Viel grüner Strom, wenig Speicher: das europäische Nadelöhr
30. Mai 2026
Tagsüber, wenn der Wind kräftig weht und die Sonne scheint, steht in Deutschland und anderen Ländern häufig mehr grüner Strom zu Verfügung als in dem Moment gebraucht wird. Doch bisher fehlen ausreichende Batterien, um diese Energie für spätere Nutzung zu speichern. Geht die Sonne unter, speisen darum häufig immer noch Gaskraftwerke die Netze.
Das muss sich ändern, denn Deutschland will bis 2045 klimaneutral wirtschaften, die gesamte EU bis 2050. Speichersysteme für grünen Strom sind essenziell für die Energiewende und für konstante Strompreise.
Bisher wird EU-weit rund die Hälfte des Stroms mit Erneuerbaren Energien erzeugt. Mit mehr Großspeichern könnte der Anteil weiter steigen.
In ganz Europa gibt es derzeit Großbatteriespeicher mit einer Gesamtkapazität von knapp 14 GW, so die Zahlen des Joint Research Centers der EU-Kommission. Der Ausbau wurde in den vergangenen Jahren enorm beschleunigt. 84 GW zusätzliche Speicher sind in Planung oder bereits im Bau. Sie sollen in den nächsten Jahren ans Netz gehen, das wäre eine Versechsfachung der bisherigen Kapazitäten.
Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich laut dem Forschungs- und Analyseunternehmen Bloomberg New Energy Finance (BNEF) in den nächsten Jahren weltweit ab. Die Prognose sieht das stärkste Wachstum von großen Batteriespeichern in Asien, vor allem in China und Indien. In Europa sind Deutschland und Italien, wo schon besonders viele erneuerbare Energie erzeugt wird, besonders große Märkte für Batteriespeicher.
Dass immer mehr Speicher ans Netz gehen, liegt auch an den weiter sinkenden Kosten. Lithium-Ionen-Batterien etwa wurden in den letzten Jahren jedes Jahr um etwa 20 Prozent günstiger. Bis 2030, so die Erwartungen der EU-Kommission, werden sich die Preise für Batterien im Vergleich zu 2022 halbieren.
Preisschwankungen beim Strom fördern Speicher-Ausbau in Europa
Zählt man kleine Batteriespeicher für das Eigenheim und Großspeicher zusammen, wurden die Kapazitäten in der EU in vergangenen vier Jahren verzehnfacht. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen sie noch einmal verzehnfacht werden auf rund 750 GW. Davon ist man aber bisher aber noch weit entfernt.
Was dennoch für eine Ausbaudynamik in Europa spricht, sind die derzeit hohen Preisschwankungen an den Strombörsen.
Denn: Tagsüber ist durch Wind und Sonne oft mehr Strom am Markt als nötig. Die Preise sind dadurch besonders niedrig und teilweise sogar negativ. Die Folge: Einige Solar- und Windparks werden für ein paar Stunden teil- abgeschaltet. Und das senkt die Rentabilität der Energieproduzenten.
Wenn dann abends Gas- und teilweise auch Kohlekraftwerke ans Netz gehen, steigen die Preise, erklärt Dirk Uwe Sauer, Professor an der RWTH Aachen für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik.
"Wenn man sich diese Preise anguckt, zum Beispiel vom letzten Jahr, dann sieht man, dass um die Mittagszeit herum im Mittel der Strom nicht viel mehr als vielleicht 0,03€ gekostet hat. Und in den frühen Abendstunden eher 0,18€."
Genau diese hohe Preisunterscheid macht die Investitionen in Batteriespeicher für das Klima auch aus wirtschaftlicher Sicht attraktiv – umso mehr weil die Gaspreise durch den Ukraine- und den Irankrieg derzeit besonders hoch sind.
Gerade dann kann jede Speichereinheit dabei helfen, die Preisspitzen möglichst gering zu halten, so Sauer. Und davon würden ebenso die Industrie wie langfristig auch die Verbraucher profitieren.
Bisher verzögert sich der Ausbau in Europa oft durch langsame Genehmigungsverfahren, lange Planungsphasen und einen erheblichen Stau bei den Anschlüssen der Speicher an die Netze.
Stromnetze fit machen für die Energie-Zukunft
Darum sind Batteriespeicher sind sowohl für die Wirtschaft als auch für die Energiewende wesentlich.
"Wir geben jedes Jahr etwa 80 Milliarden Euro für den Import von Energieträgern aus. Das sind enorme Abhängigkeiten aus denen uns die Erneuerbaren heraushelfen können, " so Sauer. Wichtig sei, das Speicher und Netze systemisch zusammen gedacht werden.
"Das heißt, zu den Wind- und Photovoltaikanlagen gehören Stromnetze für die örtliche Verteilung und Speicher für die zeitliche Verteilung. Beides ist absolut zwingend. "
Aber: Europas Netze sind oft über 40 Jahre alt. Und sie sind meist noch nicht darauf ausgelegt, große Mengen an lokal erzeugtem grünem Strom aufzunehmen und dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird. Deutschlands und Europas Stromnetze müssen modernisiert werden und Windanlagen, Solarparks und Speicher ausreichend anbinden.
Dafür sollen bis 2030 rund 580 Milliarden Euro investiert werden, so die EU Kommission.
Das geht teilweise schleppend voran – auch in Deutschland. So plant die Bundesrepublik seit Jahren den Bau von rund 16.000 Kilometer neuer Stromkabel. In Betrieb sind bis jetzt gerade mal 20 Prozent. Immerhin: bei den Genehmigungsverfahren ging es in jüngster Zeit deutlich voran.
Europaweit nehmen die Investitionen inzwischen Fahrt auf – auch wenn das Ziel 580 Milliarden bis 2030 wohl verfehlt wird. Laut der Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) wurden 2024 etwa 35 Milliarden in Verteilernetzte investiert, 2027 sollen es 47 Milliarden Euro sein.
Kurzfristige Krisen nutzen um langfristig zu planen
Der Irankrieg könnte den Batterie – und Netzausbau laut Analysen sowohl bremsen als auch beschleunigen.
Zwar hat der Konflikt bisher laut Bloomberg BNEF nur begrenzte Auswirkungen auf den Markt von Batteriespeichern, die vor allem in China produziert werden. Doch der Konflikt heizt die Strompreise an. Davon können Betreiber von Batteriespeichern kurzfristig profitieren. Doch für einen nachhaltigen Wachstumsmarkt brauche es andere Signale, sagt Sauer.
"Solche temporären Krisen sind in der Regel keine gute Basis für eine Investitionsentscheidung in Produkte, die hinterher sehr viele Jahre leben sollen." Trotz steigender Investitionen sieht er nach wie vor Signale für Unsicherheit am Markt.
Bis Anlagen, die heute geplant werden, tatsächlich gebaut würden und ans Netz gehen, sind der Irankrieg und die Energiekrise mit hohen Gaspreisen vorbei, ist sich Sauer sicher. Es brauche deshalb langfristige politische Ziele. "Stromnetze bauen sie für die nächsten 40 oder 50 Jahre".
Für die EU-Länder wird neben politischen Signalen auch der Zugang zu Lithium und anderen Metallen für die Batterieproduktion immer wichtiger. Europa bemüht sich deshalb mit seiner Strategie zu kritischen Rohstoffen, die eigene Produktion von seltenen Erden zu fördern, Abhängigkeiten von China zu reduzieren und unabhängige Lieferketten aufzubauen. Außerdem will die EU das Recyceln von kritischen Rohstoffen vorantreiben.