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KonflikteUkraine

Ukraine: Deshalb ist Charkiw strategisch so wichtig

Roman Goncharenko
13. Mai 2024

Russlands neue Offensive gilt Charkiw, zweitgrößte Stadt der Ukraine. Der Kampf um die Stadt dürfte blutiger werden als die um Donezk oder Mariupol. Eine Niederlage wäre für die Ukraine schmerzhafter als im Donbass.

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Ein Monumentalbau im Stil des sozialistischen Klassizismus mit geborstenen Fenstern davor ein mit Trümmern übersäter Platz
Das Rathaus in der Stadtmitte von Charkiw nach russischem Beschuss im März 2022 Bild: Sergey Bobok/AFP

Zwei Jahre nach dem gescheiterten Versuch, Charkiw einzunehmen, rückt Russland wieder auf die Stadt vor. Bis vor kurzem waren sich Experten sicher, dass es sich bei der Operation nahe Charkiw eher um eine Propaganda-Kampagne Russlands handelte. Moskau habe nicht genügend Streitkräfte, um die zweitgrößte Stadt der Ukraine einzunehmen, hieß es.

Doch dann nahm die russische Armee Anfang Mai rasch mehrere Dörfer im Norden der Oblast Charkiw ein, und die Sorge um Charkiw wurde akuter. Für Kiew stehen nicht nur weitere territoriale Verluste auf dem Spiel. Charkiw ist für die Ukraine in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselstadt - als Wirtschafts- und Kulturzentrum, aber auch als eines der Symbole der ukrainischen Wehrhaftigkeit gegen die russische Invasion.

Was man über Charkiw wissen muss 

Charkiw war schon im Russischen Zarenreich eine große Stadt. Von 1919 bis 1934 war es die erste Hauptstadt der Sowjetukraine. Und obwohl die Stadt später überwiegend russischsprachig wurde, erblühte hier in den 1920er und 1930er Jahren die ukrainische Kultur, deren prominente Vertreter dem Terror unter Diktator Joseph Stalin zum Opfer fielen. Die Namen vieler Schriftsteller und Dichter dieser Generation, genannt "hingerichtete Wiedergeburt", wurden erst in der unabhängigen Ukraine weithin bekannt.

Zu Sowjetzeiten wurde Charkiw ein Verkehrs-, Industrie- und Wissenschaftszentrum. Von der UdSSR erbte die Stadt ein Hightech-Industrie-Cluster und wichtige Hochschulen, darunter die Nationale Karasin-Universität, die Juristische Universität, die Universität für Radioelektronik und das einzige Luftfahrtinstitut der Ukraine. In den 1930er Jahren wurde in einem wissenschaftlichen Zentrum in Charkiw zum ersten Mal in der UdSSR ein Atom gespalten.

Charkiw liegt etwa 40 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt, an der Kreuzung strategischer Fernstraßen von West nach Ost und von Nord nach Süd, einschließlich der Strecke von Moskau über Rostow am Don auf die Krim. Bis vor kurzem wurden in der Stadt Bauteile für Wasserkraft-, Wärme- und Kernkraftwerke sowie Flugzeuge, Traktoren und Panzer hergestellt. Außerdem befindet sich im Stadtzentrum der größte Markt der Ukraine - Barabaschowo.

Ort von Putins Niederlage

Aufgrund des verstärkten Beschusses aus Russland und der damit verbundenen Stromausfälle können viele Unternehmen nicht mehr in vollem Umfang arbeiten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Ukraine in der Lage wäre, sie alle an einen sichereren Ort zu verlegen.

Denn dafür bräuchte sie viel Geld, Güterzüge und Zeit. Das alles ist gerade knapp. Einige kleine Unternehmen sind bereits 2022 in die Westukraine umgezogen. Im April berichteten ukrainische Medien über Pläne zweier in Charkiw ansässiger Industriegiganten, die kurz vor dem russischen Einmarsch fusioniert wurden, Niederlassungen im Westen des Landes zu gründen. 

