Tschechien: Krankenpflege als Wunschberuf | Europa | DW | 17.08.2021
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Corona-Pandemie

Tschechien: Krankenpflege als Wunschberuf

Während der Corona-Krise avancierten Pflegekräfte in der Tschechischen Republik zu Heldinnen und Helden. Daher wollen nun viel mehr junge Tschechinnen und Tschechen einen Pflegeberuf erlernen als vor der Pandemie.

Tschechien: Freiwillige Helferinnen und Helfer im Allgemeinen Universitätskrankenhaus Prag

Freiwillige Helferinnen und Helfer im Allgemeinen Universitätskrankenhaus der tschechischen Hauptstadt Prag

Ende 2020 und Anfang 2021 war die Corona-Pandemie in der Tschechischen Republik auf ihrem Höhepunkt: Die Zahl der Infektionen und Todesfälle pro Kopf war in dem Zehn-Millionen-Einwohnerland mit die höchste weltweit. Insgesamt erkrankten fast 1,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger in dem EU-Staat, knapp 30.000 Menschen starben bis heute an oder mit COVID-19.

Vor allem dank des enormen Engagements der ca. 40.000 Ärztinnen und Ärzte und ca. 80.000 Krankenpflegenden im Land brach das tschechische Gesundheitssystem selbst in den schlimmsten Monaten nicht zusammen. Dank ihres Einsatzes stieg die Zahl der Todesopfer nicht noch weiter und die Situation in den Kliniken erreichte keine katastrophalen Ausmaße.

Infografik Länder mit der höchsten COVID-19-Sterberate DE

In den Augen der großen Mehrheit der Tschechinnen und Tschechen wurden Mediziner und Krankenpflegende während der Pandemie buchstäblich zu Helden. Kein Wunder, dass das Foto einer Krankenschwester aus der COVID-19-Station des Prager Bulovka-Krankenhauses den Wettbewerb "Czech Press Photo 2020" gewann.

Zu Recht, denn im Kampf gegen Corona waren die Krankenhausmitarbeiter oft kurz vor dem Ende ihrer Kräfte. Obwohl in den Kliniken früh Hygienemaßnahmen eingeführt wurden und das Gesundheitspersonal zu den Ersten gehörte, die geimpft wurden, erkrankten nach Angaben der tschechischen Ärztekammer in Prag bis Ende Juni 2021 ca. 30.000 Pflegende, ca. 12.000 Ärztinnen und Ärzte und ca. 25.000 weitere Klinikmitarbeitende an COVID-19. 34 Mediziner und 54 Pflegekräfte starben mit oder an dem Corona-Virus, mit dem sie sich bei ihrer Arbeit infiziert hatten.

Ansehen gestiegen

Das hat Folgen: Vor der Pandemie war das Interesse an einer Krankenpflege-Ausbildung jahrelang so gering, dass tschechische Krankenhäuser Personal aus dem Ausland anwerben mussten. Die meisten Pflegenden kamen aus der Slowakei und der Ukraine. Seit vergangenem Jahr ist die Zahl der Teilnehmenden an den Aufnahmeprüfungen zur Krankenpflegeausbildung um 50 Prozent gestiegen.

Patiententransport in die Universitätsklinik Motol in Prag, Tschechien

Prag, 12.12.2020: Krankenpflegende bringen einen COVID-19-Patienten ins Krankenhaus

"Die Corona-Pandemie hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Ansehen der medizinischen Berufe gestiegen ist", sagte Karel Cvachovec, Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Technischen Universität Liberec, in einem Interview mit dem Webportal seznam.cz. "Die Öffentlichkeit hatte die Möglichkeit, fast live zu erleben, dass diese Berufe unverzichtbar sind und dass Absolventen dieser Fachrichtungen zu jeder Zeit eine Stelle finden können."

Pflege ist "vielversprechend und stabil"

Dies bestätigt auch Jana Hola, Dekanin der medizinischen Fakultät der Universität Pardubice: "Die Pandemie hat eine Nachfrage nach den Pflegeberufen geschaffen. COVID hat gezeigt, wie wichtig diese Branche ist." Professor Karel Sladek, Prodekan der Fakultät, sagt der DW, eines der Hauptmotive für das steigende Interesse am Pflegeberuf sei dessen durch die Pandemie stark gestiegenes soziales Prestige.

Karel Sládek

Professor Karel Sladek, Prodekan der Medizinischen Fakultät der Universität Pardubice

"Viele junge Menschen haben schwierige Arbeit an vorderster Front im Kampf gegen Corona gesehen und lassen sich davon nicht etwa abschrecken, sondern wählen im Gegenteil eine Karriere im Gesundheitswesen", so Sladek weiter. Das sei gut, denn Krankenpflege sei ein sinnvoller Beruf. Zudem sei die Branche "vielversprechend und stabil, da die Zahl der derzeitigen Absolventen für die Zukunft des tschechischen Gesundheitssystems bei weitem nicht ausreicht, sondern in den kommenden Jahren verdoppelt werden muss."

Es fehlen Ausbildungsplätze und Geld

Trotz des gestiegenen Interesses an der Krankenpflegeausbildung hat der tschechische Staat den entsprechenden Ausbildungsstätten bis jetzt nicht mehr Geld zur Verfügung gestellt. Sie können also nicht mehr Auszubildende aufnehmen als vor der Pandemie. "Wir brauchen eine Analyse dazu, wie viele Menschen Pflegeberufe lernen wollen und wie hoch die Kosten wären", so der tschechische Gesundheitsminister Adam Vojtech im tschechischen Rundfunk.

Nach einer von der Universität Pardubice in Auftrag gegebenen Analyse müsste die Zahl der Krankenpflege-Auszubildenden verdoppelt werden, um den Bedarf an Pflegenden in Tschechien in Zukunft zu decken. Demnach kostet die Ausbildung derzeit etwa 4000 Euro pro Jahr.

Tschechischen Republik | Gesundheitsminister Adam Vojtěch

Tschechiens Gesundheitsminister Adam Vojtech

Tausende Freiwillige

Nicht nur das Interesse an der Ausbildung zur Krankenpflegekraft ist während der Corona-Krise gestiegen, sondern auch das an ehrenamtlichen Tätigkeiten in Gesundheitseinrichtungen. Rund 3000 Tschechinnen und Tschechen haben an kostenlosen Grundkursen des Roten Kreuzes teilgenommen. Rund 1500 von ihnen wurden in der schlimmsten Zeit der Pandemie in Krankenhäusern eingesetzt, hunderte weitere halfen in Pflegeheimen und anderen Gesundheitseinrichtungen.

Viele von ihnen setzen ihre ehrenamtliche Tätigkeit auch jetzt, nach dem Abklingen der Pandemie, fort. "Das Interesse an der Freiwilligenarbeit hat definitiv zugenommen, auch jetzt bewerben sich noch neue Leute", sagt Ilona Kyrsova, Koordinatorin des Zentrums für Freiwilligenarbeit am Allgemeinen Universitätskrankenhaus in Prag, der DW.

Kyrsova ist selbst ein Beispiel für Menschen, die aus anderen Berufen ins Gesundheitswesen gewechselt sind. "Ich hatte einen gut bezahlten Job in einem multinationalen Unternehmen, aber während der Corona-Zeit habe ich beschlossen, lieber etwas zu tun, das ich für notwendiger und sinnvoller halte", sagt sie. "Diese Arbeit gibt meinem Leben einen Sinn."