Ungebrochen aktuell: Warum Ingeborg Bachmann noch zählt
25. Juni 2026
Wie bringt man das Unsagbare in Worte? Diese Frage beschäftigte viele deutschsprachige Autoren nach den Schrecken des Holocaust. Sie wollten mit dem Erbe der NS-Zeit brechen und zugleich das Trauma zerbombter Städte und einer hungernden Bevölkerung dokumentieren. In ihren Werken setzten sie sich mit den Fragen kollektiver Schuld und individueller Verantwortung auseinander.
Doch die Szene, die sich diesen schwierigen Themen widmete, war von Männern dominiert. Schriftstellerinnen wurden häufig als unbedeutend oder ihre Werke als belanglos abgetan. Nur wenige Frauen verschafften sich in jener von Sexismus geprägten Literaturwelt Gehör.
Eine von ihnen war die österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann - eine Autorin mit entschieden antifaschistischer Haltung, deren Werk heute vielfach feministisch gelesen wird. Die Texte seien nach wie vor hochaktuell, sagt Regina Schilling, langjährige Bachmann-Kennerin und Regisseurin der neuen Dokumentation "Ingeborg Bachmann: Jemand, der einmal ich war".
Bei ihren Recherchen für den Film habe sie vor allem beeindruckt, wie "visionär" und zeitgenössisch Bachmanns Texte seien. Sie habe Themen behandelt, die heute im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten stünden, "vor allen Dingen was Geschlechter betrifft, Gender Identität - bin ich ein Mann bin ich eine Frau", sagt Schilling. Außerdem habe Bachmann bereits das beschrieben, was heute als "Mansplaining" bezeichnet wird - wenn Männer Frauen belehrend Dinge erklären, die diese längst wissen. "Da war sie definitiv vor ihrer Zeit", so die Filmemacherin.
Bachmann setzte sich auch damit auseinander, wie Sprache bestehende Machtverhältnisse stützt. "Keine neue Welt ohne eine neue Sprache", heißt es in ihrer Erzählung "Unter Mördern und Irren".
Gegen die Grenzen der Sprache
Ingeborg Bachmann wurde 1926 im österreichischen Klagenfurt geboren. Ihr Vater war ein frühes Mitglied der NSDAP. Obwohl sie darüber kaum öffentlich sprach, prägte dieser belastende familiäre Hintergrund ihr Werk nachhaltig. Immer wieder setzte sie sich mit kollektiver Schuld, Traumata und patriarchaler Gewalt auseinander.
Der Aufbruch aus ihrer Heimatstadt war für sie ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Selbstbestimmung. "Später bin ich nach Paris, London und Deutschland gereist. Aber das bedeutet wenig. In meiner Erinnerung wird die Reise aus dem Tal nach Wien immer die längste bleiben", sagte sie einmal.
Bachmann studierte Philosophie, Psychologie und Germanistik. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit dem Existenzialismus des Philosophen Martin Heidegger.
Sie setzte sich zudem intensiv mit der Philosophie Ludwig Wittgensteins auseinander. Diese geht davon aus, dass es Dinge gibt, die sich nicht logisch beschreiben lassen und über die man deshalb besser schweigen sollte. Bachmann machte es sich zur Lebensaufgabe, dieser Schlussfolgerung zu widersprechen. Mit ihrer Literatur versuchte sie, "das Unsagbare, das Mystische, die Grenze" in Worte zu fassen.
Eine legendäre Gruppe von Avantgarde-Autoren
Durch ihre Arbeit beim Radiosender der amerikanischen Besatzungsmacht in Wien kam Bachmann nach dem Krieg mit der deutschsprachigen Literaturszene in Kontakt.
