Visegrád-Gruppe: Wirtschaftsmotor wird wieder eingeschaltet | Europa | DW | 21.04.2020
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CORONAVIRUS

Visegrád-Gruppe: Wirtschaftsmotor wird wieder eingeschaltet

In den vier Ländern der Visegrád-Gruppe (V4) startet die Autoindustrie durch und Corona-Verbote werden gelockert. Die Region entdeckt die Kurzarbeit.

Audi-Werk (Imago/S. Simon)

Produktionshalle Audi

Ein schöner Tag war Montag, der 20. April, in Polen. Die Sonne strahlte über das ganze Land und man durfte wieder in den Wald. Das Verbot, Wälder und Parkanlagen zu betreten, eine Regelung aus der Corona-Zeit, die es wahrscheinlich nirgendwo sonst gegeben hat, wurde behoben. Dafür gilt aber die drei Tage früher verhängte Pflicht, Mund und Nase zu bedecken.

Kurzarbeit - Wort des Jahres?

Allerdings steht die Wirtschaft zum großen Teil noch still und in allen vier Visegrád-Ländern(Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn) macht das deutsche Wort "Kurzarbeit" Schlagzeilen. Im Tschechischen und dem Slowakischen ist es sogar in seiner deutschen Originalfassung ein Bestandteil des Wortschatzes geworden.

Das tschechische Regierungsprogramm "Antivirus" sieht eine 80-prozentige Rückerstattung der Löhne der Angestellten vor, die sich in Quarantäne befinden oder deren Beitriebeingestellt wurde - bis maximal 1.400 Euro. Wurde der Betrieb eingeschränkt, beträgt die Rückerstattung 60 Prozent des Lohns, bis höchstens 1.050 Euro. In Ungarn gelten Sätze von 70 beziehungsweise 40 Prozent. In der Slowakei wurde die Kurzarbeit mit einem Satz von 80 Prozent und einer Obergrenze von 1.100 Euro eingeführt. In Polen erstattet der Staat 40 Prozent des auf 80 Prozent gekürzten Lohns.

Slowakei: VW wieder im Betrieb

Ein schöner Tag war der Montag auch in der Slowakei - des VW-Werks wegen.

Vor einer Woche hatte Premierminister Igor Matovič gesagt, die slowakische Wirtschaft laufe zu 70 Prozent, der Rest sei abgeschaltet. "Wenn wir alle Geschäfte öffnen würden, kämen zwei Prozent dazu", meinte er. "Die übrigen 28 Prozent hängen nicht von uns ab, sondern davon, ob ein Deutscher einen Volkswagen aus unserer VW-Fabrik wird kaufen wolle."

Nun ist es offenbar soweit. Zum Wochenbeginn ist VW in Bratislava wieder in Betrieb gegangen, nach einer einmonatigen Pause. Eine gute Nachricht, auch wenn das Werk zunächst nur im Ein-Schicht-Modus arbeitet und lediglich Porsche Cayenne herstellt.

Slowakei VW Produktion (Imago/CTK Photo/Ja. koller)

VW-Werk in Bratislava startet im Ein-Schicht-Modus

Eine ganze Region von Autos abhängig

Davon, ob die Autoindustrie durchstartet, hängt in allen V4-Ländern sehr viel ab. Aber in der Slowakei noch ein bisschen mehr. Mit der weltweit höchsten Produktionsrate von 202 Autos pro 1.000 Einwohnern liefert der Sektor knapp die Hälfte aller slowakischen Ausfuhren (46,6 Prozent im Jahr 2018).

Ob der wichtigste Wirtschaftsmotor der Region weiter läuft, liegt jedoch nicht im Entscheidungsbereich der Regierungen, sondern bei den Konzernen, die wiederum von der Nachfrage in den Märkten abhängig sind. Davon, ob die Deutschen (Franzosen, Amerikaner u. a.) ihre Autos kaufen werden oder nicht.

Dieses Problem haben die Koreaner offenbar nicht mehr. Im slowakischen KIA-Werk ging die Corona-bedingte Arbeitsunterbrechung schon am 6. April zu Ende. Die tschechische Hyundai-Fabrik arbeitet seit dem 14. April. KIA unterbrach zwar am Montag die Produktion, aber nur bis Donnerstag.

Auch das Audi-Werk im ungarischen Győr ist angelaufen. Mercedes in Kecskemét und Suzuki in Gran (Esztergom) sollen zum Monatsende wieder arbeiten.

In Tschechien soll Škoda noch eine Woche lang still stehen und TPSA (Toyota-Peugeot-Citroën) sogar noch zwei Wochen. Wann PSA (Peugeot-Citroën) in der Slowakei und beide Opel-Werke in Polen wieder geöffnet werden, ist noch nicht bekannt.

Tschechien: detaillierter Belebungsplan

Von den Regierungen hängt allerdings ab, wie es anderen Branchen gehen wird, die gezwungen wurden, Betriebe zu schließen und Mitarbeiter nach Hause zu schicken.

Die ersten waren die Tschechen, die vor einer Woche einen detaillierten, auf fünf Schritte verteilten Zeitplan vorlegten, der am 8. Juni abgeschlossen wird. Vorausgesetzt, dass das Coronavirus nicht zurückschlägt.

So sind Agrarmärkte, Autohäuser und manche Gewerbebetriebe am Montag, dem 20. April, geöffnet worden. Eine Woche später sollen alle Geschäfte bis 200 Quadratmeter folgen und ab dem 11. Mai die Läden bis 1.000 Quadratmeter sowie Fitnesszentren. Ab dem 27. Mai dürfen Gasthäuser, Restaurants, Büffets, Kaffeehäuser, Wein- und Bierkeller mit dem Fenster- und Gartenbetrieb beginnen. Friseure, Kosmetikerinnen und Masseure werden Kunden in ihren Salons begrüßen können. Auch Museen, Galerien und Tiergärten werden ihre Pforten öffnen.

Bierkrüge (picture-alliance/dpa/S. Hoppe)

In Tschechien sollen Biergärten am 27. Mai geöffnet werden

Am 8. Juni soll fast alles funktionieren, auch Piercing und Tätowierung. Lediglich Kultur- und Sportveranstaltungen bleiben auf 50 Teilnehmer beschränkt.

Einen ähnlichen, aber weit vorsichtigeren Plan hat der slowakische Premier Igor Matovič am Montagabend vorgestellt. Die erste von vier Phasen beginnt am Mittwoch, dem 22. April. Sie sieht unter anderem die Öffnung aller Geschäfte bis 300 Quadratmeter vor. Die weiteren Phasen werden von den gesammelten Erfahrungen abhängen. "Ideal wäre", so Matovič, „sie im Zwei-Wochen-Takt einzuführen."

Grenzen - ein Jahr lang zu?

Inmitten dieses vorsichtigen Optimismus hat der tschechische Präsident Miloš Zeman in einem Rundfunkgespräch mit der Behauptung überrascht, Grenzen müssten ein Jahr lang geschlossen bleiben. Seine Mitbürger sollten "die Schönheit der tschechischen Landschaft genießen". Er selbst plane, den Sommer in Vysočina, in der Böhmisch-Mährischen Höhe zu verbringen, sagte er.

Dass er in diesem Jahr auch nach Moskau reisen werde, zur Feier des 75. Jahrestags des Kriegsendes, sagte er dann ein paar Stunden später in einem anderen Radiosender. Die Feierlichkeiten, die in der russischen Hauptstadt jedes Jahr am 9. Mai stattfinden, wurden allerdings wegen Corona verschoben. Wann sie stattfinden, ist nicht bekannt.