Umstrittenes NS-Filmerbe: Was sind Überläufer-Filme? | Filme | DW | 11.09.2020
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Filmgeschichte

Umstrittenes NS-Filmerbe: Was sind Überläufer-Filme?

In Nazi-Deutschland wurden zwischen 1933 und 1945 über 1200 Filme gedreht. Was geschah nach Kriegsende mit ihnen? Und was versteht man unter "Überläufern"?

Marte Harell und Johannes Heesters in dem Film Die Fledermaus (Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb).

Kurz vor Kriegsende abgedreht: Filmoperette "Die Fledermaus" mit Marte Harell und Johannes Heesters

Es begann mit ein paar blechernen Filmdosen: "Ende November 1945 - so geht jedenfalls die Legende - haben zwei sowjetische Soldaten in einem Bunker in Babelsberg Filmrollen gefunden", erzählt der Filmhistoriker Ralf Schenk. Auf seinen Recherchen fußt die große Filmschau "Überläufer: Vom Ende der nationalsozialistischen Filmproduktion und ihrem Weiterleben", die jetzt in Berlin zu sehen ist.

Im Herzen der deutschen Hauptstadt, im "Zeughauskino" des Deutschen Historischen Museums, wird bis Ende September ein Großteil der Filme gezeigt, die Historiker und Filmwissenschaftler seit längerem als "Überläufer" kategorisieren. Es sind Filme, die vor Kriegsende in Nazi-Deutschland gedreht und zu großen Teilen fertiggestellt, aber erst nach dem Krieg vollendet wurden und zur Aufführung kamen.

Berlinale-Spielstätte: Zeughaus-Kino in Frontalansicht im Sonnenlicht (picture-alliance/ dpa/G. Breloer)

Zeughaus in Berlin: Spielstätte der "Überläufer"-Retrospektive

Joseph Goebbels hatte die herausragende Bedeutung des Kinos erkannt

Rückblick: Während der Nazi-Diktatur in Deutschland hatte das Kino eine herausragende Rolle im Reigen der Kunstsparten gespielt. Vor allem Joseph Goebbels, "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda", hatte sich für den Film eingesetzt, im Kino ein entscheidendes Werkzeug für die Lenkung der Massen gesehen. Das Kino wurde für Propagandazwecke eingesetzt, diente aber auch der Unterhaltung, später dann vor allem der Ablenkung von den Kriegsgräueln.

Mit der deutschen Niederlage fiel das deutsche Filmerbe in die Hände der Alliierten. Die Frage war nun: Wie soll damit umgegangen werden? Die Siegermächte unterteilten die deutschen Filme in drei Hauptkategorien. Ein Großteil wurde als politisch unbedenklich eingestuft und freigegeben. Diese Filme durften also wieder in die Kinos kommen - sobald das im zerstörten Deutschland möglich war. In der Kategorie B fanden sich Filme wieder, die nur mit Schnittauflagen gezeigt werden durften. Aber auch ihnen stand nach mehr oder weniger großen Änderungen der Weg in die Kinos frei.

Deutsches NS-Filmerbe: "Vorbehaltsfilme" und "Überläufer"

Ein dritter Teil wurde verboten. Das waren die Propagandafilme des "Dritten Reichs". Dabei handelte es sich zunächst um einen Korpus von rund 220 Werken. Ein kleinerer Teil davon darf auch heute, 75 Jahre nach Kriegsende, nur unter gewissen Umständen aufgeführt werden: die sogenannten "Vorbehaltsfilme". Zu ihnen gehört zum Beispiel Veit Harlans berüchtigter "Jud Süß".

Schließlich gab es noch ein paar Dutzend Filme, die in keine der Kategorien fielen, eben jene, denen man später den Titel "Überläufer" verpasste: Werke, die kurz vor der Vollendung standen, als der Krieg für Deutschland verloren war. Diese stehen nun im Mittelpunkt der Berliner Schau. Ausgangspunkt der Wiederentdeckung dieser zunächst unfertigen Werke waren eben jene Filmdosen, die von zwei Russen am Rande der Babelsberger Studios gefunden wurden.

Der Journalist Filmkritiker Filmhistoriker Autor und Vorstand der der DEFA Stiftung Ralf Schenk (Imago Images)

Filmkurator Ralf Schenk

Ralf Schenk: "Die Soldaten, die die Rollen fanden, sind dann zu dem technischen Direktor, einem Russen, der damals von den Sowjets [für den Bereich Film, Anm. d. Red.] eingesetzt worden war, gegangen und haben gesagt: Wir haben hier Filmrollen gefunden." Daraufhin habe man die deutsche Schnittmeisterin Alice Ludwig gefragt, was sich denn hinter dem geheimnisvollen Fund verbergen könnte. Alice Ludwig wusste Bescheid: Es handelte sich um die kurz vor Kriegsende fast fertiggestellte Filmoperette "Die Fledermaus" mit Stars wie Johannes Heesters und Marte Harell.

