TV-Sender wusste von Dieter Wedels Übergriffen | Filme | DW | 25.01.2018
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Filme

TV-Sender wusste von Dieter Wedels Übergriffen

Weitere Schauspielerinnen erheben ernste Vorwürfe gegen Dieter Wedel. Sie reichen von Schikane bis Vergewaltigung. Eine hatte sich auch vor fast 40 Jahren schon zu Wort gemeldet, doch niemand wollte sie damals anhören.

Der Weinstein-Skandal und die #MeToo-Debatte hat mit zeitlicher Verzögerung auch die deutsche Filmbranche erfasst. Anfang Januar hatten mehrere Frauen im "Zeit"-Magazin Vorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel erhoben, der an vielen TV-Produktionen der 1980er und 1990er Jahre beteiligt war. In jenen Jahren soll er mehrere Frauen belästigt, womöglich vergewaltigt haben. In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch von einem Vorfall, der 1980 in einem Hotelzimmer stattgefunden haben soll. Angeblich habe Wedel versucht, die Schauspielerin zu vergewaltigen, sie gewürgt und mit dem Kopf auf die Bettkante gestoßen. Die Verletzungen waren so stark, dass sie den Dreh abbrechen und die Rolle abgeben musste. Ein Arztbericht vom 12. Januar 1981 bestätigt eine Gewalteinwirkung und eine "erhebliche Bewegungseinschränkung" im Hals.

Poträt von Esther Gemsch. (picture-alliance/Keystone/U. Flueeler)

Schauspielerin Esther Gemsch 2014 in Locarno

Ernste Anschuldigungen: Mobbing und Vergewaltigung

Auch ihre Nachfolgerin am Set, Ute Christensen, soll unangenehme Erfahrungen mit Wedel gemacht haben. Sie berichtet in der "Zeit" von Demütigungen am Set, die sie so schwer belastet hätten, dass sie ihr ungeborenes Kind im vierten Monat verloren habe. Dass sie Wedel nicht auf sein Hotelzimmer gefolgt sei, soll der Grund für das Mobbing gewesen sein. Beide Schauspielerinnen sollen gegenüber der "Zeit" eidesstattliche Versicherungen abgelegt haben.

Eine dritte Schauspielerin will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie ist heute 74 Jahre alt und berichtet von einer Vergewaltigung in einem Auto. Wedel sei mit ihr in ein Waldstück gefahren und habe ihren Widerstand mit Gewalt gebrochen.

Vorfälle wurden dokumentiert

Laut "Zeit" gibt es viele Dokumente, die die Vorwürfe belegen; zudem lägen Zeugenaussagen vor, so die Zeitung. Die "Zeit" spricht von 18 konkreten Fällen, bei denen Wedel sexuell übergriffiges oder beleidigendes Verhalten nachgewiesen werden könne.

Brisant ist, dass die Dokumente, auf die die "Zeit" sich beruft, aus dem Archiv eines öffentlich-rechtlichen Senders stammen, dem Saarländischen Rundfunk (SR). Das bedeutet, dass der Vorfall um die versuchte Vergewaltigung der Schauspielerin Gemsch dem Sender und der Produktionsfirma schon damals bekannt war. Infolge versuchter sexueller Kontakte sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen, ist in dem fast 40 Jahre alten Bericht zu lesen. Der Fall wurde so genau festgehalten, weil es um viel Geld ging. 

Ute Christensen in schwarzer Lackjacke. (picture-alliance/dpa/U. Düren)

Ute Christensen 1998 - sie sei am Set von Wedel gedemütigt worden, sagt sie

Da Gemsch aufgrund ihrer Verletzungen ersetzt werden musste und auch ihre Nachfolgerin aufgrund von Wedels Demütigungen für einige Tage ausfiel, verzögerte sich die Produktion der TV-Serie "Bretter, die die Welt bedeuten". Das hatte zur Folge, dass die Produktionskosten stark anstiegen. Deshalb gab der SR einen Revisionsbericht zu den Dreharbeiten in Auftrag. Die Vorwürfe gegen den Regisseur sind dort Schwarz auf Weiß festgehalten. Wedel wird namentlich benannt. Trotzdem ging der Dreh weiter.

"Alle hatten Angst vor Wedel"

Niemand beim SR oder innerhalb der ARD schenkte den Frauen weiter Beachtung, unterstützte sie oder schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Wedel durfte unbescholten weiterdrehen. Zeugen, die in der "Zeit" zu Wort kommen, wie etwa die Kostümbildnerin Regina Bätz, sprechen von einem Klima der Angst am Set. Es sprach sich rum, was zwischen Wedel und Gemsch in der Nacht im Hotel passiert sein könnte. Wedel hingegen soll erfundene Geschichten über besagte Nacht erzählt und Gemsch vom Rest des Teams isoliert haben, bis sie zusammenbrach. "Ich war fassungslos, dass Wedel versucht hat, Esther zu vergewaltigen", wird Bätz in der "Zeit" zitiert. "Aber alle hatten Angst vor Wedel."

Dieter Wedel und Markus Fischer (picture-alliance/dpa/M. Beck)

Dieter Wedel (links) beim Dreh des TV-Mehrteilers "Der König von St. Pauli" (1997)

Wedel soll Gemsch gedroht haben

Zur Polizei ging Gemsch damals nicht. Aber sie nahm sich einen Anwalt, der ein Schreiben an die Produktionsfirma aufsetzte - mit dem konkreten Vorwurf der versuchten Vergewaltigung. Wedels Anwalt wies die Anschuldigung zurück. Die damals 24-jährige Gemsch war eingeschüchtert, denn Wedel selbst habe ihr gedroht, sie zu vernichten, erzählt sie der "Zeit". Sie traute sich nicht, weiter juristisch gegen den Star-Regisseur vorzugehen. Inzwischen ist die Tat verjährt.

Der aktuelle SR-Intendant Thomas Kleist versprach nun Transparenz und will den gesamten Vorgang aufklären. Er wolle "alles offenlegen, damit wir schonungslos die Dinge untersuchen können", sagte er dem Norddeutschen Rundfunk.

Wedels Reaktion: kein Kommentar

Wedel selbst will sich zu den neuen Vorwürfen nicht äußern. Sein Anwalt richtete aus, dass dies seinem Mandanten aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei. Wedel liegt laut Medienberichten seit einigen Tagen mit Herzbeschwerden im Krankenhaus. 

Die Staatsanwaltschaft München hat bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Wedel eingeleitet. Darin geht es um die Vergewaltigung einer ehemaligen Schauspielerin in einem Münchener Hotel im Sommer 1996.

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