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KonflikteLibanon

UNIFIL - Das tragische Ende der Blauhelme im Libanon

31. März 2026

Eigentlich sollten die Friedenstruppen im Südlibanon einen Puffer zwischen der Hisbollah und der israelischen Armee bilden. Doch nach dem Tod von drei indonesischen UNIFIL-Soldaten wächst die Kritik an Israel.

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Indonesischer UNIFIL-Soldat an der libanesischen Grenze zu Israel. Der Soldat trägt eine blaue Mütze und eine blaue Schutzweste mit der Aufschrift UN
Ein indonesischer UNIFIL-Soldat schaut auf die Grenze zu Israel: Drei seiner Landsleute wurden in den vergangenen Tagen bei Kämpfen zwischen der israelischen Armee und der libanesischen Hisbollah getötetBild: Mahmoud Zayyat/AFP

Vergangenen Sonntag (29.03.2026) explodierte ein Geschoss in der Nähe einer UNIFIL-Stellung im Südlibanon. Ein indonesischer Blauhelmsoldat wurde getötet, ein weiterer lebensgefährlich verletzt. Nur einen Tag später wurden zwei weitere indonesische UN-Soldaten getötet, als ihr Fahrzeug in der Nähe des Ortes Bani Hajjan durch eine Explosion unbekannter Ursache zerstört wurde.

Indonesiens Außenminister Sugiono verurteilte die "abscheulichen" Angriffe, ein Sprecher des indonesischen Verteidigungsministeriums mahnte die "Einhaltung des Völkerrechts" an und erklärte, die Sicherheit der Friedenstruppen müsse "oberste Priorität" besitzen. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte die Vorfälle scharf. Gemeinsam mit Frankreich beantragte Indonesien aufgrund der jüngsten Vorfälle eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates.

Die drei Indonesier waren die ersten Todesopfer der UNIFIL-Mission seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen israelischer Armee und libanesischer Hisbollah. Jedoch waren bereits zuvor bei zwei weiteren Zwischenfällen sieben UNIFIL-Soldaten durch israelischen Raketenbeschuss verletzt worden.

Anfang März hatte die libanesische Hisbollah, die unter anderem von den USA, Deutschland und anderen europäischen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, Israel mit zahlreichen Drohnen und Raketen beschossen. Dies war eine Reaktion auf den nur wenige Tage zuvor begonnenen gemeinsamen Angriff Israels und der USA gegen den Iran, der als größter Unterstützer der Hisbollah gilt.

Die israelische Armee reagierte unmittelbar mit schweren Luftschlägen auf Hisbollah-Stellungen im gesamten Libanon, seit dem 16. März auch mit einer neuen, umfassenden Bodenoperation im Süden des Landes.

Misslungene Entwaffnung der Hisbollah

Israel hatte die UN-Truppen bereits zuvor mehrfach aufgefordert, sich aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zurückzuziehen, da die Hisbollah für ihre Angriffe auf Israel auch Stellungen in der Nähe von UN-Stützpunkten nutze.

Ein erklärtes Ziel der israelischen Armee ist die Schaffung einer dauerhaften Hisbollah-freien Sicherheitszone im Südlibanon, die sich von der israelischen Grenze bis zum knapp 30 Kilometer entfernten Litani-Fluss erstrecken soll.

Tatsächlich ist die Schaffung und Überwachung einer solchen Pufferzone auch einer der Hauptaufträge der aktuellen UNIFIL-Mission. Diese besteht zwar grundsätzlich bereits seit 1978, wurde jedoch im Jahr 2006 im Zuge des dritten Libanon-Krieges umfassend erweitert.

In diesem Jahr erließen die Vereinten Nationen die UN-Resolution 1701, die vorsieht, dass sich die Hisbollah vollständig hinter den Litani-Fluss zurückziehen muss. Die UNIFIL-Mission sollte dies in Zusammenarbeit mit der regulären libanesischen Armee sicherstellen; dafür wurde sie von 2000 auf 15.000 Soldaten vergrößert und durch eine Marine-Mission ergänzt, an der auch die deutsche Bundeswehr beteiligt ist.

Dieses Ziel - die faktische Entwaffnung militanter Gruppen im Südlibanon - hat die UN-Mission jedoch nie erreicht. Trotz der verstärkten UN-Präsenz ist es der Hisbollah gelungen, ein massives Waffenarsenal aufzubauen und eigene Stellungen auch in direkter Grenznähe zu Israel zu errichten.

Ernüchternde Bilanz nach knapp 50 Jahren

Auch bei den anderen Zielen der Missionfällt die Bilanz nach knapp 50 Jahren UN-Präsenz eher ernüchternd aus. So dient die Mission eigentlich seit Jahrzehnten als einziger direkter Kommunikationskanal zwischen dem israelischen und dem regulären libanesischen Militär, um Missverständnisse zu klären und unbeabsichtigte Eskalationen zu verhindern.

