Ungebremster Aufschwung in Deutschland | Wirtschaft | DW | 31.01.2018
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Konjunktur

Ungebremster Aufschwung in Deutschland

Teurer Euro? Arbeitskampf in der Metallindustrie? Die deutsche Wirtschaft scheint kaum beeinflussbar. Sie boomt, und das im achten Jahr. Sabine Kinkartz berichtet von der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts.

Wer in Deutschland bauen will, der hat es derzeit nicht leicht. Es gibt so gut wie keine Baufirma, die Kapazitäten frei hätte. Die Auftragsbücher sind randvoll, die Unternehmen suchen händeringend nach zusätzlichen Arbeitskräften - und finden keine. In keiner anderen Branche ist der Fachkräftemangel so allgegenwärtig wie in der Baubranche.

Im Bundeswirtschaftsministerium ist man allerdings überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Mangel auch anderswo spürbar wird. "Der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen in der nächsten Legislaturperiode", meint Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts in Berlin.

Jahr für Jahr weiter aufwärts

Die Wirtschaft in Deutschland wächst kontinuierlich und das seit nunmehr acht Jahren. Nach 1,9 Prozent im Jahr 2016 und 2,2 Prozent im vergangenen Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller produzierten Waren und erbrachten Dienstleistungen, 2018 um 2,4 Prozent ansteigen. Deutsche Waren sind in der Welt begehrt, gerade die exportierenden Unternehmen arbeiten an der Kapazitätsgrenze.

Deutschland Autoterminal der BLG Logistics Group in Bremerhaven | Mercedes Neuwagen (picture-alliance/dpa/I. Wagner)

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Ökonomen warnen bereits seit einiger Zeit vor einer Überauslastung der Wirtschaft, doch die Ministerin winkt ab. "Diese Gefahr sehen wir im Moment nicht", sagt Zypries. "Wir sehen auch keine anderen Überhitzungserscheinungen wie zum Beispiel eine beschleunigte Preisentwicklung." Die deutsche Wirtschaft sei in einer guten Verfassung und der sich fortsetzende Aufschwung komme inzwischen auch bei den Arbeitnehmern an. Die Löhne und Gehälter seien seit 2013 durchschnittlich um mehr als 1,6 Prozent pro Jahr gestiegen.

Kaum eine Wolke am Horizont

Alles in allem gibt es kaum etwas, was der wegen der andauernden Regierungsbildung nur geschäftsführenden Ministerin Kopfzerbrechen bereiten würde. Der schwache Dollar und der im Gegenzug erstarkte Euro? "Das ist immer noch im Rahmen, das kann man verkraften", sagt Zypries bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung in Berlin und adressiert damit die exportierende Wirtschaft, deren Produkte auf dem Weltmarkt teurer geworden sind.

Auch die Steuersenkungen für Unternehmen in den USA, die dazu führen könnten, dass deutsche Firmen vermehrt dort, statt in Deutschland investieren könnten, machen der Wirtschaftsministerin keine akuten Sorgen.

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Mehr Gedanken müsse man sich darüber machen, dass es nicht auch innerhalb von Europa zu einem negativen Steuerwettlauf komme. "Wir hätten gerne, dass auf europäischer Ebene einheitliche Steuersätze verabredet werden", so Zypries. Darüber spreche man ja nun schon seit vielen Jahren. "So richtig bewegt sich das nicht, obwohl es unbedingt notwendig wäre."

Wie geht es weiter in Deutschland?

Schwerpunktthemen für die Wirtschaftspolitik einer zukünftigen Bundesregierung sind für die Ministerin die Digitalisierung und die Energiepolitik. Weiter positionieren will sich die SPD-Politikerin aber nicht. Schließlich verhandeln die Sozialdemokraten derzeit mit CDU und CSU über die Bildung einer Regierungskoalition. Brigitte Zypries leitet die SPD-Abordnung in der Arbeitsgruppe Wirtschaft.

Während die Ministerin sich in Zukunftsfragen noch bedeckt hält, mahnt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die gute Konjunktur dürfe den Blick auf die Herausforderungen nicht trüben. "Trotz der verbesserten wirtschaftlichen Lage bewerten die hiesigen Betriebe wichtige Standortfaktoren wie etwa die Verkehrsinfrastruktur, das Fachkräfteangebot oder das Steuersystem zunehmend schlechter", fasst DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben die Stimmung in seinem Verband zusammen. Entscheidend sei, dass eine neue Bundesregierung den konjunkturellen Schwung nutze, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Kritik auch von BDI und den Grünen

Das Wachstum sei "kein Selbstläufer", warnt auch der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf. Es sei "grundfalsch, sich im neunten Aufschwungsjahr von der weiterhin guten deutschen Wirtschaftsleistung blenden zu lassen". Dem BDI sind insbesondere die Steuerpläne von Union und SPD ein Dorn im Auge. Diese ließen "die Unternehmen links liegen", erklärte Kempf. Eine Entlastung der Unternehmen beim Solidaritätszuschlag sei überfällig.

Kritik kommt auch von Seiten der politischen Opposition. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter kritisiert, der Jahreswirtschaftsbericht strotze "vor Zahlenakrobatik, Eigenlob und Leerstellen". Beim Breitband-Ausbau reiße die Bundesregierung "erneut die selbst gesetzten Ziele, zu den Umweltkosten findet sich kein Wort und immer noch bleiben Millionen Menschen abgehängt", so Hofreiter. Ohne eine gerechtere Verteilung von Wohlstand und Chancen bleibe Deutschland "gespalten".

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