Vierzig Jahre nach Tito | Europa | DW | 04.05.2020
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ZEITGESCHICHTE

Vierzig Jahre nach Tito

Vor 40 Jahren verstarb Josip Broz Tito, Widerstandskämpfer und ehemaliger Staatschef Jugoslawiens. Mit seinem Tod begann der Zerfall Jugoslawiens. Orientierung bietet er heute keine mehr, meint Norbert Mappes-Niediek.

Parade mit Marschall Josip Broz Tito in Belgrad, 9.05.1975 (Getty Images)

Parade mit Marschall Josip Broz Tito in Belgrad, 9. Mai 1975

Das Datum prägte sich einer ganzen Generation ein wie einer späteren der 11. September: Jeder wusste zu sagen, wo er sich befand, als ein grauer Funktionär mit trauriger Miene am Nachmittag des 4. Mai 1980, einem Sonntag, im Fernsehen den Tod Titos bekanntgab. In Split an der Adriaküste spielte die Heimmannschaft Hajduk gerade gegen Roter Stern Belgrad, als in der 41. Minute die Nachricht über den Stadionlautsprecher kam. Zehntausende brachen in Tränen aus, ein Spieler kollabierte. Spontan erklang aus 50.000 Kehlen das Lied:  Genosse Tito, wir schwören dir - Von deinem Pfad weichen wir niemals ab!

Verstohlene "Titostalgie"

Vierzig Jahre später herrscht überall im einstigen Reich des Verstorbenen eine verstohlene, aber unübersehbare "Titostalgie", wie der slowenische Kulturforscher Mitja Velikonja es nennt. Von dauernder Anhänglichkeit künden Souvenirstände und Flohmärkte. Eine serbische Autobahnraststätte ist eingerichtet wie ein Gebetsraum mit lauter Tito-Ikonen. Portraits des Marschalls in seiner weißen Uniform hängen in hippen Bars. Die stärksten Zeugen seines Nachlebens aber sind anonyme Meinungsumfragen  - und die Elogen, die angeheiterte Kneipenrunden auf den legendären Staats- und Parteichef immer wieder anstimmen.

Jugostalgie (DW/Olga Kapustina)

Tassen mit sozialistischen Symbolen im Belgrader "Haus der Blumen" - das Tito-Mausoleum gehört zum Museum der Geschichte Jugoslawiens

Nirgends eine Würdigung dagegen findet "der Alte", wie er zu Lebzeiten respektvoll genannt wurde, in der offiziellen Gedenkkultur. Für die Lebensleistung Titos hat keiner der sieben Staaten, die aus Jugoslawien hervorgegangen sind, eine tragfähige Formel gefunden.

Umstrittenes Andenken in Kroatien

In Kroatien, seinem Heimatland, ist das Andenken an den Partisanenführer und Staatsmann hoch umstritten. Titos winziger Geburtsort an der kroatisch-slowenischen Grenze, noch bis in die Neunzigerjahre eine Gedenkstätte für den Partisanenkampf, wurde zu einem unpolitischen Dorfmuseum umfunktioniert, blieb aber ein Pilgerort. Weit über den Zerfall Jugoslawiens hinaus behielt der Marschall-Tito-Platz vor dem Nationaltheater im sozialdemokratisch regierten Zagreb seinen Namen; erst 2017 fand sich eine rechte Mehrheit im Stadtrat, ihn in „Platz der Republik Kroatien" umzubenennen. Rijeka hat noch immer einen großen Tito-Platz.

Für die dominierende "Kroatische demokratische Gemeinschaft" ist der Marschall eine Unperson. Die Partei erinnert statt an Tito an dessen Opfer. Alljährlich nehmen führende Politiker bis hin zur früheren Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarović im österreichischen Grenzort Bleiburg an Feiern zu Ehren mehrerer Tausend NS-Kollaborateure teil, die der Diktator nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ermorden ließ. Parteigründer Franjo Tudjman hinderte das aber nicht, den Stil des Partisanenführers bis in die Details der Uniform nachzuahmen. Fragt man im Land, wer der "größte Kroate aller Zeiten" war, trägt Tito regelmäßig den Sieg davon - vor Tudjman.

