Venezolaner versuchen den Neustart in Deutschland | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 19.05.2018
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Venezuela vor den Wahlen

Venezolaner versuchen den Neustart in Deutschland

Präsident Nicolas Maduro hofft auf eine weitere Amtszeit nach den Wahlen am Sonntag. Wegen der tiefen Krise in der Heimat sind mehr als eine Million Venezolaner ausgewandert - auch nach Europa.

Marisabel Lara und Andrea Biaggi haben alles zurückgelassen, um in Deutschland - einem Land, von dem sie wenig wussten - ein neues Leben zu beginnen. Die genaue Zahl der venezolanischen Emigranten ist schwer zu berechnen. Die Regierung veröffentlicht keine verlässlichen Daten, aber die Vereinten Nationen schätzen, dass seit 2015 über 1,5 Millionen Venezolaner ihre Heimat verlassen haben.

Warum Deutschland?

Als sich Marisabel im Jahr 2015 entschied, auszuwandern, hat sie lange recherchiert. Als Zahnärztin mit einer eigenen Praxis in der Heimat war es für sie wichtig, weiterhin an ihrer Karriere zu arbeiten. Die 32-Jährige hat einen italienischen Pass, ein Vermächtnis ihrer Großeltern. Diese waren einst aus ähnlichen Gründen wie Marisabel ausgewandert - aus Italien nach Venezuela. 

"Ich hatte über den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland gelesen. Also nahm ich über eine entsprechende Regierungsseite Kontakt auf und fragte, ob sie in Deutschland Zahnärzte brauchen. Sie antworteten, dass sie es nicht taten, aber dass ich es trotzdem versuchen könnte", sagt Marisabel. "Ich wollte an einem Ort mit einer starken Wirtschaft und einem Rechtsstaat leben. Also dachte ich: Das ist es."

Marisabel bewarb sich als Au-Pair-Mädchen, um nach Deutschland zu kommen. So konnte sie die Sprache lernen und hatte genug Geld, um zu leben: "Ich hatte so viel Glück. Der Vater in der Familie, in der ich lebte, war Zahnarzt mit einer eigenen Praxis. So wurde er zu einer großartigen Quelle der Unterstützung."

Marisabel Lara (Foto: Privat)

Zahnärztin Marisabel Lara kam als Au-Pair nach Deutschland

Auch Andrea ist gut qualifiziert. Die 31-Jährige hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften. Vor fünf Jahren zog sie nach Deutschland, um ihrem deutschen Freund näher zu sein, aber auch um mehr Möglichkeiten für sich zu finden. "Obwohl Venezuela damals noch nicht in einer Krise steckte, hatte ich immer das Gefühl, dass ich nicht in einem Land leben will, wo ich keine Zukunftsperspektive habe", erinnert sich Andrea. "Egal, wie hart man arbeitet, man konnte nicht genug Geld sparen und auch nicht vorwärts kommen. Ich fühlte mich gefangen." 

Hindernisse auf dem Weg nach Deutschland

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind von den rund 10 Millionen im Land lebenden Ausländern nur 5.610 Venezolaner. Warum kommen nicht mehr? Andrea, die keine EU-Staatsbürgerschaft besitzt, ist der Ansicht, dass die Visa-Vergabe, die finanzielle Situation und die deutsche Sprache die größten Hindernisse darstellen.

Ohne einen Arbeitsvertrag oder das Sprachniveau, das für die Zulassung zur Universität erforderlich ist, musste Andrea damals ein Studienbewerber-Visum beantragen. Das Visum garantierte ihr einen zweijährigen Aufenthalt mit eingeschränkter Arbeitsgenehmigung, erlaubte ihr später aber, sich an der Universität einzuschreiben. Heute ist das Studienbewerber-Visum nur für maximal sechs Monate gültig.  

"Ich musste der deutschen Regierung nachweisen, dass ich genügend Spareinlagen oder Einkommen besitze, um mich selbst versorgen zu können", erzählt sie. "Da weder ich noch meine Familie so viel Geld hatten, musste ich jemanden in Deutschland finden, der für meine finanzielle Unterstützung bürgen würde. Nicht jeder kann das."

Andrea Biaggi (Privat)

Andrea Biaggi verließ auch der Liebe wegen ihr Land

Außerdem findet Andrea, dass das Erlernen der Sprache, für das sie etwa zwei Jahre gebraucht hat, ein mühsamer Prozess ist: "Natürlich würden die Menschen lieber an einen Ort ziehen, an dem sie Spanisch oder Englisch sprechen können, anstatt mit einer Sprache anzufangen, die extrem schwierig zu lernen ist." 

