Veza Canetti: ″Die Schildkröten″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 07.10.2018
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Veza Canetti: "Die Schildkröten"

Aus der Heimat vertrieben zu werden, schmerzt Schriftsteller besonders, denn sie verlieren ihre Seele, die Sprache. Was das heißt, beschreibt Veza Canetti in klaren Worten - in ihrem autobiographischen Exil-Roman.

Österreich 1938, die Nazis sind schon in das deutsche Nachbarland einmarschiert. Die Treibjagd auf die jüdische Bevölkerung beginnt. Der Dichter Andreas Kain lebt mit seiner Frau Eva in einem herrschaftlichen Haus in Wien. Der Druck zu emigrieren, wächst. Doch damit nicht genug: Es braucht das rettende Visum aus England, und das kann dauern. Kain beschleicht die Angst vor dem, was kommen mag:

"Die Sprache ist seine Seele, die Figuren, die er gestaltet, sind sein Körper. Er kann nur Atem schöpfen, wo seine Sprache lebendig ist, und sein Leben erlischt, wo er nicht mehr versteht und nicht mehr verstanden wird."

Vom Wandel einer Stadt: Wien

Kain ist ein emphatischer Mensch. Einmal bewahrt er eine Schildkröte davor, dass ihr ein Hakenkreuz in den Panzer gebrannt wird. Unten im Dorf nämlich verkauft der Holzschnitzer die Tiere in seiner Bude zum Andenken an die "fröhlichste Stadt Zentraleuropas" - ein Ehrentitel, den das Wien der Vorkriegszeit tatsächlich mit Stolz trug. Die Schildkröten haben Symbolcharakter in Canettis Buch. Zwar gelten die Tiere als zäh, doch selbst sie verschwinden, wie die Juden, nach und nach von der Wiener Bildfläche.

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"Die Schildkröten" von Veza Canetti

Indessen will Kain das Land nur verlassen, wenn auch der Bruder geht. Doch Werner, ein Geologe, hängt zu sehr an den Steinen seiner Heimat. Die Situation spitzt sich zu: Juden werden enteignet, ihre Häuser geplündert und die Tempel angezündet. Die Heimat wird ihnen fremd. Eva leidet und drängt Kain immer verzweifelter zum Aufbruch:

"Wer auf dem Boden liegt, bekennt seine Niederlage ein. Man hat nichts mehr zu tragen, wenn man liegt. Man hat keinen Stolz mehr, man hat auch keine Bürde. Man ist jeder Last enthoben." 

Geschichten von Flucht und Vertreibung

Hilde, die Bankierstochter aus dem Nachbarhaus, heckt einen Fluchtplan aus. Ein Flugzeug, organisiert von einem SA-Mann, soll die Freunde außer Landes bringen. Doch der Plan scheitert: Das Paar muss in Werners kleine Wohnung ziehen. Kains Bruder wird von der SS abgeholt und stirbt im Konzentrationslager Buchenwald. Erst jetzt gelingt Kain und Eva die Flucht mit Hilfe eines Tricks.

Das Paar sitzt im Zug über die rettende Grenze:

"Ob er Devisen in seinem Koffer habe, Gold oder Silber. Kain verneinte und blickte zum Fenster hinaus. Der Beamte richtete seine kalten Augen auf Eva und fragte sie nach Wertobjekten in ihrem Koffer. Ihre Lippen zitterten: 'Wir haben ein Wertobjekt. Ja. Die Asche unseres Bruders!"

Adolf Hitler grüßt aus dem offenen Wagen jubelnde Frauen (picture-alliance/Keystone/Photopress-Archive)

"Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland 1938

Veza Canettis Roman handelt von der Bitterkeit des Abschiednehmens. In klaren Worten beschreibt die Autorin, was menschliche Niedertracht vermag und wie sich andererseits Menschen selbst in höchster Not Menschlichkeit, Würde und Selbstachtung bewahren.

Veza Canetti, die wenig bekannte Frau des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti, hat ihr Buch 1938 unter dem Pseudonym Veza Magd verfasst. Da war dem jüdischen Paar soeben die Flucht vor dem Naziterror nach England gelungen. Unter dem Titel "Die Schildkröten" wurde der Roman jedoch erst 1999 veröffentlicht. Heute ist er ein beeindruckendes Werk deutscher Exilliteratur.

 

Veza Canetti: "Die Schildkröten" (1999), Fischer Verlag

Veza Canetti, geborene Venetiana Taubner-Calderon, kam als Tochter einer sephardischen Mutter und eines ungarisch-jüdischen Vaters in Wien zur Welt. Sie starb im Mai 1963 in London. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Literaturkennerin zunächst als Englischlehrerin tätig, bevor sie ihrem späteren Mann begegnete, dem Schriftsteller Elias Canetti. An seiner Seite arbeitete sie als Schriftstellerin und Übersetzerin, zumeist unter dem Pseudonym Veza Magd. Ihre eigenen Romane fanden zu ihren Lebzeiten keinen Verleger. Die Manuskripte zu einem Roman über Kaspar Hauser sowie einem Buch mit dem Titel "Die Genießer" gelten als verschollen. Der Roman "Die Schildkröten" ist autobiographisch geprägt und verarbeitet ihre Flucht nach England.

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