Trauer und Trost nach Sawtschenko-Urteil | Europa | DW | 22.03.2016
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Europa

Trauer und Trost nach Sawtschenko-Urteil

In einem international kritisierten Prozess verurteilte ein Gericht in Russland die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko zu 22 Jahren Haft. Trotz des Urteils wächst nun in Kiew die Hoffnung auf ihre Freilassung.

"Schade", sagte ein sichtlich trauriger Petro Poroschenko in einer knapp dreiminütigen Videobotschaft am Dienstagnachmittag. "Ein Schandgericht" sei es gewesen. Der ukrainische Präsident reagierte so auf das Urteil, das ein Gericht in der südrussischen Kleinstadt Donezk gegen die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko zwei Tage lang verlesen hatte. Die 34-jährige Ukrainerin wurde zu 22 Jahren Haft wegen Mordes an zwei russischen Journalisten während des Krieges in der Ostukraine verurteilt. Sawtschenko soll im Juni 2014 aus einem Versteck das Feuer ukrainischer Streitkräfte koordiniert haben, bei dem die Russen starben. Sie selbst bestreitet diese Vorwürfe. Auch im Westen wird der Prozess als unfair kritisiert und Sawtschenkos sofortige Freilassung gefordert.

Poroschenko sprach über "Absurdität und Brutalität", die von einer Rückkehr der russischen Justiz zu Stalin-Zeiten zeuge. Russland als "Aggressor-Staat" habe eine ukrainische Offizierin verurteilt, die ihr Land verteidigt hatte. Die Ukraine werde weder das Gericht, noch das Urteil anerkennen, so der Präsident.

Unterstützung von Parteikollegen

Vadim Iwtschenko war im Gerichtsgebäude dabei, als das Urteil gegen Sawtschenko gesprochen wurde. Der Parlamentsabgeordnete der Vaterlandspartei der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Tymoschenko reiste zusammen mit Kollegen extra nach Russland. Sawtschenko ist seine Parteikollegin, denn sie wurde im Herbst 2014 in Abwesenheit für die Vaterlandspartei in das Parlament gewählt. "Schade, dass dieses Schandgericht bis zum Ende durchgeführt wurde", sagte Iwtschenko der DW. Das harte Urteil sei für ihn keine Überraschung. "Es ist das Ende", sagt der ukrainische Politiker. "Russland wird nie mehr Menschenrechte und das Völkerrecht respektieren". Das Gericht habe Argumente der Verteidigung abgelehnt und stattdessen die Sicht der prorussischen Separatisten anerkannt, empört sich Iwtschenko.

Karikatur von Sergej Elkin zum Urteil gegen die Pilotin Nadija Sawtschenko (Foto: Sergej Elkin)

Karikatur von Sergej Elkin zum Urteil gegen die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko

Er habe während der Urteilsverkündung kurz mit Sawtschenko sprechen können, sagt der Parlamentsabgeordnete. "Du hast keine Ahnung, wie müde ich bin", soll sie ihm gesagt haben. "Sie war müde geworden, ständig ihre Unschuld zu beweisen", erklärt Iwtschenko. Nun hoffen er und seine Kollegen, dass eine neue Etappe in diesem international kritisierten Prozess beginnt.

Ukraine will Sawtschenko austauschen

Sawtschenkos Vorname Nadija bedeutet "Hoffnung" und diese Hoffnung dürfte nach der Urteilsverkündung größer sein. "Das Wichtigste ist, dass diese Gerichtsfarce zu Ende ist", sagte der DW der Kiewer Politik-Experte Wolodymyr Fessenko. "Für die ukrainische Seite ist es sehr wichtig, direkt danach konkrete Schritte für die Freilassung von Sawtschenko zu unternehmen". Die Chance sei da, obwohl man im Umgang mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin "nie sicher" sein könne.

Kiew hofft auf Sawtschenkos Freilassung oder Umtausch im Rahmen der Minsker Friedensvereinbarungen vom Februar 2015. Putin habe versprochen, Sawtschenko nach der Urteilverkündung der Ukraine zu übergeben, sagte Poroschenko. "Die Zeit ist gekommen, dieses Versprechen einzulösen", so der ukrainische Staatschef. Poroschenko sagte auch, wie das passieren könnte. Er sei bereit, Moskau zwei russische Militärs zu übergeben, die 2015 in der Ostukraine festgenommen wurden und für die Separatisten gekämpft haben sollen. Beide stehen in Kiew vor Gericht.

Spekulationen über politische Zukunft

In der Ukraine wird inzwischen über eine mögliche Rolle Sawtschenkos in der Politik spekuliert. Ihre Vaterlandspartei legte in den jüngsten Umfragen deutlich zu und könnte im Falle vorgezogener Parlamentswahlen zweitstärkste Kraft werden.

Doch Experten wie Fessenko warnen vor zu hohen Erwartungen. Ihre Sternstunde sei der Prozess gewesen, bei dem sie mit ihrem Mut viele begeistert hatte, so der Politologe. "Sawtschenko ist zu einem moralischem Symbol geworden, Menschen respektieren sie", sagt der Politologe. Doch ihr Name werde bereits jetzt für politische Zwecke missbraucht. Sollte Sawtschenko tatsächlich bald in die Ukraine zurückkehren, müsse sie als Erstes lernen, "im Sumpf der ukrainischen Politik nicht verloren zu gehen", sagt Fessenko.

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