Russland hat aus seinem Wunsch, Charkiw zu erobern, keinen Hehl gemacht. Der ehemalige Präsident Dmitri Medwedew hatte offen angekündigt, dass die Oblast Charkiw im Herbst 2022 die fünfte durch Russland annektierte Region in der Ukraine sein sollte.

Eine erfolgreiche Gegenoffensive der ukrainischen Armee durchkreuzte diese Pläne. Charkiw wurde zu einer Region, aus der die russische Armee buchstäblich floh und dabei Ausrüstung und Munition zurückließ.

Zurückgelassener russische Panzerhaubitze in einem Feld bei Charkiw, November 2022
Nach dem fehlgeschlagenen Angriff auf Charkiw 2022 floh die russische Armee so überstürzt, dass sie Ausrüstung und Munition zurückließBild: Hanna Sokolova/DW

Beobachter zweifeln nicht daran, dass Russland versuchen wird, Rache zu nehmen. Der Verlust von Charkiw und der Region wäre für die Ukraine auch ein schwerer Schlag bezüglich der Energiesicherheit. Die wirtschaftlichen Folgen wären schwerwiegender als der Verlust von Donezk oder Mariupol.

Laut staatlichen Statistiken leistete die Oblast Charkiw im Jahr 2019 den drittgrößten Beitrag zum ukrainischen BIP (6,3 Prozent), hinter Kiew und der Oblast Dnipropetrowsk. Zudem ist Charkiw die Region mit den größten Erdgasreserven der Ukraine. Mit ihnen kann das Land seinen Bedarf fast vollständig durch eigene Reserven decken.

Knotenpunkt der ukrainischen Armee

Eine mögliche Schlacht um Charkiw könnte zur blutigsten des bisherigen Kriegsverlaufs werden. Das liegt an der Größe der Stadt: Mit rund 350 Quadratkilometern und aktuell rund 1,3 Millionen Einwohnern hat sie in etwa die Größe Münchens.

Damit leben etwa so viele Menschen in der Stadt wie vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine. Zwar haben viele Einwohner die Stadt verlassen, dafür sind Hunderttausende aus dem Donbass und anderen Regionen, in denen der Krieg früher ausgebrochen war, nach Charkiw geflüchtet.

Zwei Jahre nach Kriegsbeginn - Überleben in Charkiw

Als 2014 prorussische Aktivisten mit stillschweigender Hilfe der russischen Sicherheitsdienste versuchten, die Macht in Städten der östlichen Ukraine zu übernehmen, hatten sie damit in Donezk und Luhansk Erfolg. In Charkiw wurden sie schnell aus dem Gebäude der regionalen Staatsverwaltung vertrieben.

Als im selben Jahr der Krieg im Donbass begann, wurde Charkiw zu einer Drehscheibe für die ukrainische Armee und zu einem der Zentren der Freiwilligenbewegung: Militärisches Gerät wird dort repariert, Verwundete werden medizinisch behandelt. Schließlich sind im Oblast Charkiw viele militärische Einrichtungen aus der Sowjetzeit erhalten geblieben, darunter ein Waffendepot und ein Militärflugplatz.

Die russische Offensive im Nordosten kam für die Ukraine nicht überraschend. Rund um die Stadt Charkiw wurden mehrere Verteidigungslinien errichtet, nicht aber um das umliegende Land. Außerdem hat Russland einen großen strategischen Vorteil: Es kann Charkiw und die Region von seinem Territorium aus beschießen.

Die Ukraine kann nur mit ihren eigenen Waffen mit kleiner Reichweite zurückschlagen, nicht aber mit westlichen Waffen mit größerer Reichweite. Das verbieten die Bedingungen für westliche Waffenlieferungen. Das Vereinigte Königreich hat vor kurzem seine Bereitschaft erklärt, dies zu ändern. Für die meisten anderen Länder bleibt es allerdings weiterhin ein Tabu, dass die Ukraine Russland mit ihren Waffen beschießt.