Turnier in Berlin: Schöne neue Tennis-Welt? | Sport | DW | 15.07.2020
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Tennis

Turnier in Berlin: Schöne neue Tennis-Welt?

Der Tennis-Zirkus steht nach Skandal-Wochen unter Beobachtung. Bei einem Turnier in Berlin wird nun unter strengen Hygieneregeln gespielt. Gelingt das Experiment mit Zuschauern - und taugt es als Vorbild für die US Open?

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Berliner Tennisturnier unter Hygieneauflagen

Wer Tennis live erleben will, muss in diesen Tagen einiges über sich ergehen lassen. Am Einlass bitte Maske auf, die Stirn frei machen zum Fieber messen, dazu muss ein Fragebogen digital auf dem Handy ausgefüllt werden. Aber vor dem Stadionbesuch nochmal kurz unter die Dusche? Skeptische, misstrauische Blicke. Was im ersten Moment wie eine kleine Raumschiffkapsel mit grünen und roten Leuchten aussieht, entpuppt sich als Desinfektions-Dusche. Vier Sekunden lang werden in einem Tunnel Haut und Kleidung eingesprüht und dabei mutmaßlich 99 Prozent aller Viren abgetötet, auch das Coronavirus. Ein leicht feuchter Film bleibt auf der Haut, Duftnote Alkohol.

Erstes Sport-Event mit Zuschauern

Es ist Teil des Hygiene- und Sicherheitskonzepts für das Tennis-Turnier in Berlin, von den Gesundheitsbehörden abgesegnet und "59 Seiten dick", wie Turnierdirektorin Barbara Rittner gerne betont. Die mit den Hygiene-Maßnahmen beauftragte Firma arbeitete bereits mit Fußball-Klubs zusammen im Rahmen der Wiederaufnahme der Bundesliga. "Wir wollen der Tennis-Familie beweisen, dass wir das stemmen können und verantwortungsvoll damit umgehen, wenn nun auch Zuschauer mit dabei sind", sagt Rittner im Gespräch mit der DW. Vor wenigen Wochen gab es bereits einen ersten Versuch bei einem kleineren Wettkampf in Neuss, aber das Tennis-Turnier in Berlin ist das erste größere Sport-Event in Deutschland, bei dem Zuschauer erlaubt sind.

Tennis Turnier Bett1Aces in Berlin (Getty Images/AFP/M. Hundt)

Der Hygiene-Tunnel bei der Einlasskontrolle

5000 Zuschauer fasst das Steffi-Graf-Stadion im Berliner Stadtteil Grunewald, aber nur maximal 800 dürfen rein. Personen aus einem Haushalt können zu zweit nebeneinander sitzen, sonst gelten Abstandsregeln auch auf der Tribüne. Doch nicht nur deshalb bestimmen leere rote Sitzschalen das Bild an den ersten drei Turnier-Tagen. Es kommen weitaus weniger als 800 Fans. Allgemeine Skepsis oder sind es die happigen Ticket-Preise von 120 bis 380 Euro?

Spieler in ihrer eigenen Hygiene-Blase

Es ist ein Experiment, das zumindest bei den Sportlern gut ankommt. Für die Turnierwoche leben sie in ihrer eigenen Hygiene-Blase. Im Vorfeld des Turniers wurden die Spieler auf Corona getestet, jetzt residieren sie im selben Hotel, sechs Damen und sechs Herren, darunter durchaus klangvolle Namen wie der Weltranglisten-Dritte Dominic Thiem aus Österreich und die zweimalige Wimbledon-Gewinnerin Petra Kvitova aus Tschechien. Die deutschen Teilnehmer Julia Görges und Andrea Petkovic sowie Jan-Lennard Struff sind bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Ein Shuttle-Service bringt sie auf die Anlage und wieder zurück, Kontakt zu Fans ist strengstens untersagt. "Wir fühlen uns sehr sicher. Die Hygiene-Bedingungen sind schon perfekt hier", sagt Dominic Thiem.

Tennis Turnier Bett1Aces in Berlin Dominic Thiem (Getty Images/M. Hitij)

Dominic Thiem ist Weltranglisten-Dritter bei den Herren

Es sind positive Schlagzeilen, die der Tennis-Zirkus gut gebrauchen kann, nach den vergangenen chaotischen Wochen. Haben doch gerade die Spitzenspieler um Thiem und Branchenprimus Novak Djokovic jegliche Vernunft vermissen lassen. Wilde Partynächte auf der von Djokovic initiierten Adria-Tour haben das Image des Tennissports ramponiert. Mehrere Spieler infizierten sich dabei mit dem Coronavirus, unter anderem der Weltranglistenerste Djokovic selbst. Ein Fiasko.

Thiem reumütig nach der Adria-Tour

"Wir haben uns von der Euphorie tragen lassen und den Bezug zur Realität verloren", gibt Thiem nun in Berlin zu. "Wenn wir aus unseren Fehlern lernen, hat es etwas Gutes. Wir müssen vorsichtiger sein." Doch auch nach der abgebrochenen Adria-Tour, die auf Hygieneschutzmaßnahmen weitgehend verzichtete und so zum Corona-Hotspot wurde, ging das Gezanke weiter. Twitter-Streitereien, in die selbst Boris Becker verwickelt war, weitere Partyvideos und missachtete Quarantäne - und mittendrin Deutschlands Spitzenspieler Alexander Zverev. Auch der sollte eigentlich in Berlin antreten, und die Veranstalter hatten gehofft, er würde sich "der Kritik stellen". Aber Zverev sagte kurzfristig ab und gab als Grund an, er wolle sich auf die Arbeit mit seinem neuen Trainer David Ferrer konzentrieren.

Auch ohne Zverev versuchen die Veranstalter in Berlin das Image des Tennissports wieder etwas aufzupolieren. "Wir stehen am Anfang dieser neuen Tennis-Welt und wir wollen ein Vorbild sein", sagt etwa Bundestrainerin Rittner. Vertreter der ATP- und WTA-Tour haben sich schon angekündigt und nehmen das Hygiene-Konzept unter die Lupe. Auch Wimbledon sei interessiert, heißt es. Wegen der Pandemie ist die Tennis-Tour derzeit unterbrochen, sie soll im August wieder aufgenommen werden. 

Tennis Turnier Bett1Aces in Berlin Barbara Rittner (picture-alliance/nordphoto/Engler)

Turnier-Direktorin Rittner: "Wir wollen Vorbild sein."

Blaupause für die US Open?

"Alles schaut auf uns, auch die US Open können sich etwas abgucken. Vielleicht sind einige Maßnahmen, die wir hier ausprobieren, der Schlüssel für die Zukunft", meint Rittner. Viele Spieler allerdings sind noch unsicher, ob sie bei den US Open Ende August antreten wollen, angesichts der Vielzahl neuer Corona-Fälle in den USA. Roger Federers Verzicht etwa steht bereits fest und zuletzt hatten auch Rafael Nadal und Djokovic Zweifel geäußert. Ähnliches war von den Spielern in Berlin zu hören. "Das Ganze steht auf wackligen Beinen", sagte Thiem. Die US Open in New York hatten im Juni die Genehmigung zur Austragung erhalten. Doch fest steht, die Pandemie ist dort längst nicht annähernd so unter Kontrolle wie in Deutschland. Ein Turnier mit Zuschauern wie in Berlin ist undenkbar.

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