Venezuela: Der Exodus der Kinder | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 03.04.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Südamerika

Venezuela: Der Exodus der Kinder

Weil der Grenzfluss Hochwasser führt, haben Tausende Venezolaner die Absperrungen der Sicherheitskräfte auf der Simón-Bolívar-Brücke durchbrochen. Doch was erwartet sie hinter der Grenze in Kolumbien? Eine Reportage.

Yosefina Marlís ging Ende 2017 das erste Mal über die Simón-Bolívar-Brücke von Venezuela nach Kolumbien. Ganz langsam, erinnert sie sich, sie war schwanger und hatte nichts zu essen. Heute wartet die Venezolanerin mit ihren drei Kindern vor dem Zelt des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, gerade einmal einen Steinwurf von der Brücke entfernt. "Ich bin hier wegen meiner Kinder, ich will nicht, dass sie ihr ganzes Leben lang Schlange stehen müssen für Medikamente, für einen Liter Milch, für ein Brot."

Am Anfang teilte Yosefina Marlís sich mit zwei anderen Familien ein kleines Zimmer. "Wir waren zu zwölft, zum Glück haben wir uns alle vertragen", erinnert sie sich. Auf der Straße verkaufte sie Arepas, das venezolanische Nationalgericht. Und sie beantragte den "PEP", den "Permiso Especial de Permanencia", die zweijährige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Kolumbien. Seit Mitte Dezember 2018 stellt die kolumbianische Regierung jedoch keinen "PEP" mehr aus. Viele Venezolaner ziehen deshalb weiter, suchen ihr Glück in Peru oder noch weiter südlich, in Chile oder Argentinien.

Kolumbien Cúcuta | Flüchtlinge aus Venezuela | Yosefina Marlís, Venezolanerin (DW/O. Pieper)

Die Venezolanerin Yosefina Marlís wartet mit ihren drei Kindern vor dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR

Yosefina Marlís will in Kolumbien bleiben. "Ich habe fast 20 Jahre lang Englisch in der Schule unterrichtet, ich finde einen Job", erklärt sie mit fester Stimme. Sie will sich nicht anstecken lassen von der Stimmung, die unter vielen Neuankömmlingen herrscht. "Bei vielen Venezolanern gibt es nur Traurigkeit, Depression und Hoffnungslosigkeit."

José Davíd Cañas glaubt an Wunder

Wie geht Kolumbien damit um, dass schon 1,2 Millionen Venezolaner gekommen sind und täglich Tausende dazukommen? Die Antwort ist erstaunlich: Das Leid der Venezolaner hat die Kolumbianer daran erinnert, wie viele von ihnen wegen des Bürgerkrieges ihr Land Richtung Venezuela verlassen haben - und fast ausschließlich mit offenen Armen empfangen wurden. Jetzt ist es an der Zeit, etwas zurückzugeben, sagen viele.

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in der Grenzstadt Cucuta (DW/O. Pieper)

"Wir sind Freunde" - das Flüchtlingshilfswerk UNHCR appelliert mit Plakaten an die Gastfreundschaft

In einem kleinen Dorf in der Nähe von Cúcuta nehmen kolumbianische Binnenflüchtlinge nun Flüchtlinge aus Venezuela auf - weil sie ganz genau wissen, wie es sich anfühlt, kein Zuhause mehr zu haben. Ein Hilfszentrum in Cúcuta kümmert sich um venezolanische Flüchtlinge, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben – und sich die Medikamente nicht mehr leisten können. Und fünf Minuten von der Simón-Bolívar-Brücke entfernt betreibt die Diözese von Cúcuta eine Suppenküche; 2017 fing sie mit 200 Suppen pro Tag an, heute werden hier täglich 4000 Mittagessen zubereitet. "Es ist ein Werk und ein Wunder Gottes", sagt José Davíd Cañas, Priester der Diözese. 

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in der Grenzstadt Cucuta (DW/O. Pieper)

Priester José Davíd Cañas präsentiert das Mittagsgericht in der Suppenküche nahe der Grenze

Es ist ein besonderer Tag, denn die Suppenküche hat gerade die millionste Essensration zubereitet. "Wir funktionieren hier wie ein Uhrwerk. Um 10.00 Uhr servieren wir tausend Essen, um 10.20 Uhr nochmal, und dann nochmal um 10.40 Uhr und um 11 Uhr," erklärt der Priester.

Kolumbien venezolanische Flüchtlinge in der Grenzstadt Cucuta (DW/O. Pieper)

Die freiwilligen Helfer nehmen teilweise mehrere Stunden Anfahrt in Kauf, um die Flüchtlinge zu unterstützen

Das Welternährungsprogramm stellt die Lebensmittel zur Verfügung. Trotzdem stößt die Suppenküche langsam an ihre Grenzen. 120 Freiwillige halten den Betrieb am Laufen, kochen, putzen und spülen. Alle Helfer eint das Gefühl, etwas Besonderes auf die Beine gestellt zu haben. "Gerade heute hat sich wieder ein venezolanisches Mädchen ganz oft bei mir bedankt, weil sie vier Tage nichts gegessen hatte", erinnert sich José Davíd Cañas.

Seiten 1 | 2 | vollständiger Artikel

Die Redaktion empfiehlt