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Verteidigung bringt Türkei und Deutschland zusammen

7. November 2025

Die Türkei wird für Europas Sicherheit immer wichtiger. Deutschland setzt auf militärische Kooperation mit Ankara, um seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken - auch mithilfe türkischen Know-hows.

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Das MPT-76-Gewehr
Zu den türkischen Rüstungsexporten zählt unter anderem das MPT-76-Gewehr - es wird von Aserbaidschan und Somalia eingesetzt, Chile und Pakistan bekunden ebenfalls InteresseBild: Evrim Aydin/AA/picture alliance

Die russische Invasion in der Ukraine hat Deutschlands sicherheitspolitisches Denken verändert. Berlin versucht seither, die Ukraine zu unterstützen und zugleich seine Verteidigungsfähigkeit zu stärken.

"Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass die NATO über unzureichende Produktionskapazitäten verfügt. Seit Kriegsbeginn versuchen insbesondere die europäischen Länder, ihre Fertigung zu vergrößern", sagt der türkische Verteidigungsanalyst Caglar Kurc.

Um diesen Bedarf zu decken, sucht Deutschland Partner - und sucht mit NATO-Verbündeten Türkei neue Kooperationsmöglichkeiten. Verteidigung war ein zentrales Thema, als Friedrich Merz Ende Oktober Präsident Recep Tayyip Erdogan traf. Erdogan sagte, man werde weiterhin eng mit Deutschland kooperieren.

"Wir freuen uns, wenn unsere beiden Rüstungsindustrien miteinander kooperieren können", hatte Wochen zuvor Außenminister Johann Wadephul in Ankara erklärt. "Man könnte fast fragen: Mit wem sonst?"

Bundeskanzler Merz (links) und Erdoğan reichen sich die Hände
Als Bundeskanzler Friedrich Merz Präsident Recep Tayyip Erdoğan besuchte, war von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit deutlich weniger die Rede als bei früheren BesuchenBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

"Die Erde wird plötzlich klein"

In schwierigen geopolitischen Zeiten werde der Kreis um Deutschland kleiner, so ein hochrangiger Beamter im Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz, der anonym bleiben möchte. "Dass die NATO im geopolitischen Raum einen ganz anderen Kontext einnehmen muss, ist uns allen klar. Im Lichte dessen, wie sich unsere nordatlantischen Beziehungen entwickeln und wie sich die Lage in der Ukraine oder auch mit China entwickelt, wird die Erde plötzlich relativ klein", sagt er im Gespräch mit der DW.

Trotz aller kritischen Aspekte habe man mit der Türkei "zumindest einen starken NATO-Partner, der nicht schlecht aufgestellt ist." Man könne voneinander profitieren und beide Seiten könnten voneinander lernen, so der Beamte. Nach den USA verfügt die Türkei über die Armee mit der zweitgrößten Truppenstärke der NATO.

Boomende Branche

2022 schafften es erstmals vier türkische Konzerne - Baykar, Aselsan, TAI und Roketsan - in die SIPRI-Liste der 100 größten Rüstungsunternehmen. Die türkische Verteidigungsindustrie wird auch in Deutschland immer stärker wahrgenommen. "Die neue Boombranche der Türkei", titelte etwa tagesschau.de.

Ein zerstörtes Gebäude in der Ukraine nach einem russischen Angriff
Der russische Angriff auf die Ukraine hat in der deutschen Politik einiges verändert. Im Rahmen der sogenannten "Zeitenwende" versucht Deutschland, seine Verteidigungsfähigkeiten zu stärkenBild: Stringer/REUTERS

Die Türkei könne nicht nur Kooperationspartner, sondern auch Absatzmarkt für die deutsche und europäische Rüstungsindustrie sein, so Benedikt Meng, deutscher Verteidigungsexperte mit mehrjähriger Erfahrung in der deutschen Rüstungsindustrie: "Da die Türkei darüber hinaus auch einer der größten NATO-Partner und Schlüsselakteur im Nahen Osten sowie im Kaukasus ist, sind vertiefte verteidigungspolitische sowie industriepolitische Beziehungen bei gemeinsamen Sicherheitsinteressen durchaus von Vorteil."

