Erdbeben in Venezuela: Chaos und viele Vermisste
26. Juni 2026
Unter widrigen und teils lebensgefährlichen Umständen suchen verzweifelte Menschen nach der Erdbebenkatastrophe in Venezuela verschüttete Angehörige in meterhohen Schutthaufen. Im Bundesstaat La Guaira im Norden des Landes sei die Lage besonders dramatisch, berichtete die Online-Plattform "Tal Cual".
Bilder von dort zeigen Gebäude, die komplett in Trümmern liegen. Es gebe keinen Strom, kein Wasser und es sei bereits zu Plünderungen von Geschäften gekommen, berichtete "Tal Cual". Für die Sucharbeiten werde schweres Gerät benötigt - daran fehlt es aber bislang noch. "Alles von Hand zu machen, ist ziemlich mühsam", schilderte eine Bewohnerin der Stadt Catia La Mar nordwestlich von Caracas. "Falls noch jemand am Leben ist, hat er nicht mehr die Kraft, zu antworten."
Mehr als 70.000 Familien in La Guaira betroffen
Nach Angaben von Innenminister Diosdado Cabello sind allein in dem Bundesstaat an der Karibikküste mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Erdbebenkatastrophe betroffen. "Wir lassen euch nicht allein", versicherte Cabello am Donnerstag (Ortszeit) bei einem Besuch in La Guaira. Er kündigte umfassende Rettungs- und Bergungsarbeiten sowie Wasserlieferungen und Lebensmittelhilfen für die Bevölkerung an.
Zwei schwere Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert - im Abstand von nur 39 Sekunden. Schäden gab es besonders in La Guaira, wo auch der internationale Flughafen und der wichtigste Seehafen des Landes liegen. Dort wurden düstere Erinnerungen an eine andere Naturkatastrophe wach: Die Region hatte 1999 nach heftigen Regenfällen verheerende Überschwemmungen erlebt, die Tausende Menschen das Leben kostete.
Tausende Verschüttete befürchtet
Laut der venezolanischen Regierung wurden bislang 589 Tote gezählt. Mehr als 4.300 Verletzte seien bisher in öffentlichen Krankenhäusern behandelt worden, sagte Gesundheitsminister Carlos Alvarado im Fernsehsender VTV.
Rund 200 weitere Menschen sollen noch immer unter den Trümmern verschüttet sein, wie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, sagte. Dabei dürfte es aber nur um diejenigen gehen, die bereits unter den Trümmern verortet wurden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Gesamtzahl der Verschütteten in die Tausende gehen könnte.
Denn unabhängige Online-Register zeigen eine weit höhere Zahl an Vermissten. In diesen Registern sind bis zu 40.000 vermisste Personen erfasst. Die Zahl der offiziellen Angaben der Regierung liegt weit darunter.
Aus betroffenen Gebieten kaum Informationen
Christof Johnen, beim Deutschen Roten Kreuz zuständig für internationale Zusammenarbeit, betonte im ZDF-"Morgenmagazin", es gebe auch 30 Stunden nach dem schweren Beben noch immer kein klares Lagebild und aus vielen betroffenen Gegenden kaum Informationen. "Insofern ist die Annahme tatsächlich gerechtfertigt, dass die Zahl getöteter Menschen, obdachloser Menschen, verletzter Menschen noch dramatisch weiter ansteigen wird." Selbst eine fünfstellige Zahl an Todesopfern sei denkbar.
In der Nacht auf Freitag landeten bereits mehrere internationale Einsatzteams in Venezuela, darunter Helfer aus dem Nachbarland Kolumbien, aus Mexiko und der Schweiz. Aus der EU ist Hilfe aus acht Mitgliedstaaten mit mehr als 520 Helfern und Rettungshunden unterwegs ins Katastrophengebiet. Auch die USA brachten Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg. Das US-Außenministerium sagte eine Nothilfe in Höhe von 150 Millionen Dollar (rund 132 Millionen Euro) zu.
Hilfe auch aus Deutschland
Auch knapp 50 Einsatzkräfte aus Deutschland des Technischen Hilfswerks (THW) fliegen an diesem Freitag ins Katastrophengebiet. Im Vordergrund stünden die Bergung und Rettung verschütteter Menschen, sagte THW-Präsidentin Sabine Lackner kurz vor der Abreise des Teams in Köln. Zu der schnellen Einsatztruppe gehören vier Rettungshundeführer mit jeweils einem Hund.
Ein weiteres Flugzeug mit Personal und Hilfsgütern wie Wasserfiltern, Feldbetten, Zelten oder Generatoren ist ebenfalls gestartet. "Es ist alles Material vom THW oder anderen Hilfsorganisationen. Wir nehmen kein Bundeswehrmaterial mit", sagte ein zur Crew der Transportflugzeuge gehörender Lademeister. Eine dritte Maschine machte sich ebenfalls auf den Weg, die auch für den medizinischen Krankentransport genutzt werden kann. Ob ein viertes Transportflugzeug der Bundeswehr in die rund 8.200 Kilometer entfernte Krisenregion fliegt, war zunächst unklar.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: "In der Regel sagt man, 72 Stunden nach einem Erdbeben, das sind ganz entscheidende Stunden. Da können wir auch noch sehr viele Menschen lebend retten", sagte THW-Präsidentin Lackner. Aber auch danach gebe es immer wieder "Wunder".
Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz sagte mit Blick auf die infolge einer jahrelangen Wirtschaftskrise ohnehin schon angeschlagenen Strukturen in Venezuela: "Das Gesundheitswesen liegt am Boden. In allen Gesundheitseinrichtungen fehlt es an Material, es fehlt an Personal, es fehlt an Medikamenten." Daher bringe das Deutsche Rotes Kreuz mit dem kolumbianischen Roten Kreuz 18 Tonnen medizinische Hilfsgüter ins Land. "Die werden heute im Laufe des Tages dort ankommen."
Musks Starlink versorgt Katastrophengebiet mit Internet
Auch Tech-Unternehmer Elon Musk unterstützt das Erdbebengebiet mit seinem Satelliteninternet-Dienst Starlink. Bestehenden wie neuen Kunden werde das Kommunikationsnetz in der betroffenen Region bis zum 25. Juli kostenfrei zur Verfügung gestellt, teilte Starlink auf X mit. Gleichzeitig arbeite die Firma daran, Starlink-Terminals zügig bereitzustellen und die Verbindung in den am stärksten betroffenen Gebieten wiederherzustellen. Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez bedankte sich auf X für die Unterstützung.
Das Land an der Nordspitze Südamerikas befand sich schon vor der Erdbebenkatastrophe in einer prekären Lage. Trotz der größten bekannten Erdölreserven der Welt, deren Verwertung allerdings technisch komplex und kostspielig ist, leben viele Menschen in Armut. Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung funktionieren vielerorts ohnehin nur eingeschränkt. Bereits vor den Beben seien fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, sagte UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher.
Auch politisch erlebt Venezuela turbulente Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den langjährigen Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Seine vorherige Stellvertreterin Delcy Rodríguez ist seither geschäftsführend im Amt.
as/haz (dpa, afp, ap, rtr)
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