Zwischen Achtung und Vergessenheit

Weitgehend ungebrochen ist das Ansehen Titos in Bosnien-Herzegowina und Nordmazedonien. Beide Länder wurden, als Jugoslawien zerfiel, eher widerwillig unabhängig. In Sarajevo ist noch immer der größte Boulevard nach Tito benannt, in Skopje steht sogar ein Tito-Denkmal. Slowenien ist in Fragen der Vergangenheitsbewältigung wie Kroatien gespalten, fühlt aber überwiegend links - entsprechend positiv ist das Tito-Bild. Im Kosovo mit seiner jungen Bevölkerung scheint die jugoslawische Vergangenheit nahezu vergessen. In der älteren Generation aber genießt Tito, der dem Land gegen serbischen Widerstand zur Autonomie verhalf und die arme Provinz aufbauen ließ, noch immer Achtung. Der frühere KP-Chef Mahmut Bakalli, der sich später den Nationalisten anschloss, hatte sein Wohnzimmer mit lauter Tito-Bildern dekoriert.

Tito und Jovanka Broz Belgrad Archiv 1973 (picture-alliance/dpa)

Tito und seine Ehefrau Jovanka Broz, April 1973

Eher verlegener Umgang wird in Serbien mit Tito gepflogen. Slobodan Milošević, der starke Mann der 1990-er Jahre, ignorierte das Erbe in öffentlicher Rede komplett, ließ in aller Stille die Mahnwache vor seinem Grab abziehen und entzog Titos Witwe die Apanage. Für radikale Nationalisten ist der Kroate eine Hassfigur: Er habe Serbien auf Kosten der anderen Nationen kleinhalten wollen. Da aber über den Untergang Jugoslawiens bei einer großen Mehrheit Bedauern herrscht, hat dessen jahrzehntelanger Führer noch immer eine starke Anhängerschaft. Zu seiner posthumen Popularität trägt bei, dass keiner der Nachfolgestaaten das Prestige hat, das Jugoslawien auszeichnete - weder international noch bei den eigenen Bürgern. 

Tito - eine ambivalente Legende

Tito stand für nationales Selbstbewusstsein, ein Gefühl, das mit ihm verschwand. Schon im Zweiten Weltkrieg war der geheimnisvolle Rebell, den niemand je gesehen hatte und von dem alle nur den Kampfnamen kannten, eine Legende, ähnlich wie später Ché Guevara. Dass er mit seiner Yacht die Weltmeere kreuzte, mit Willy Brandt, Nehru, Nasser und Sukarno befreundet war und Englands Königin Elisabeth auf dem Klavier vorspielte, dass zu seinem Begräbnis schließlich die gesamte Weltspitze anreiste, erfüllte die Zeitgenossen aller jugoslawischen Nationalitäten mit Stolz. Nach Titos Tod 1980 begann der Abstieg. Gute Zeiten, wie in den 60-er und 70-er Jahren, kehrten danach nie wieder ein. 

Tito in Deutschland - mit Bundeskanzler Willy Brandt (picture-alliance/dpa)

Tito (Bildmitte) zu Besuch in der Bundesrepublik Deutschland, 1970. Rechts im Bild Bundeskanzler Willy Brandt, links Bundesaußenminister Walter Scheel.

Auch die Historiker tun sich mit Tito schwer. Eine umfangreiche, eher preisende Biografie des Slowenen Jože Pirjevec erreichte hohe Auflagen. Über Ambivalenz kommen die Urteile der wissenschaftlichen Nachwelt selten hinaus. Gewürdigt wird sein Bruch mit Stalin 1948, sein Einsatz für die Bewegung der Blockfreien und für die Dritte Welt, die relative Liberalität seines Regimes. Auf der Sollseite stehen die Massenmorde der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Sträflingsinsel Goli otok, auf die anfangs die sowjettreuen Tito-Gegner und später auch andere Dissidenten geschickt wurden.

Ein Problem bei Titos Würdigung ist, dass von seinem Wirken nichts blieb. Für Nachfolge hatte er nicht gesorgt, der Zerfall seines Staates begann mit seinem Tod. So hoch sein Ansehen sein mag: Orientierung bietet er keine mehr.     

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