Trotz COVID-19 - Mammographie ist so wichtig wie eh und je | Wissen & Umwelt | DW | 16.08.2020
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Krebsvorsorge

Trotz COVID-19 - Mammographie ist so wichtig wie eh und je

Aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 sind viele Frauen in den vergangenen Monaten nicht zur Mammographie gegangen. Dabei kann Vorsorge lebensrettend sein.

Viele Frauen haben in der ersten Phase der Corona-Pandemie auf Arztbesuche und ein  Mammographie-Screening verzichtet. Die Zahl der Patientinnen, die sich ihre Brust untersuchen ließen, ging mancherorts bis auf 30 Prozent zurück. Die Screening-Zentren waren kaum noch ausgelastet. "Praxen waren teilweise leer", sagt Vanessa Kääb-Sanyal. Sie ist die Leiterin der Kooperationsgemeinschaft Mammographie in Berlin.

Das war im Klinikalltag nicht viel anders. Auch dort änderte sich mit dem Coronavirus einiges. "Früherkennungsuntersuchungen, die medizinisch nicht dringend erforderlich sind, sind im März und April deutlich seltener geworden", erläutert Olaf Ortmann vom Universitätsklinikum Regensburg. Der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft hält es für äußerst wichtig, vor allem Patienten mit nicht abgeklärten Symptomen und verschobene Krebstherapien besonders zu berücksichtigen.

Deutschland | 10 Jahre Mammographie Screening Programm (picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa)

Röntgenaufnahme einer gesunden Brust

Bis auf weiteres geschlossen

Nur wenige Frauen erscheinen überhaupt beim Mammographie-Screening, es gibt viel Unsicherheit bei den Patientinnen, den Assistentinnen, die die Screenings durchführen und auch bei den Medizinern. Am 25. März beschloss der gemeinsame Bundesausschuss, dass bis Ende April keine Einladungen für das Mammographie-Screening mehr verschickt werden sollen. 

Sämtliche Screening-Einheiten wurden geschlossen und das nicht nur in Deutschland. In England etwa stoppte der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) ebenfalls die Arbeit dieser Untersuchungszentren. Mittlerweile sind sie wieder geöffnet. Jetzt gibt es Nachholbedarf. 

Mittlerweile hat sich die Routine in den Screening-Einheiten wieder eingependelt. Sie haben sich auf die neue und ungewohnte Situation eingestellt, genauso wie Arztpraxen und Krankenhäuser es getan haben. Es gibt mehr Platz in den Warteräumen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.

Frau bei Mammografie (Colourbox/Monkey Business Images)

Abstandhalten bei der Mammographie ist unmöglich (Aufnahme vor der Corona-Pandemie)

Noch nie dagewesen

Vor einigen Monaten sah das noch anders aus. "In der ersten Hochphase der Pandemie hatten nicht nur die Patientinnen Angst vor einer Infektion. Auch das Personal ging bei den Untersuchungen Risiken ein. "Es gibt bei den Mammographie-Screenings engen Kontakt zwischen der Frau, die das Screening durchführt und derjenigen, die untersucht wird. Das ist unvermeidbar. In der Anfangsphase gab es keinerlei Schutzausrüstung" sagt Kääb-Sanyal. "Es war gut, die Mammographie-Screenings kurzfristig zu unterbrechen bis sich alle auf die neue Situation einstellen und sich beide Seiten schützen konnten."

Brustkrebs - Brustamputation (Heike Günther)

Eine Brustamputation ist ein Albtraum für jede Frau

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die meisten Frauen, die ein Screening wegen der Komplettschließung der Einheiten verpasst haben, holen es jetzt nach. Je früher ein Tumor – auch ein Mammakarzinom – entdeckt wird, umso größer ist die Chance, dass die Behandlung erfolgreich verläuft. 

Sofern Ärzte nicht durch eine andere Untersuchung – etwa durch einen Tastbefund – einen Knoten in der Brust entdecken, liegt zwischen den Screenings ein Zeitraum von etwa 24 Monaten. Dann sollten die Frauen in der entsprechenden Altersgruppe erneut zur Mammographie gehen.

Eine Verschiebung des Mammographie-Screenings um ein bis zwei Monate sei in der Regel kein Problem und habe keine weitreichenden Folgen, sagt Kääb-Sanyal, aber es gebe eben auch Ausnahmen. "Wenn ein sehr aggressives Karzinom heranwächst, kann man im Einzelfall nicht ausschließen, dass die Verzögerung um ein bis zwei Monate tatsächlich auch Konsequenzen hat. Dann fehlt diese Zeit. Das Karzinom ist vielleicht schon fortgeschritten. Das verschlechtert die Heilungschancen und die Therapieoptionen."

Grundsätzlich aber müsse man sagen, dass die verlorene Zeit bei Frauen, die regelmäßig zum Mammographie-Screening gehen, keine großen Auswirkungen habe.

Symbolbild Krebstherapie (picture alliance/dpa/J. Kasper)

Alle zwei Jahre sollten Frauen zwischen 50 und 69 zur Mammographie gehen

Eine Frage der Abwägung

Stück für Stück tasten sich Forscher und Mediziner an COVID-19 heran. Etliche Erkenntnisse mussten sie wieder und wieder revidieren. "Wir haben in der Anfangsphase gedacht, dass bestimmte Krebstherapien nur sehr zurückhaltend durchgeführt werden sollten, wie zum Beispiel Chemotherapien. Das wird mittlerweile anders gesehen", erläutert Olaf Ortmann. "Unter den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen sollten sie genauso durchgeführt werden wie sonst auch."

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Krebspatienten einen schwereren Verlauf haben, wenn sie sich mit COVID-19 infizieren. Das gilt vor allem für die Krebsformen, die mit einer Suppression, also einer Unterdrückung des Immunsystems, einhergehen. "Dazu gehören beispielsweise Hämatologische Erkrankungen, Blutkrebserkrankungen oder Lymphdrüsenkrebs. In diesen Fällen ist die Störung des Hormonsystems ausgeprägter als wenn sie einen frühen Brustkrebs haben. Der hat kaum einen relevanten Einfluss auf das Immunsystem", sagt Ortmann.

In den meisten Fällen muss zunächst die COVID-19-Erkrankung behandelt werden. Ob Therapien aufgeschoben, unterbrochen oder ganz ausgesetzt werden, ist dann von jedem Einzelfall abhängig. Arzt und Patient müssen abwägen, ob die Infektion mit COVID-19 schlimmer ist oder die Krebserkrankung, und das ist oft eine schwierige Entscheidung. 

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