Konkrete Kooperationen gibt es bereits: Die türkische Firma Repkon wird ab 2027 in Deutschland 155-mm-Artilleriemunition produzieren, die Standardmunition der NATO-Haubitzen, die auch in der Ukraine eingesetzt werden. In türkischen Medien war von "Technologietransfer" die Rede.

Analyst Kurc hält das für übertrieben, betont aber den symbolischen Wert: "Die Produktionskapazität der Türkei, ihr Kooperationswille und die Qualität ihrer Unternehmen sind ebenfalls eine wichtige Ressource für die Weiterentwicklung der europäischen Verteidigung. Unter diesen Umständen wäre es ohnehin ein Fehler für Europa, die Türkei außen vor zu lassen."

Nach Jahren politischer Spannungen - etwa wegen des Einsatzes deutscher Panzer in Nordsyrien - wandelt sich das Verhältnis. Deutschland verlegte 2017 seine Tornados und ein Tankflugzeug von Incirlik nach Jordanien. Heute wird die Türkei wieder stärker als Partner gesehen, während Kritik an Menschenrechtsverletzungen leiser wird.

"Klar muss die Türkei einen Demokratieprozess einleiten. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Was bleibt am Ende des Tages übrig? Auch den USA werden wir nicht sagen: Wir nehmen dir deine Waffensysteme nicht mehr ab, weil du hier Leute deportierst", so der Bundeswehr-Beamte. Zudem ist man bemüht, die NATO-Bindung der zunehmend autoritär regierten Türkei, die auch gute Beziehungen zu China und Russland pflegt, nicht zu schwächen.

Aufnahme einer türkischen Bayraktar-TB2-Drohne auf einer Luftwaffenbasis in Litauen
Die Bayraktar-TB2-Drohne befindet sich bereits im Arsenal zweier EU-Staaten. Die Herstellerfirma hat zudem einige der Drohnen an die Ukraine verschenktBild: Petras Malukas/AFP

Türkische Drohnen für Europa?

Vor allem mit ihren leistungsfähigen und günstigen Drohnen hat sich die Türkei international etabliert. Sie spielten eine entscheidende Rolle im Bergkarabach-Krieg und werden auch in der Ukraine eingesetzt. Die EU-Länder Polen und Rumänien besitzen sie bereits. Im Juni gründeten Baykar und der italienische Rüstungskonzern Leonardo ein Joint Venture.

Deutschland "sollte sich die türkischen Drohnen auch definitiv angucken", so der Beamte. "Die Türkei ist da ziemlich weit. Im Sinne von Marktanalysen und Kooperationsmöglichkeiten halte ich da die Türkei definitiv für ein Player, mit dem es sich dringend lohnen würde, zeitnah Gespräche aufzunehmen, um das näher anzugucken." 

"Im Bereich der Drohnen und anderer fliegender Plattformen hat die Türkei interessantes Know-how aufgebaut, das in gemeinsame Projekte einfließen könnte", bestätigt Meng. Auch in einer TB2-Drohne stecke heute schon deutsche Technologie, betont er - etwa deutsche Sensoren.

Kurc betont: "Steigende Produktionskapazitäten der Türkei stärken auch die NATO. Ein Beispiel sind bewaffnete Drohnen: Während Europa noch das Eurodrone-Projekt umsetzt, verfügt die Türkei bereits über zwei vergleichbare Systeme. Nutzt Europa diese Fähigkeiten, stärkt das seine Verteidigung."

Die Türkei bemüht sich derweil, stärker in Europas Aufrüstungsstrategie eingebunden zu werden. Die EU-Kommission bestätigte im Oktober, dass sie einen Antrag der Türkei auf Teilnahme am Programm "Security Action for Europe" (SAFE), erhalten hat, das die Verteidigungsindustrie mit Krediten von insgesamt bis zu 150 Milliarden Euro stärken soll. Der Antrag werde geprüft, hieß es.

DW Mitarbeiter l Burak Ünveren, DW-Journalist
Burak Ünveren Redakteur. Themenschwerpunkte: Türkische Außenpolitik, Deutsch-Türkische Beziehungen.
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