Ausharren im Donbass: "Geben wir auf, bleibt nichts übrig"
16. April 2026
Während Russland die ukrainsiche Region Luhansk fast vollständig kontrolliert, seien noch rund 18 Prozent der Region Donezk nicht unter russischer Kontrolle, erklärte Kremlsprecher Dmitrij Peskow am 12. April. Doch die russische Armee rückt weiter vor. Ihre aktuelle Offensive zielt vor allem auf die Stadt Kostjantyniwka. Eine Einnahme der Stadt würde den Russen den Weg zu den letzten größeren Städten der Region, Kramatorsk und Slowjansk, öffnen.
"Kostjantyniwka ein Dorn im Auge"
Am Stadtrand von Kostjantyniwka gebe es bereits Gefechte, berichtet der Chef einer ukrainischen Kompanie mit dem Rufnamen "Lys" (Fuchs) gegenüber der DW. Ihm zufolge sei es einigen russischen Truppen gelungen, von Nebel geschützt aus den umliegenden Wäldern in die Stadt einzudringen. "Sie sondieren die ganze Front und suchen nach Stellen, wo sie entweder einsickern oder einen Keil in die Verteidigungslinie treiben können", erläutert Lys: "Wahrscheinlich werden sie sich nach einer Reihe von Angriffen, die wir derzeit beobachten, einen bestimmten Frontabschnitt aussuchen und diesen gezielt unter Druck setzen. Das ist seit letztem Jahr ihre übliche Taktik."
Laut "Lys" ist Kostjantyniwka der russischen Armee "ein Dorn im Auge". "Solange sie da nicht durch sind, kommen sie nicht weiter. Der Ballungsraum Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk ist wie eine einzige große Stadt", erläutert er und warnt, sollten die Russen dort vordringen, würde es sehr schwer werden, sie aufzuhalten.
Rückzug als Teil von Friedensgesprächen
Russland versucht nicht nur mit militärischen Mitteln, die gesamte Region unter seine Kontrolle zu bekommen. Auch in den bisherigen Friedensgesprächen forderte Moskau den Rückzug der ukrainischen Armee aus dem gesamten Donbass, also aus den Regionen Luhansk und Donezk.
Kyjiw weist diese Forderung zurück. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj befürchtet, Russland könnte das Gebiet nach dem Abzug der ukrainischen Armee als Ausgangspunkt für Angriffe auf andere Gebiete nutzen. Ihm zufolge gibt es in dem Gebiet "starke Verteidigungs- und Befestigungsanlagen". Selbst unter Kampfbedingungen würden dort noch rund 200.000 Menschen leben.
"Wie kann man bei Verhandlungen ein Gebiet aufgeben, für das Tausende unserer Männer ihr Leben gelassen haben? Das kommt gar nicht in Frage", empört sich Ruslan, Mörserkommandeur einer Brigade, die Stellungen am Ortseingang von Kostjantyniwka verteidigt.
"Das ist eine Stadt, in der noch immer unsere Bürger leben. Sie muss verteidigt werden", bekräftigt auch Bataillons-Stabschef Eduard. "Wenn wir sie einfach so aufgeben, wird von der Region Donezk bald nichts mehr übrig sein. Wenn Kostjantyniwka fällt, ist Kramatorsk das nächste Ziel."
Zivilisten zwischen Gefahr und Evakuierung
Wie viele Zivilisten sich noch in Kostjantyniwka aufhalten, das einst 70.000 Einwohner zählte, ist unklar. Eine Evakuierung ist nur zu Fuß möglich, über eine Straße, die von einem mittlerweile arg beschädigten Netz überspannt wird - zum Schutz vor russischen Drohnenangriffen. "Als ich Kostjantyniwka verließ und mich auf dem Weg in drei Häusern versteckte, fand ich dort tote Zivilisten", berichtet der Kompaniechef einer Schützenbrigade gegenüber der DW. "Ich verstehe die Leute nicht, die dort bleiben. Warum gehen sie nicht?"
Auch im nahegelegenen Druschkiwka halten sich noch immer Bewohner auf. Morgens, unterwegs mit ukrainischen Militärs, begegnen wir vielen Menschen auf dem Weg zur Arbeit - zumeist Angestellten kommunaler Dienste.