Sowjets nutzen deutsche Filme für eigene Zwecke

Die Russen hätten dann, so Schenk im Gespräch mit der Deutschen Welle, das Potential von Filmen wie "Die Fledermaus" erkannt. Die Sowjets waren gerade dabei, die DEFA zu gründen. Man konnte diese Filme also einsetzen - vorausgesetzt, es handelte sich nicht um Werke, die die Werte von Nazi-Deutschland propagierten: "Da hat man schon sehr darauf geachtet, dass das nun keine groben Propagandafilme mehr waren, die gab es ja auch Ende 1944/Anfang 1945 kaum noch. Die Filme, die dann 1946 als erste 'Überläufer' ins Kino gekommen sind, waren 'reine Unterhaltungsfilme'."

Filmstill aus dem Film Dreimal Komoedie mit drei Darstellern in einem Plausch, eine Frau in der Mitte, zwei befrackte Herren außen (Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung)

Auch ein Überläufer: Die Dreharbeiten zu dem Lustspiel "Dreimal Komödie" starteten vor Kriegsende, Deutschland-Premiere folgte erst 1949

Die Russen verfolgten damit vornehmlich zwei Ziele. Zum einen hatte man einen ersten Film-Grundstock fürs deutsche Publikum für die Zeit nach der Wiedereröffnung der Lichtspielhäuser. "Allein die sowjetischen Filme hätten die Kinos in der sowjetischen Besatzungszone kaum füllen können", sagt Schenk: "Da musste noch was anderes her, und so hat man sich an den alten deutschen Filmen orientiert."

Bei der DEFA wurden deutsche "Überläufer" fertiggestellt

Zweitens, so der Filmhistoriker, hätten die russischen Filmoffiziere gewusst, dass man diese Filme auch in der Sowjetunion vor großem Publikum habe zeigen können. Man hat also nach dem Auffinden der "Fledermaus"-Rollen "den Auftrag gegeben, nach weiteren Filmrollen in diesem Wirrwarr in und außerhalb des Babelsberger-Studios zu suchen." Man sei auf eine ganze Reihe von fast fertiggestellten Filmen gestoßen. "Diese wurden dann im Laufe der Zeit von der DEFA bearbeitet."

Szene aus dem zerstörten Berlin im Jahre 1945 (picture-alliance/akg-images)

An Kino war im zerstörten Berlin nicht zu denken. Ein paar Jahre nach Kriegsende lechzte die Bevölkerung nach Unterhaltung

Die Filme wurden von der DEFA im Auftrag der Sowjets fertiggestellt, meist mussten sie nachträglich mit Ton und Musik und gegebenenfalls einer Synchronisation versehen werden. Nur in Ausnahmefällen wurden kurze Szenen nachgedreht. Um Rechte kümmerte man sich nicht. Wie sollte das auch geschehen in der am Boden liegenden, zerstörten deutschen Filmindustrie?

Ralf Schenk: "Für Ostdeutsche und Sowjets eine Win-Win-Situation"

"Für die DEFA war das natürlich auch eine lukrative Geschichte", sagt Schenk, "weil 'Sovexportfilm' der DEFA für die Fertigstellung der Filme eine ganze Menge gezahlt hat." Bei "Die Fledermaus" seien das zum Beispiel 300.000 Reichsmark gewesen: "Mit diesem Geld konnte die DEFA ihre eigene Infrastruktur aufbauen." Für die Fertigstellung der Film-Operette habe man nur rund 100.000 Reichsmark gebraucht, 200.000 Reichsmark waren also übrig: "Die konnte man für die Dreharbeiten der neuen Filme nutzen. Eine Win-Win-Situation!"

Leni Riefenstahl bei Dreharbeiten zu 'Tiefland' mit Kamera (picture alliance/Keystone)

Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten von "Tiefland", die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1940

Die ostdeutsche DEFA übernahm einen großen Teil der Überläufer-Filme. Aber im Westen, in den von den Amerikanern, Briten und Franzosen besetzten Gebieten, gab es auch "Überläufer". "Tiefland" von Leni Riefenstahl ist einer der bekanntesten Filme dieser Kategorie. Die berühmte Regisseurin in Diensten der Nazi-Propaganda (sie inszenierte Propagandawerke wie "Triumph des Willens" und die "Olympia"-Filme von 1936) konnte nach dem Krieg in West-Deutschland wieder Fuß fassen.

Riefenstahl hatte den Historienstreifen, der eine Fabel aus dem Spanien des 18. Jahrhunderts erzählt, in den Jahren 1940 bis 1944 gedreht. Das Material wurde nach Kriegsende von französischen Stellen beschlagnahmt. Riefenstahl konnte "Tiefland" erst nach dem Krieg zu Ende drehen. 1953/54 wurde der Film schließlich fertiggestellt, was kuriose Folgen hatte: "Das sieht man dem Film auch an, dass da ein bestimmter Alterungsprozess der Schauspieler zu erkennen ist", erzählt Ralf Schenk. 

Doch "Überläufer"-Filme wie "Tiefland" sind die Ausnahme. In der Regel handelte es sich bei diesem kleinen, aber wichtigen Teil des mitunter problematischen deutschen Filmerbes aus den Jahren 1933 bis 1945 um Unterhaltungsfilme für ein großes Publikum. Ein dreiviertel Jahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs kann man diese Filme jetzt in Berlin wieder in einem größeren Zusammenhang sehen.

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