US-Airline will billig über den Atlantik | Wirtschaft | DW | 11.08.2021
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Luftverkehr

US-Airline will billig über den Atlantik

Die US-Airline JetBlue bietet jetzt Billigflüge über den Atlantik an. Ist das ein Frühstart? Noch gibt es viele Reisebeschränkungen, andere Anbieter sind gescheitert.

Airbus A321 Flugzeug der JetBlue

JetBlue-Maschine (in New York): Billigflieger mit Businessclass

Ab dem 11. August bietet der US-Billigflieger JetBlue Flüge über den Atlantik an und beteiligt sich damit am Wettbewerb auf einer der lukrativsten Strecken der Welt. Pro Jahr setzten Fluggesellschaften hier rund elf Milliarden Dollar (9,8 Milliarden Euro) um.

Billigflüge über den Atlantik, so glauben einige, könnten der durch die Corona-Pandemie schwer angeschlagenen Luftfahrtindustrie zum Aufschwung verhelfen. Andere sehen dagegen die Erfahrungen von Norwegian Air als abschreckendes Beispiel. Die Langstreckensparte der norwegischen Billigfluggesellschaft beförderte 2019 mehr als zwei Millionen Menschen von New York nach Europa, im Jahr darauf musste sie Insolvenz anmelden.

Norwegian Dreamliner (in Amsterdam)

Norwegian Dreamliner (in Amsterdam): Abschreckendes Beispiel

Noch immer erschweren Restriktionen das Reisen zwischen Großbritannien und den USA. Europäer und Nicht-US-Bürger, die sich in den vergangenen 14 Tagen im Vereinigten Königreich aufgehalten haben, dürfen derzeit nicht in die USA reisen. Umgekehrt besteht Großbritannien auf eine mindestens fünftägigen Quarantäne für alle, die aus den USA kommen. Für die Europäische Union gelten die USA als sicheres Herkunftsland.

JetBlue: Kampf oder Flucht?

Auf der Strecke New York - London, der am stärksten frequentierten Städteverbindung der Welt, war der Wettbewerb schon vor der Pandemie sehr hart. Platzhirsche sind hier Virgin Atlantic und British Airways mit 38 beziehungsweise 30 Prozent Marktanteil.

JetBlue-Vorstandschef Robin Hayes sagte, seine Fluggesellschaft werde in diesem Wettbewerb nicht aufgeben. Im Gegensatz zu anderen Billigfliegern, die sich auf dieser Strecke versucht haben, hält JetBlue an der Businessklasse fest. Während Norwegian Air bei seinen Boeing 787 Dreamlinern nur Economy-Sitze anbot, werden die JetBlue-Flugzeuge über 24 Sitze in der Business Class verfügen, die hier "Mint" genannt wird.

JetBlue hofft, so mit anderen Fluggesellschaften auf Augenhöhe zu konkurrieren. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" berichtete, dass der Eröffnungsflug von JetBlue ausverkauft ist. JetBlue setzt auf der Strecke den Airbus A321LR ein, ein Schmalrumpfflugzeug mit nur einem Gang.

Airline-Chef Hayes zufolge beginnen die Preise der Business Class bei weniger als 2000 Dollar (1700 Euro) für einen Hin- und Rückflug aus den USA. Der günstigste Preis für ein Economy-Class-Ticket zwischen New York und London liegt laut Forbes bisher bei 202 Dollar (172 Euro).

"JetBlue kann seinen Flugbetrieb unter anderen Bedingungen aufnehmen als europäische Fluggesellschaften: Geimpfte, genesene und getestete US-Bürger können in die EU einreisen", sagte Thomas Jachnow, Sprecher der Lufthansa, der DW. "Umgekehrt ist dies EU-Bürgern derzeit noch verwehrt. Das ermöglicht JetBlue den Einstieg ins Geschäft."

Billigflieger aufgepasst

Norwegian Air begann 2014 mit Flügen über den Atlantik, wobei Hin- und Rückflugtickets für etwa 500 US-Dollar verkauft wurden. Im dritten Quartal 2018 hatten Billigflieger einen Anteil von 15 Prozent an Transatlantikflügen, wie Daten des Official Aviation Guide of the Airways (OAG) zeigen. Norwegian war hier die größte Billigfluggesellschaft und bot 40 Prozent dieser Sitze an.

Doch Norwegian und anderen Billigflieger waren zwar beliebt, aber nicht profitabel. Nach und nach mussten sie die Transatlantikflüge aufgeben - erst die Fluggesellschaft Primera im Oktober 2018, dann Wow im März 2019 und schließlich Norwegian im März 2020.