Sie wurde eingeladen, ihre Gedichte bei einem Treffen der "Gruppe 47" vorzutragen – einer einflussreichen Vereinigung von Avantgarde-Autoren. Der 1947 gegründete lose Zusammenschluss deutschsprachiger Schriftsteller hatte sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Literatur von der Propaganda und der ideologischen Vereinnahmung der NS-Zeit zu befreien. Zu ihren bekanntesten Mitgliedern gehörten unter anderem Heinrich Böll und Günter Grass – und eben Ingeborg Bachmann.
1953 erhielt sie für ihre Lesung aus ihrem ersten Gedichtband "Die gestundete Zeit" den Literaturpreis der Gruppe 47, die höchste Auszeichnung der Vereinigung. Die Gedichte entwerfen eine Welt, die zugleich von Schönheit und erschreckender Gewalt geprägt ist.
Auch mit ihren Hörspielen feierte Bachmann große Erfolge.
Ihr einziger vollendeter Roman "Malina" (1971) gilt als ihr Hauptwerk. Darin schildert sie den psychischen Zerfall einer Schriftstellerin, die in einer komplizierten Dreiecksbeziehung lebt.
Vor ihrem Tod arbeitete Bachmann an einem groß angelegten, mehrbändigen Romanzyklus mit dem Titel "Todesarten". Der fragmentarische Zyklus konzentriert sich auf die psychische Zerstörung von Frauen durch männliche Gewalt und patriarchale Strukturen in der modernen Gesellschaft. Es blieb ein unvollendetes Projekt: Sie starb 1973 im Alter von nur 47 Jahren an den Folgen eines Brandes in ihrer Wohnung in Rom. Ihr früher und tragischer Tod trug wesentlich zu ihrem Mythos bei.
Berühmtes Liebespaar der Literatur
Auch ihre Liebesbeziehungen und intellektuellen Partnerschaften spielen eine Rolle. Als junge Frau verliebte sie sich in den rumänisch-jüdischen Dichter und Holocaust-Überlebenden Paul Celan. Obwohl Celan später eine andere Frau heiratete, schrieben sich beide über viele Jahre Briefe. Es sind Schriftstücke, die ihre komplexe Beziehung dokumentieren.
Eine enge Verbindung – privat wie künstlerisch – verband Bachmann zudem mit Hans Werner Henze, einem der bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam arbeiteten sie an Opernprojekten; ihre Beziehung gilt als besonders intensive künstlerische Freundschaft.
Im Sommer 1958 begann sie eine Beziehung mit dem Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Max Frisch. Die beiden galten als eines der bekanntesten Paare der deutschsprachigen Literatur. Ihr intensiver geistiger Austausch war jedoch von Spannungen geprägt. Erst 2022 veröffentlichte Briefe zeigen, wie sehr ihre offene Beziehung und gegenseitige Affären beide belasteten.
Sandra Hüller im neuen Film
Zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns am 25. Juni erscheinen mehrere Werke, die sich mit ihrem Leben und Schreiben beschäftigen.
Regina Schillings Dokumentation "Ingeborg Bachmann: Jemand, der einmal ich war" nähert sich der Autorin auf poetische Weise. Der Film verbindet Archivaufnahmen und Interviews mit Auszügen aus Bachmanns Texten sowie inszenierten Szenen mit der Oscar-nominierten Schauspielerin Sandra Hüller.
Auch die neue Biografie von Andrea Scholl, "Zwei Menschen sind in mir", greift auf erst kürzlich veröffentlichte Briefe und Tagebucheinträge zurück. Der Titel verweist auf den zentralen Zwiespalt in Bachmanns Leben: den Gegensatz zwischen einer kompromisslosen, intellektuell brillianten Schriftstellerin und einem Menschen, der mit Krisen, Einsamkeit und Selbstzweifeln rang.
Doch trotz der Fülle an Büchern und Studien über Leben und Werk bleibt Ingeborg Bachmann eine rätselhafte Figur – mit den Eigenschaften ihres Meisterwerks "Malina": verletzlich und mutig, elegant und messerscharf, verstörend – und zugleich zutiefst menschlich.
Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch