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Fußballgeschichte für Migranten

David Braneck Übersetzung dvo
7. Oktober 2020

Der Aufstieg in die 3. Liga machte Türkgücü München zum erfolgreichsten von Migranten gegründeten Fußball-Klub Deutschlands. Der Erfolg des ehrgeizigen Teams wird von besonderen Herausforderungen begleitet.

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Fußball Türkgücü München
Bild: Wagner/Fotostand/picture-alliance

Drittliga-Neuling Türkgücü München schaut schon nach wenigen Saisonspielen auf eine ereignisreiche Zeit zurück. Nach drei Partien - unter anderem mit einem respektablen Unentschieden gegen den Meister der letzten Saison, FC Bayern ll und einem klaren Sieg gegen den früheren Bundesligisten Kaiserslautern - stehen die Münchner ungeschlagen auf Platz sechs der Tabelle. Das wäre für jeden Aufsteiger eine mehr als vernünftige Zwischenbilanz. Doch unabhängig davon, wie Türkgücü am Ende abschneiden wird, ist der Klub durch seine erste Profi-Saison schon jetzt der erfolgreichste Verein von Migranten gegründete der Fußball-Geschichte. 

Historisches erreicht 

Türkgücü - was übersetzt "türkische Kraft" bedeutet - wurde 1975 in München gegründet und ist einer von hunderten von Migranten gegründeten und geprägten Fußball-Klubs in Deutschland. Die türkischen und bayerischen Wurzeln spiegeln sich auch im Vereinswappen wider, das zur Hälfte aus der Flagge der Türkei, zur anderen Hälfte aus der Fahne Bayerns besteht. "Traditionen bewahren - Kulturen verbinden" lautet das Motto des Klubs. Die einzige von Migranten gegründete Mannschaft, die dem Profifußball in Deutschland vor Türkgücü zumindest schon nahe gekommen war, ist Türkiyemspor Berlin, das 1991 bei der Amateurmeisterschafts-Endrunde um den Aufstieg in die 2. Liga mitspielte aber scheiterte. Diese Zeiten sind lange vorbei. Als dritte Profiliga in Deutschland gibt es heute die eingleisige 3. Liga und Türkgücü, das mit drei Aufstiegen in Folge auf einer Welle des Erfolgs reitet, ist dabei.

3.Liga - 20/21 -  Tuerkguecue Muenchen vs. 1. FC Kaiserslautern
Türkgücü-Trainer Alexander SchmidtBild: Fotostand/picture-alliance

Doch auch die 3. Liga soll nur eine Durchgangsstation sein. "Unser Ziel ist es, nach Bayern die zweite Mannschaft in München zu sein und eines Tages in der Champions League zu spielen", sagt der langjährige Türkgücü-Fan Haki der DW. Und Türkgücü fasziniert auch abseits des Spielfeldes: Der Klub repräsentiert die große türkischstämmige Community in München und schafft für sie ein Gemeinschaftsgefühl. Tatsächlich sieht man bei Türkgücü alle knapp drei Millionen türkischstämmige Einwohner Deutschlands als potenzielle Fans und hofft in Zukunft auf bundesweite Unterstützung. 

"Wenn die Fans wieder Spiele besuchen können, werden wohl alle unsere Auswärtsspiele wie Heimspiele sein. Unabhängig davon, wo wir spielen, wollen wir mehr Fans haben, als die Heimmannschaften. Das ist ein Vorteil, den wir nutzen müssen und der bei diesem Projekt wirklich einzigartig ist", sagt Roman Plesche, Kaderentwickler bei Türkgücü. Volle Auswärtsblöcke, möglichst in der Bundesliga, dazu der Traum von der Champions League: Bei Türkgücü fehlt es nicht an Ehrgeiz. Das gilt auch für Spieler wie Ünal Tosun, Türkgücüs dienstältestem Spieler: "Ich komme aus München, habe aber türkische Wurzeln. Ich kann mich zu hundert Prozent mit dem Verein identifizieren, alles passt perfekt zusammen."

Internationales Team 

Bevor Tosun 2018 zur Mannschaft stieß, spielten fast nur türkische und deutsch-türkische Spieler bei Türkgücü. Das hat sich geändert, der Kader ist deutlich internationaler geworden. Tosun ist mittlerweile einer der wenigen Spieler, die türkisch sprechen und sich sofort mit dem Vereinsnamen identifizieren. "Es ist ein türkisch geprägter Klub, aber Erfolg ist das Wichtigste und steht an erster Stelle", sagt Plesche. Herkunft und Hintergrund spielen aber dennoch weiter eine Rolle: "Wenn ein Spieler namens Müller und ein türkischer oder deutsch-türkischer Spieler die gleiche Qualität mitbringen, würden wir wahrscheinlich den türkischen Spieler unter Vertrag nehmen." 

Fußball Türkgücü München
Heimstätte von Türkgücü in der 3. Liga: Das "Stadion an der Grünwalder Straße" in MünchenBild: Oryk haist/Imago Images

Für die Fans ist die Identität des Vereins jedoch wichtiger, als die der Spieler auf dem Feld. "Türkgücü ist so etwas wie eine türkische Auswahlmannschaft in Deutschland. Wir haben im Moment vielleicht nicht viele türkische Spieler, aber wenn man sich Vereine wie Fenerbace oder Galatasaray anschaut, dann haben sie auch nicht viele türkische Spieler", sagt Haki. Den Erfolgsweg des Klubs begleiteten auch Umbrüche im Team. Vor der laufenden Saison wurden 16 neue Spieler verpflichtet, ähnlich viele waren es im Jahr davor. Viele der neuen Gesichter haben auch Profierfahrung zu Türkgücü mitgebracht, die Gehaltsverpflichtungen des Klubs sind entsprechend gestiegen. 

Hier hält der Präsident die Zügel in der Hand: Hasan Kivran, in der Türkei geboren und in den 80er-Jahren selbst als Spieler für Türkgücü aktiv, leitet hauptberuflich eine Agentur für Investitionsmanagement. Seine Investitionen in den Klub sollen sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 2016 auf mehr als eine Million Euro belaufen. Obwohl es bislang keinen Verstoß gegen die 50+1-Regel gibt, werden Kivrans schier grenzenloser Einfluss und seine hohen Investitionen bei Türkgücü vielerorts kritisch beäugt. 

Ziel von rassistischen Angriffen

Der Verdacht, dass Vereinsrecht hier möglicherweise umgangen werden könnte, ist nicht das Einzige, mit dem sich Türkgücü konfrontiert sieht. Wie viele andere Vereine mit Migrationshintergrund ist auch der Klub aus München fremdenfeindlichen Aktionen und Gesinnungen ausgesetzt. "Allein der Name und die Tatsache, dass wir der erste von Einwanderern gegründete Verein sind, der im Profibereich spielt, polarisieren. Das hat definitiv für Aufmerksamkeit gesorgt", sagt Tosun. Da auch oder gerade weil der Fußball leider nicht immun gegen Rassismus und Beleidigungen ist, hat der durch die jüngsten Erfolge gestiegene Bekanntheitsgrad nicht nur positive Effekte. Der südkoreanische Mittelfeldspieler Park Yi-young wurde laut eigener Aussage beim jüngsten Auswärtsspiel von Türkgücü bei Waldhof Mannheim rassistisch beleidigt. Verein, Spieler und die Fans von Türkgücü werden oftmals abfällig als "die Türken" bezeichnet.

Fußball SV Waldhof Mannheim - Türkgücü München | Park Yi-young
War im Spiel bei Waldhof Mannheim rassistischen Beleidigungen ausgesetzt: Türkgücüs Park Yi-young (l.)Bild: Andreas Volz/Jan Huebner/Imago Images

Die rechtsradikale Organisation "Der III. Weg", die auch Kontakte in die rechte Hooligan-Szene pflegt, macht beispielsweise immer wieder Stimmung gegen Türkgücü. "Ich glaube nicht, dass das für den Durchschnittsdeutschen eine Rolle spielt, aber es gibt definitiv einige, denen es ernsthaft ein Ärgernis ist, dass wir so weit nach oben gekommen sind und es geschafft haben", vermutet Haki.

Für Türkgücü-Anhänger bietet der Klub ein Gefühl des Stolzes und der Repräsentation einer Gemeinschaft, die seit langem ein Teil der deutschen Gesellschaft ist. Auch wenn der Klub für einige aus rassistischen Gründen ein Feindbild darstellt, werden die meisten Fußballfans mit Interesse verfolgen, was der erste Migrantenverein des Landes bei den Profis leisten kann und wohin der Weg in Zukunft führt. Roman Plesche ist jedenfalls optimistisch: "Wir sind stolz darauf, in dieser Liga zu spielen. Ich denke, wir haben eine starke Mannschaft und die Konkurrenz wird bald wissen, was auf sie zukommt." Obwohl der Ehrgeiz der Verantwortlichen übertrieben erscheinen mag, die drei Aufstiege und der Erfolg geben dem Projekt Türkgücü aktuell Recht. Vielleicht folgt ja gar noch Aufstieg Nummer vier.