Verlieren die Bundesliga-Klubs ihre Fans? | Sport | DW | 06.01.2021
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Fankultur

Verlieren die Bundesliga-Klubs ihre Fans?

Je länger der Fan-Ausschluss wegen der Corona-Pandemie dauert, umso unwichtiger wird Bundesliga-Fußball für viele Anhänger. Die Debatte über die Werte des Fußballs und seine Über-Kommerzialisierung verstärken den Effekt.

"Eine gewisse Entfremdung ist schon zu spüren", gibt Andreas Paffrath zu und sieht dabei nicht glücklich aus. Der Fanbeauftragte von Bayer 04 Leverkusen und seine Kollegen halten normalerweise engen Kontakt zu den Fans. Sie sind bei den Heim- und Auswärtsspielen der Werkself dabei und treffen auch unter der Woche im Fanhaus, dem Treffpunkt der aktiven Leverkusener Fanszene, viele Anhänger. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Beschränkungen hat sich das komplett geändert. Seit Monaten sind die Fans von den Spielen ausgeschlossen. "Die Kontakte zu den Fans werden immer weniger", sagt Paffrath im Gespräch mit der DW. "Und wenn man Leute trifft und sich mit ihnen unterhält, sagen fast alle, dass der Fußball, der einen sehr hohen Stellenwert hatte, doch nicht mehr das Wichtigste ist."

Stattdessen rückten andere Dinge in den Vordergrund. "Viele haben geheiratet, bekommen Kinder. Es werden andere Wertigkeiten wachgerüttelt, was teilweise auch schön ist", sagt der Fanbeauftragte und muss lächeln. "Man merkt einfach, dass die Leute eine andere Denkweise übernehmen."

Fanforscher Harald Lange: "Grenze erreicht"

Was Andreas Paffrath in Leverkusen feststellt, ist laut Fanforscher Harald Lange ein bundesweiter Trend. "Das ist das, was Fanbeauftragte aus der ersten, zweiten und dritten Liga und auch die Fans selbst immer wieder sagen", bestätigt der Wissenschaftler der DW. "Der Fußball ist in der persönlichen Wertehierarchie abgerutscht."

Fussball l Fanforscher Professor Harald Lange von der Universität Würzburg

Professor Harald Lange

Die wachsende Entfremdung habe aber auch mit Fehlentwicklungen im Profifußball zu tun: mit der Kommerzialisierung, die zuletzt wieder in der Debatte um eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder Thema war, und gegen die es seit langer Zeit Proteste aus der aktiven Fanszene gibt; mit der Inflation von Top-Ereignissen und Wettbewerben; mit der gleichzeitig aufkommenden Langeweile, weil meistens dieselben Mannschaften gewinnen. "Der Fußball ist an seine Grenzen gekommen", sagt Lange.

Dass aus dieser Entfremdung eine endgültige Abwendung geworden ist, lässt sich allerdings noch nicht belegen. Zumindest nicht, wenn man die Einschaltquoten der beiden Sender heranzieht, die die Bundesliga-Geisterspiele live im Fernsehen zeigen. Der Pay-TV-Sender Sky sagte gegenüber dem "Sportbuzzer" letztlich, man erreiche "Woche für Woche hervorragende Zuschauerzahlen" und könne kein Abebben des Interesses feststellen. Gleiches bestätigte auch DAZN-Chef Thomas de Buhr: "Aus unseren Daten ergibt sich keinerlei Evidenz für ein verändertes Interesse am Live-Sport." Auch das sogenannte Fanartikel-Barometer, in dem die Agentur "PR Marketing" seit 23 Jahren regelmäßig die Einnahmen aus dem Merchandising der Bundesliga-Klubs bilanziert, zeigt trotz der Corona-Einschränkungen im ersten Halbjahr 2020 keine Delle.

Ist die Bindung der Fans stark genug?

Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg beschreibt das Fan-Sein aus seinen jahrelangen Beobachtungen heraus, als stetes "Wechselspiel zwischen Abwendung und Zuwendung" und sagt: "Der Abwendung vom Fußball folgt immer auch wieder eine Zuwendung zum Fußball." Entscheidend sei letztlich die Bindung. "Eine Pause von einem halben Jahr oder einem Jahr ohne Live-Fußball wäre für die allermeisten Fans kompensierbar", sagt der Fanexperte. "Und wenn die Stadien wieder geöffnet und die Gesundheitsrisiken durch Corona weg sind, kehrt man nach und nach wieder zurück. Wohingegen die Bindung dann gestört oder sogar gebrochen ist, wenn man sich mit dem System Profifußball nicht mehr identifizieren kann."

1. FC Union Berlin - FC Augsburg

Gewachsene Fankultur als Grundlage für eine enge Bindung: die Anhänger des 1. FC Union Berlin

Ob bei vielen Fans dieser endgültige Bruch stattgefunden hat oder in der weiteren Phase der Trennung noch stattfinden wird, lässt sich allerdings erst sagen, wenn alle Corona-Beschränkungen aufgehoben sind. Denn erst dann wollen auch die organisierten Fans und Ultragruppierungen wieder auf ihre Stehtribünen zurückkehren. Dennoch macht sich der Leverkusener Fanbeauftragte Andreas Paffrath über "das, was danach kommt" schon jetzt Gedanken: "Das wird sehr interessant, wenn der Fußball wieder los geht. Sind es dann nur noch die Konsumenten, die im Stadion sind? Oder kommen die aktiven Fans wieder?"

Stärkster Wandel - unklare Folgen

Harald Lange sieht bei dieser Frage solche Vereine im Vorteil, die schon vor der Corona-Zwangspause eine gewachsene Fankultur hatten und diese auch in der Phase der Trennung pflegen. "Das Paradebeispiel zurzeit ist Union Berlin, die auch noch sportlich enorm erfolgreich sind, aber eine Fankultur haben, die extrem nah dran ist am Verein", sagt Lange. Mannschaft, Vereinsführung und Fans zögen an einem Strang. Die Stimme der Anhänger habe Gewicht. "Vereine, die so aufgestellt sind - ähnlich ist es auch bei Eintracht Frankfurt, beim FC St. Pauli und vielen anderen - werden wesentlich besser durch die Krise kommen im Hinblick auf das Thema Fanbindung, ihre Basis wird ihnen treu bleiben."

Doch wie genau wird sich die Corona-Pandemie auf die Fanbindung auswirken? Werden nach dem Ende der COVID-19-Beschränkungen dieselben Anhänger wie vorher oder andere Zuschauer die Stadien füllen? Das kann heute noch niemand genau sagen. Eines steht für Harald Lange aber schon jetzt fest: "Ich glaube, dass der Wandel, der jetzt gegenwärtig seine Ursachen findet, stärker sein wird als alles, was wir bisher hatten", sagt der Fanforscher und betont, dass die Verantwortung nun in der Hand der Vereine liege, sich um ihre treuen Anhänger zu kümmern.

"Bis wir zur Normalität zurückgekommen sind, können unheimlich viele Maßnahmen getroffen werden, die entweder dazu beitragen, dass Fans gebunden werden, oder aber auch, dass gebundene und leidenschaftliche Fans verloren gehen."

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