Marisabel musste sich nicht um ein Visum bemühen, aber sie stimmte zu, dass die deutsche Sprache ein Problem sei: "Ich dachte, ich könnte diese Sprache in einem Jahr lernen, aber in Wirklichkeit dauert es etwa zwei bis drei Jahre. Egal wie sehr du dich bemühst, es ist einfach zu komplex. Das war sehr frustrierend."

Mehr Venezolaner auf der Flucht 

Tomas Paez, Soziologe an der Zentralen Universität von Venezuela, leitet ein Projekt mit dem Namen "La Voz de la Diaspora" (Die Stimme der Diaspora), das die venezolanische Emigration auf der ganzen Welt durch ausführliche Interviews, Fokusgruppen und Umfragen analysiert. Paez sagt, dass es etwa 3,4 Millionen Venezolaner gibt, die seit 2015 ausgewandert sind.

"Der wesentliche Grund, warum Menschen gehen, ist das politische Modell", sagte Paez. Das habe zu einem Mangel an Sicherheit, einer Wirtschaftskrise und der Aushöhlung demokratischer Freiheiten geführt. Seine Forschung zeigt, dass die meisten Menschen sich für Orte entscheiden, an denen die Hindernisse niedriger sind; wo sie die Sprache sprechen, Leute kennen, wo sie "eine Landebahn" haben. 

Trotz der Herausforderungen spürte Andrea, dass Deutschland ein Ort war, an dem sie erfolgreich sein konnte. Sie hat ihr Studium an der Universität zu Köln mit einem Master abgeschlossen und konnte innerhalb von rund acht Monaten einen Job finden. "Wenn man in Deutschland hart arbeitet, kann man erreichen, was man will", sagte sie. "Für mich ist Deutschland ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten."

Andrea sieht Deutschland als ein attraktives Einwanderungsland: "Ich denke, die Menschen hier sind offen, unabhängig davon, was in der Vergangenheit passiert ist. Ihre Kultur unterscheidet sich natürlich von unserer, aber wir sind keine totalen Gegensätze, daher würde ich sagen, dass meine Erfahrung hier positiv war. " 

Würden sie zurück nach Venezuela gehen?

Für Andrea und Marisabel ist Köln jetzt ihr neues Zuhause. Keine der beiden hat eine Rückkehr nach Venezuela ausgeschlossen, aber sie sprechen mit großer Enttäuschung über das Land - und glauben, dass die bevorstehenden Wahlen eine Farce sein werden. 

Venezuela Caracas Plakat vor der Präsidentenwahl (picture-alliance/AP Photo/A. Cubillos)

Treibt Präsident Maduro Venezuela weiter in die Krise?

"Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Institutionen oder ein unabhängiges Wahlsystem - das gibt es seit Jahren nicht in Venezuela", sagte Marisabel. "Auch wenn die Demokratie wiederhergestellt würde - unser Land hat eine Krise der Werte, die sich in der gesamten Gesellschaft ausbreitet. Dort geht es nicht um Ehrlichkeit, Verantwortung und harte Arbeit, sondern nur nach dem Motto: Der Stärkste überlebt." 

Andrea hat ähnliche Bedenken wie Marisabel und fügte hinzu, dass "das Wirtschaftssystem fast vollständig zerstört wurde" und dass sich das Land möglicherweise erst in 20 Jahren erholen könnte. 

Venezuelas Verlust oder Gewinn?

Der Soziologe Tomas Paez blickt noch immer zuversichtlich in die Zukunft und glaubt, dass die Diaspora eine Rolle bei einer solchen Erholung spielen wird. Obwohl die Befragten sagten, dass sie wahrscheinlich nicht zurückkehren würden, drückten sie ihre starke Verpflichtung aus, Venezuela so weit wie möglich aus der Ferne zu helfen.

Paez sagt, dass venezolanische Migranten ihr Land in Form von Geldüberweisungen und Medikamenten unterstützen und prognostiziert, dass sie zu gegebener Zeit technisches Wissen, Sprachkenntnisse, politische Kultur und andere Werte mitbringen.

"Selbst heute, mit einer Diktatur, die aktiv versucht, die Diaspora von der Heimat fernzuhalten, ist die Verbindung zwischen venezolanischen Migranten und ihrer Heimat sehr stark", sagte er. Wenn das stimmt, könnten Leute wie Marisabel und Andrea diejenigen sein, die dazu beitragen, dass Venezuela nicht im Abgrund versinkt.