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PolitikUngarn

Ungarn: Zehntausende fordern Rücktritt von Premier Orbán

14. Dezember 2025

Der ungarische Oppositionsführer Péter Magyar hatte zu dem Protest in Budapest aufgerufen. Anlass sind zahlreiche Missbrauchsfälle in staatlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen, die bislang vertuscht wurden.

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Ungarn Budapest 2025 | Zahlreiche Menschen in einem Demonstrationszug, die erste Reihe hält ein Banner, auf dem steht: Lasst uns Kinder schützen
"Lasst uns Kinder schützen", heißt es auf dem Banner der Demonstrierenden in Budapest Bild: Robert Hegedus/dpa/picture alliance

In Ungarns Hauptstadt Budapest haben am Samstag mehr als 50.000 Menschen den Rücktritt von Ministerpräsident Viktor Orbán verlangt. Sie skandierten Parolen wie "Orbán, hau ab!". Der Chef der liberalkonservativen Oppositionspartei Respekt und Freiheit (TISZA), Péter Magyar, führte den Protestzug mit an.

Bericht: 3000 mutmaßliche Missbrauchsfälle in Ungarn

Die TISZA-Partei hatte am Freitag einen Regierungsbericht aus dem Jahr 2021 publik gemacht, der bis dahin unter Verschluss gehalten wurde und weitverbreiteten Missbrauch in staatlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen aufzeigt. Die Rede ist von rund 3000 mutmaßlichen Missbrauchsfällen. Dies entspricht mehr als einem Fünftel aller Minderjährigen in staatlicher Obhut in Ungarn.

Der Bericht beruht auf einer zwischen Juli und November 2021 erfolgten Umfrage, an der 507 von 676 angestellte Betreuungspersonen teilnahmen. Das Betreuungspersonal kritisierte laut dem Bericht zudem, dass Polizei oder Staatsanwaltschaft Ermittlungen ohne Anklage einstellten. Als Grund dafür sei meist ein Mangel an Beweisen genannt worden, hieß es.

Die Untersuchung wurde 2022 an die zuständigen Behörden weitergeleitet, "um deren Arbeit zu unterstützen", wie das Innenministerium in einer Stellungnahme erklärte.

Ungarn Budapest 2025 | Oppositionsführer Magyar mit einer Fackel in der Hand neben demonstrierenden Frauen, die ebenfalls Fackeln in der Hand halten
Oppositionsführer Magyar (3.v.r.) bei dem Protest gegen KindesmissbrauchBild: Bernadett Szabo/REUTERS

Zuletzt sorgte ein neuer Fall von Gewalt in einer Jugendstrafanstalt in Budapest für Schlagzeilen. Videos, die diese Woche veröffentlicht wurden, zeigen Mitarbeiter, die dort untergebrachte Kinder körperlich misshandeln. Der ehemalige Leiter der Einrichtung, der sich wegen des Verdachts der Betreibung eines Prostitutionsrings und anderer Verbrechen in Polizeigewahrsam befindet, wird ebenfalls beschuldigt, Minderjährige körperlich und sexuell missbraucht zu haben.

Vier Mitarbeiter der Jugendstrafanstalt wurden Anfang der Woche in Polizeigewahrsam genommen. Die Regierung stellte zudem nach eigenen Angaben alle Einrichtungen dieser Art unter polizeiliche Aufsicht.

Wut auf der Demonstration in Budapest

Ein Demonstrant, der extra aus mehr als 300 Kilometer Entfernung zu der Demonstration am Samstag in Budapest angereist war, sagte: "In anderen Ländern wäre die gesamte Regierung wegen dieses Skandals gestürzt worden. Aber hier sehen wir, wie sie sich mit aller Kraft an die Macht klammern."

Ein anderer Kundgebungsteilnehmer erklärte, für die Regierung "sind nicht die Missbrauchsfälle das Problem, sondern, dass sie aufgedeckt worden sind".

Ungarn Budapest 2025 | Demonstrierende legen Spielzeug und Teddybären vor dem Präsidentenpalast nieder
Teilnehmende des Protestzugs legen vor dem Präsidentenpalast in Budapest Teddybären und Spielzeug nieder Bild: Bernadett Szabo/REUTERS

Der nationalkonservative Ministerpräsident Orbán hat dem Kinderschutz nach eigenen Worten seit seiner Rückkehr an die Macht im Jahr 2010 "höchste Priorität" eingeräumt. In den vergangenen Jahren wurde seine Regierung jedoch bereits von mehreren Missbrauchsskandalen erschüttert.

2024 trat die ungarische Staatspräsidentin Katalin Novák von ihrem Amt zurück, nachdem die Öffentlichkeit empört auf ihre Unterstützung für die Begnadigung eines Mannes reagiert hatte. Er war wegen der Vertuschung von Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern in einem öffentlichen Waisenhaus verurteilt worden. Zudem legte Ex-Justizministerin Judit Varga, eine Orbán-Vertraute, ihre politischen Funktionen nieder.

se/cw  (afp, ap, rtr)