US-Wahl: Warum unterscheiden sich die Ergebnisse in den Medien? | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 05.11.2020
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Trump gegen Biden

US-Wahl: Warum unterscheiden sich die Ergebnisse in den Medien?

Rot, blau, verwirrend: Nach und nach erklären einzelne Medien den Wahlsieger in den jeweiligen US-Bundesstaaten. Dabei unterscheiden sich ihre Ergebnisse. Ausgerechnet ein konservativer Sender sieht Trump weit hinten.

Es war 23:20 an der Ostküste, als Fox News am Wahlabend verkündete, Arizona gehe an Joe Biden. Mit dieser Entscheidung zählte Fox News elf zusätzliche Wahlleute auf Bidens Konto. Mit einem Sieg in dem umkämpften Staat würde sich für den Herausforderer wieder ein Weg zur Präsidentschaft öffnen. Eine herbe Enttäuschung für Präsident Trump und seine Unterstützer, die laut "New York Times" bei Fritten und Mini-Burgern im East Room des Weißen Hauses gerade noch den Sieg in Florida gefeiert hatten. Der Präsident soll stinksauer gewesen sein auf seinen ehemaligen Haussender Fox News. "Vanity Fair" behauptet sogar, Donald Trump habe Fox-Gründer Rupert Murdoch am Telefon angebrüllt.

Denn Fox News war zunächst das einzige große Medienhaus, das die Wahl in Arizona als entschieden wertete. Um 2:50 Uhr am Mittwochmorgen zog dann die Nachrichtenagentur AP nach und mit ihr auch andere Medien. Einige, darunter der Sender CNN, halten das Rennen in Arizona jedoch immer noch nicht für gelaufen. Auch bei weiteren Staaten unterscheiden sich die Wertungen der Medienhäuser. So liegen etwa CNN und Fox bei der prognostizierten Zahl der gewonnenen Wahlleute für Trump und Biden auseinander.

Betriebsgeheimnis der Institute

"Die Medien haben unterschiedliche Datengrundlagen", erklärt Arndt Leininger, Politikwissenschaftler und Wahlforscher an der Freien Universität Berlin. "Jeder führt eigene Befragungen an den Wahllokalen durch, sammelt selbstständig schon eingegangene Ergebnisse und hat dann auch noch unterschiedliche Methoden, wie aus diesen Daten sogenannte Projektionen errechnet werden. Aus denen leitet man ab, ob der zurückliegende Kandidat mit den noch zu zählenden Stimmen möglicherweise doch eine Mehrheit erringen könnte."

US Wahl 2020 | Atlanta, Wahllokal

Noch ist die Auszählung aller Stimmen nicht abgeschlossen

Die Kunst dabei ist, richtig vorherzusagen, wie sich noch nicht ausgezählte Stimmen auf die Kandidaten verteilen. Dazu wird zum Beispiel betrachtet, wie bei zurückliegenden Wahlen in derselben Gegend abgestimmt wurde und wie sich die Bevölkerung dort zusammensetzt. Wie genau, das ist allerdings das Betriebsgeheimnis der jeweiligen Institute. Die großen Sender CNN, NBC, ABC und CBS verlassen sich dabei auf die Zahlen des National Election Pools, hinter dem das Demoskopie-Unternehmen Edison Research steht. Fox News, aber auch andere Medien nutzen die Zahlen von AP. Den "Call", die Entscheidung also, ob ein Rennen gelaufen ist, treffen einige Medien selbst auf Grundlage dieser Zahlen - so wie Fox News im Fall von Arizona.

Per Fax zum Sieg

Eine Schwierigkeit kommt hinzu: Während in Deutschland und vielen anderen Demokratien ein Bundeswahlleiter zentral die offiziellen Ergebnisse aus allen Wahlbezirken zusammenstellt, geschieht das in den USA in jedem Bundesstaat unabhängig. "Das ist eben auch eine Herausforderung, die die Medien und die Institute haben", sagt Leininger. "Sie müssen 50 Bundesstaaten abklappern. Teilweise geht es runter bis aufs County-Level, wo sie Daten sammeln. Sie lassen sich Faxe schicken oder gehen auf Websites und tippen Ergebnisse ab, um schneller zu sein als andere."

Arndt Leininger, Politikwissenschaftler FU Berlin

Arndt Leininger forscht zu Wahlen und Abstimmungen

Gewisse Unterschiede zwischen den einzelnen Instituten und Sendern sind bei US-Wahlen deshalb immer zu erwarten. Doch in diesem Jahr macht der hohe Anteil an Briefwählenden aufgrund der Corona-Pandemie die Einschätzung der Wahlergebnisse besonders kompliziert. "Man weiß prinzipiell, Demokraten nutzen dieses Instrument eher", sagt Leininger. "Aber es ist sehr schwierig abzuschätzen, wie genau die Stimmverteilung ausfallen wird, weil man so eine Situation zuvor noch nicht gehabt hat."

Sorry, Trump!

Als Fox News bereits am Wahlabend Biden zum Sieger in Arizona erklärt hatte, sah sich der Sender massiver Kritik von Trumps Wahlkampfteam und vieler seiner Anhänger ausgesetzt. Fox News verteidigte sich, schickte Arnon Mishkin in die Live-Sendung. Der Leiter des Wahl-Analyseteams, ein bekennender Demokrat, blieb bei seiner Prognose und erklärte, dass Trump von den 870.000 noch nicht ausgezählten Stimmen keine Mehrheit zu erwarten habe. Es gehe vor allem um Briefwahlstimmen, zudem um Stimmen aus einer Gegend, in der Biden deutlich vorne liege. "Wir haben die richtige Entscheidung verkündet", sagte Mishkin. Der Präsident werde den Vorsprung Bidens nicht aufholen können. "Es tut mir leid".

Doch noch ist das Rennen um das Weiße Haus nicht gelaufen. Auf den US-Karten vieler Medien sind neben roten und blauen Staaten, bei denen der republikanische oder demokratische Sieger bereits feststeht, weiter graue Flecken zu sehen. Es wird weiter ausgezählt, weiter gerechnet. Mit Spannung wird nun erwartet, wer als erster einen Sieg Bidens oder Trumps verkündet. Im Moment scheint Trump nur noch geringe Chancen auf einen Sieg zu haben. Vielleicht wird es ausgerechnet Trumps ehemaliger Lieblingssender Fox News sein, der das Ende seiner Präsidentschaft einläutet. 

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