Die UNIFIL soll in diesem Rahmen auch den regulären Streitkräften des Libanon helfen, die staatliche Autorität im Süden des Landes zu festigen. Der maritime Teil der Mission sollte die Seegrenzen des Libanon überwachen und den Waffenschmuggel unterbinden; und UNIFIL-Patrouillen sollen eigentlich dafür sorgen, die Zivilbevölkerung in der Region zu schützen. 

Nach einem israelischen Luftangriff zerstörtes Wohnhaus im südlibanesischen Nakura. Es liegt Schutt vor einem zerstörten Haus auf einer Straße
Ein nach einem israelischen Luftangriff zerstörtes Wohnhaus in Nakura - in dieser südlibanesischen Stadt befindet sich auch das Hauptquartier der UNIFIL-Truppen im LibanonBild: Kawnat Haju/AFP

Doch trotz aller Anstrengungen hat sich die libanesische Armee gegen die Hisbollah nie durchsetzen können, immer wieder kam es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu Gefechten zwischen Hisbollah und israelischer Armee.

Zudem verfügen die UN-Blauhelme nur über ein eingeschränktes Mandat. Sie dürfen zum Beispiel keine libanesischen Privatgrundstücke durchforsten, keine eigenständigen Schiffskontrollen vor der Küste durchführen und müssen verdächtige Objekte der libanesischen Armee melden. Nur in deren Beisein dürfen Durchsuchungen durchgeführt werden.

Dieses Prozedere hat die Wirksamkeit bei der Unterbindung des Waffenschmuggels in der Vergangenheit massiv eingeschränkt. Und angesichts von mehr als 1200 getöteten und hunderttausenden geflohenen Libanesen alleine im März ist auch der Schutz der Zivilbevölkerung nur äußerst unzureichend gelungen.

Nach massiver Kritik: Aus für UNIFIL

Trotz der kaum zu übersehenden Probleme hielten die Vereinten Nationen und die libanesische Regierung bislang an der UNIFIL-Mission fest. Für die Regierung in Beirut waren die Blauhelme bislang ein wichtiger Partner, um der Hisbollah überhaupt etwas entgegensetzen zu können.

UN-Generalsekretär Guterres sieht in der UNIFIL einen wichtigen Stabilisierungsfaktor in der Region, ohne den die Lage im Südlibanon noch schneller außer Kontrolle geraten würde. Die truppenstellenden Länder, zu denen neben Indonesien unter anderem auch Frankreich, Italien und Spanien gehören, verurteilten den Beschuss der UN-Truppen scharf. Sie fordern, dass Israel bei seiner Offensive internationale Verpflichtungen respektiert und die Sicherheit des UN-Personals garantiert.

Geflüchtete in Beirut: Nirgends kann man sich sicher fühlen

Demgegenüber übten insbesondere Israel und die USA immer wieder scharfe Kritik an der UNIFIL-Mission: Die Blauhelme seien zu teuer, zu schwach und zu ineffizient bei der Bekämpfung der Hisbollah. Die Miliz nutze die UN-Stellungen sogar als "Schutzschilde", um aus deren Nähe Raketenangriffe gegen Israel zu starten.

Die US-Regierung bezeichnete die Mission als "vollständigen Fehlschlag". Sie kürzte ihre Beitragszahlungen für UNIFIL um einen zweistelligen Millionenbetrag und drängte auf eine signifikante Reduzierung der Truppenstärke. Der massive Druck aus Washington war letztlich ausschlaggebend dafür, dass die UN-Mission nicht nochmals verlängert wurde und daher Ende 2026 auslaufen wird.

Marinesoldaten der Mission Unifil auf der Korvette Ludwigshafen am Rhein beobachten mit Ferngläsern den Schiffsverkehr vor der Küste Libanons
Auch die Bundeswehr ist am maritimen Teil der UNIFIL-Mission vor der Küste des Libanon beteiligtBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Ab 2027 soll daher die libanesische Armee allein für eine dauerhafte Entwaffnung der Hisbollah und für Sicherheit im Südlibanon sorgen. Internationale Experten bezweifeln jedoch, dass diese dazu in der Lage sein wird.

Daher plant die Europäische Union, ab dem kommenden Jahr eine eigene Mission zu starten, um die libanesischen Streitkräfte weiter zu stärken. Jedoch soll es dabei nur um Beratung, Training und Ausbildung gehen. Eine Entsendung eigener Truppen im Sinne einer Nachfolge von UNIFIL ist ausdrücklich nicht geplant.

Thomas Latschan Bonn 9558
Thomas Latschan Langjähriger Autor und Redakteur für Themen internationaler Politik