Einige Experten sahen das Experiment der Billigflüge über den Atlantik schon als beendet. Doch das war verfrüht. Seit dem 12. Juni bietet die französische Fluggesellschaft La Compagnie wieder günstige Flüge zwischen Newark und Paris an. Am 15. Juli folgte der Billigflieger French Bee auf derselben Strecke. Nach Angaben des Unternehmens gab es eine ausreichende Nachfrage durch US-Touristen und der Frachtindustrie, um die Flüge anzubieten.

Ryanair - Michael O'Leary

Ryanair-Boss Michael O'Leary sagt, sein Unternehmen plane keine Transatlantikflüge

Auch die Norweger feiern ein Comeback. Norse Atlantic Airways wurde im Februar gegründet, seit April werden die Aktien an der Börse in Oslo gehandelt. Die 15 Flugzeuge von Norse Atlantic werden im Dezember den kommerziellen Betrieb auf transatlantischen Strecken aufnehmen, teilte das Unternehmen mit.

Norse-Chef und Anteilseigner Bjorn Tore Larsen betont, die neue Airline haben "nichts mit Norwegian zu tun". Allerdings plant Norse, mit denselben Flugzeugen und von denselben Flughäfen aus zu fliegen wie Norwegian, möglicherweise sogar mit deren entlassenen Mitarbeitern. Und wie Norwegian, so bietet auch Norse Atlantic keine Business- und First-Plätze an.

Ist der Markt bereit?

Die größte Herausforderung für transatlantische Billigflieger ist, dass auf Langstrecke andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen gelten als bei ihrem Kerngeschäft, der Kurzstrecke. Dort versuchen die Billigflieger, ihre günstigen Tarife auszugleichen, indem sie die Zeit bis zum nächsten Einsatz ihrer Flugzeuge (Turnaround) möglichst kurz halten. Außerdem müssen Kunden für Koffer oder Getränke Aufpreise zahlen (Add-on).

"25-minütige Turnarounds oder die Add-on-Philosophie werden auf der Langstrecke niemals funktionieren", sagt Michael O'Leary, Chef des größten europäischen Billigfliegers Ryanair. Auch die ungarische Wizz Air, nach Easyjet die Nummer Drei in Europa, plant nach eigenen Angaben keine Billigflüge über den Atlantik.

Hinzu kommt, dass die Kosten für Treibstoff bei Langstreckenflügen einen größeren Anteil an den Gesamtkosten ausmachen. Hier haben Billigflieger keinen Vorteil gegenüber traditionellen Airlines. JetBlue verweist darauf, dass seine A321LR-Flugzeuge immerhin bis zu 20 Prozent weniger Treibstoff verbrauchen als frühere Modelle.

Große Jungs wieder dabei?

Und was machen die etablierten Airlines auf Transatlantikstrecken? "Auf absehbare Zeit werden wir keine Rückkehr zur 'alten Normalität' sehen", sagte Peter Knapp von der Londoner Markenberatung Landor & Fitch der DW. "Für Fluggesellschaften wäre es deshalb ratsam, dieses (Billig-)Element bei der Entwicklung neuer Strategien zu berücksichtigen."

Er ist überzeugt, dass die größeren Fluggesellschaften nachziehen müssen, sollten Billigflieger auf diesem Markt Fuß fassen. "Wir könnten eine Zeit erleben, in der Wettbewerb eine neue Ära der Innovation in der Branche erzwingt, in der sich die alte Garde mit den Neuankömmlingen misst", so Knapp. "Es könnte eine sehr aufregende Zeit werden für eine Branche, die sich in den letzten Jahren nur sehr langsam bewegt hat."

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Lufthansa setzt auf Urlauber

Und tatsächlich wagen sich die großen Airlines zunehmend ins Billigsegment vor. Seit dem 24. Juli 2021 fliegt die jüngste Fluggesellschaft der Lufthansa Group, Eurowings Discover, und wird das touristische Langstreckenprogramm der Lufthansa übernehmen. Die International Airline Group (IAG), Eigentümerin von British Airways, Iberia und Aer Lingus, hat die Transatlantik-Discountmarke Level gegründet. American Airlines nimmt neue Transatlantikflüge nach Kroatien, Griechenland, Island und Italien auf und erhöht das Flugangebot nach Spanien, Portugal und Italien.

Ob die Pläne von JetBlue also von Erfolg gekrönt sein werden oder sich als Luftschlösser erweisen, muss sich zeigen. Sicher ist zumindest, dass der Zeitpunkt, wann die Reisebeschränkungen aufgehoben werden, dabei eine wesentlich Rolle spielt.

Der Bericht wurde aus dem Englischen adaptiert.

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