"Das Leben in der Stadt ist beängstigend", sagt eine Frau mit dem Namen Ninel kurz. "Aber wohin soll ich noch gehen? Mir bleibt eh nicht mehr viel Zeit zum Leben", sagt ein älterer Mann namens Vitalij.
Bedrohliche Lage in Kramatorsk und Slowjansk
Je länger der Krieg dauert, desto deutlicher verändert sich auch das Stadtbild von Kramatorsk. Auch wenn die Stadt noch nicht direkt an der Front liegt, nimmt die Zerstörung der Stadt quasi täglich zu. Allein am 29. März griff die russische Armee mit mehreren Fliegerbomben an. Drei Menschen, darunter ein 13-jähriger Junge, kamen dabei ums Leben.
Eine der Bomben fiel in ein Wohngebiet, das bereits zum siebten Mal getroffen wurde. Die Menschen, die ihre Wohnungen dort in Ordnung bringen, wirken erstaunlich gefasst. "Wir werden unsere Sachen packen", sagt Olena und blickt aus ihrem Fenster, das keine Scheibe mehr hat. Sollte die ohnehin für die Nächte bestehende Ausgangssperre deutlich ausgedehnt werden, so Olena, "werden wir gehen müssen. So war es in Pokrowsk, Kostjantyniwka, dann in Druschkiwka. Uns ist klar, dass es auch uns treffen wird."
Schutznetze zur Drohnenabwehr sind über den Straßen entlang der Frontlinie längst ein vertrauter Anblick. Nun gibt es sie auch in den Außenbezirken von Kramatorsk und dem benachbarten Slowjansk. Einige Stadtteile von Slowjansk liegen bereits in Reichweite russischer FPV-Drohnen, daher wurden Minderjährige dort schon zwangsevakuiert. Trotzdem wirkt der Rest der Stadt noch immer lebendig. Die Cafés sind geöffnet, Renter und Frauen mit Kindern sind auf den Straßen unterwegs.
"Wenn ich das Geld dazu hätte, würde ich weggehen. Es fällt einem schwer, das alles mitanzusehen", sagt Iryna, eine ältere Frau. "Sollten wir diesen Teil des Donbass tatsächlich abtreten, würde das viele Menschenleben retten, Soldaten wie Zivilisten", sagt Iryna. "Aber dieses Gebiet einfach aufgeben? Es ist doch Teil der Ukraine!"
Auch Slowjansk steht immer wieder unter Beschuss. Im Stadtzentrum steht ein Hotel, das durch einen Angriff mehrerer Shahed-Drohnen ausgebrannt ist. Wladyslaw Samusenko schlief in einem der Zimmer, als der Angriff erfolgte. "Gott sei Dank lebe ich noch", seufzt der Mann und zeigt auf das verwüstete Hotelzimmer.
"Viele Leichen in Hinterhöfen und auf Straßen"
Samusenko hat eine gemeinnützige Organisation namens "Rhythmus unseres Lebens" gegründet. Mit dieser wollte er ursprünglich Waisenkindern helfen. Mit Beginn des umfassenden Einmarsches Russlands organisierte er auch die Evakuierung von Zivilisten aus gefährdeten Gebieten. "Mir war sofort klar, dass Menschenleben gerettet werden müssen", so Samusenko.
Am 24. März evakuierte er ein Rentnerehepaar, eine Frau und einen gelähmten Mann, aus Kostjantyniwka. Acht Kilometer musste er zu Fuß zurücklegen, um in die Stadt zu gelangen, stets in Angst vor russischen Angriffen. "Dort liegen viele Leichen, in den Hinterhöfen und auf den Straßen. Man riecht sie, wenn man an einem Haus vorbeigeht", so Samusenko. Ihm zufolge harren vor allem Rentner in der Stadt aus.
Doch der Helfer traf dort auch einige junge Männer, die Angst hätten, in die Armee eingezogen zu werden. "Wir haben zu wenige Kämpfer. Unsere Soldaten sind müde und es fehlt an Ersatz." Aber solange Zivilisten ihn darum bitten würden, sagt Samusenko gegenüber der DW, würde er ihnen jederzeit helfen, aus den vom Krieg erfassten Städten zu fliehen.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk