen. Die haben da ganz andere Visionen als in Europa, sind ungemein erfinderisch bei diesen Genremixen wie 'Game of Thrones"' zum Beispiel, und deswegen ist diese neue Serienkultur auch durchaus kostspielig. Daher ist der Begriff 'Unterhaltungsindustrie' auch nicht von ungefähr."

Denn heutzutage muss man nicht lange auf die nächste Folge hinfiebern, sondern kann die aufwendigen Serien oft am Stück, als Boxset oder Download, anschauen. "Man kann einen ganzen Tag lang eine Staffel angucken und danach immer noch nach mehr verlangen. Diese Serien haben geradezu ein Suchtpotential", resümiert Müller. "Das gab es vorher in dem Sinne nicht."

Shelly Goldstein sieht das ähnlich: "Das Fernsehen ist eine mächtige Verlockung, weil es nun mal die unbegrenzten Wünsche einer unbegrenzten Vielzahl von Menschen weltweit auf unbegrenzte Weisen erfüllt" ...

…wenn auch nur bis zur nächsten Folge.

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