Verzweifelte Menschen auf der Flucht | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 22.06.2018
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Mittelamerika

Verzweifelte Menschen auf der Flucht

In den USA wird das Asylrecht immer weiter eingeschränkt. Betroffen sind vor allem Menschen aus Zentralamerika. Sie fliehen vor Gewalt und Kriminalität - und werden in den USA selbst wie Straftäter behandelt.

Die Aufnahmen gingen um die Welt: Verzweifelte Schreie von zehn kleinen Kindern, die mit tränenerstickter Stimme nach ihren Eltern rufen. Aufgenommen worden waren sie in einer Einrichtung des US-Grenzschutzes, in der Kinder getrennt von ihren Eltern untergebracht sind, veröffentlicht hatte sie das US-Medium ProPublica. Die Kinder, die in der bewegenden Aufnahme zu hören sind, kommen nach Angaben von ProPublica alle aus Zentralamerika. Das ist kaum verwunderlich, denn es sind vor allem Menschen aus den Staaten des "nördlichen Dreiecks" - gemeint sind Guatemala, El Salvador und Honduras - die vor der desaströsen Lage in ihrer Heimat fliehen und versuchen, in die USA zu gelangen.

Laut Untersuchungen des US-amerikanischen Pew Research Centers ist der Anteil von Migrantinnen und Migranten aus dem "nördlichen Dreieck" an der Gesamtmigration in die USA in den vergangenen Jahren gestiegen, während er im Fall von Mexiko zurückgegangen ist. "Viele Menschen fliehen vor der Gewalt in ihrer Heimat", sagt der honduranische Menschenrechtsexperte Dennis Muñoz. Die Situation in ihren Heimatstaaten ist für viele Menschen im "nördlichen Dreieck" so unerträglich geworden, dass sie als einzigen Ausweg die Flucht in die USA sehen. Guatemala, El Salvador und Honduras zählen zu den Ländern mit den höchsten Mordraten weltweit, häusliche Gewalt vor allem gegen Frauen und Kinder ist weit verbreitet. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage der Länder leben viele Menschen in Armut und haben kaum die Möglichkeit, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Hinzu kommt der Einfluss der so genannten pandillas - Jugendbanden, die ganze Stadtteile kontrollieren und beispielsweise Schutzgeldzahlungen von den Anwohnern erpressen. Die schwachen staatlichen Behörden sind nicht in der Lage, die Menschen ausreichend zu schützen - und oft selbst von der organisierten Kriminalität unterwandert.

Flüchtlinge aus Zentralamerika an der US-Grenze (DW/S. Derks)

Flüchtlinge aus Honduras auf dem Weg an die Grenze zu den USA.

Fluchtgründe eingeschränkt

Doch die Migranten, die vor Gewalt und Kriminalität in ihrer Heimat fliehen, werden an der Grenze zu den USA selbst wie Straftäter behandelt: Kinder und Eltern werden getrennt, die Eltern in Haft genommen. Zwar will US-Präsident Donald Trump die viel kritisierte Familientrennung nun wieder aufheben, doch auch ohne diese Praxis wird das US-amerikanische Asylrecht immer restriktiver ausgelegt. Erst vor wenigen Tagen hat US-Justizminister Jeff Sessions angekündigt, dass sich in Zukunft Migranten nicht mehr auf Bandenkriminalität oder häusliche Gewalt in ihren Heimatstaaten berufen können, um Asyl zu erhalten – Fluchtgründe, die auf viele zentralamerikanische Migranten zutreffen.

Auch bisher war es allerdings nicht einfach für die Migranten, ihre konkrete Gefährdung durch kriminelle Banden oder häusliche Gewalt im Einzelfall nachzuweisen - nach der neuen Regelung wäre selbst das nicht mehr möglich. Trotzdem könnten sich einige Gerichte auch in Zukunft über die neue Richtlinie von Sessions hinwegsetzen, meint Marco Pérez Navarrete von der Heinrich-Böll-Stiftung in El Salvador: "Auch wenn der Spielraum geringer wird, glaube ich nicht, dass sich die Richterinnen und Richter blind an die Verordnungen der US-Regierung halten werden". Zweifelhaft dürfte auch sein, ob die harte Einwanderungspolitik der USA überhaupt dazu geeignet ist, die Zahl der Migranten zu reduzieren. "Die Menschen werden weiter flüchten", sagt Pérez Navarrete. "Selbst die, die wieder zurückgeschickt werden, sehen oft nur die Option, es noch einmal zu versuchen."