Trübe Seen - trügerische Idylle? | Wissen & Umwelt | DW | 27.07.2015
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Wissen & Umwelt

Trübe Seen - trügerische Idylle?

Gigantische Kunstseen, riesige Felder. Mit ihren Rekultivierungsmaßnahmen schaffen die Landschaftsplaner des Energieversorgers RWE ganz neue Gefilde. Doch wie beständig sind die Braunkohlefolgelandschaften?

Markus surft regelmäßig auf dem Blausteinsee - sofern die Wellen mitspielen, sagt er. Ansonsten - bei Flaute - geht er mit seinen drei Kumpel schwimmen, und sie spielen "Schiff versenken." Unter lautem Gelächter lassen sie ihr Boot zu Wasser, ehe sie es zum Kentern bringen und rausziehen. "Das Chillen hier macht Riesenspaß", grinst der Teenager. Markus war noch nicht geboren, als an dieser Stelle ein Loch in der Erde klaffte und Braunkohle gefördert wurde.

Einige Meter weiter steigen zwei Gestalten in Taucheranzügen aus dem Wasser hoch: "Zum Üben ist der See super, aber das Wasser ist sehr trüb. Es heißt, das Wasser wird ungeklärt aus dem Tagebau eingeleitet. Wir haben viel Schlick. Deswegen gibt es kaum Unterwasserpflanzen."

Josef Roessler betrachtet das Treiben vom Ufer aus. Er ist der Chef des Verbandes der Wassersporttreibenden Vereine Blausteinsee 1997 e.V. und passionierter Regattensegler. "Aachen ist schön, hat aber keine Gewässer." Aber an diesem Ort überkommt ihn auch Wehmut: "Ich war als Kind regelmäßig bei Bauern. Immer wenn ich mitten auf dem See bin, muss ich an den Hof denken, der genau an der Stelle stand."

Volker vom Lehn und Josef Rössler (Foto: Karin Jäger).

Gemeinsam wachsam sein - Segelfreunde Roessler und vom Lehn (vorn)

Irgendwann kamen die Bagger, die die Braunkohle freilegten - und eine Mondlandschaftswüste hinterließen. Später entstand der See. Nach Feierabend fährt Roessler deshalb gern mal die paar Kilometer von der Kaiserstadt über die Autobahn raus - zur Entspannung und um Freunde wie Volker vom Lehn zu treffen, den Geschäftsführer des Segelclubs. "Unsere Mitglieder rekrutieren sich aus dem Umkreis von gut 50 Kilometern."

Der See gehört zur Kohlelandschaft

Auf der anderen Seeseite, abseits der Idylle, stoßen die Kühltürme des Braunkohlemeilers Weisweiler Dampf in die Luft. "Die Schornsteine waren schon vor meiner Geburt da", lacht Roessler. "Sie vermitteln ein gewisses Heimatgefühl, auch wenn sie nicht schön sind", wirft vom Lehn ein. "Die Kohleförderung bringt Arbeitsplätze. Durch sie müssen wir keinen Strom importieren. Und ohne sie gäbe es den See nicht", resümiert Josef Roessler. Und auch keine Surfer, Taucher, Wasserpolospieler, Kanuten, Badegäste, Triathleten, Reiter, Radler, Angler, Skater, keine Wanderer, Konzertbesucher vor der Seebühne und auch kein frequentiertes italienisches Uferrestaurant.

Der "Freizeit- und Erholungsschwerpunkt" Blausteinsee, der ganzjährig genutzt wird, entstand im Rahmen der Rekultivierung des Braunkohletagebaus. "Es gab von Beginn der Planungen an Streit", erinnert sich Joesf Roessler. "Die Bauern wollten mehr Land. Wir wollten einen größeren See." Ursprünglich waren 400 Hektar geplant. Das jetzt 100 Hektar große und 46 Meter tiefe Tagebaurestloch wird seit 1994 mit Wasser gefüllt. Im Jahr 2000 wurde der See eingeweiht. Erst später wurden angepflanzte Bäume an zwei Stellen wieder gerodet. Da kein Gewässer einläuft, fehlt dem künstlichen See die Sauerstoffdurchmischung. "Die Schneisen dienen der Belüftung und der Wind verstärkt die Wellen", freut sich Segler vom Lehn.

Ein Braunkohlebagger trägt im Tagebau Inden bei Jülich vor der Kulisse des Braunkohlekraftwerkes Weisweiler Erdreich ab (Foto: picture alliance).

Schaffen ganz neue Landschaften - Schaufelradbagger bei Weisweiler

Gegenwind erhielten die Wassersportler auch von Naturschützern: "20 Prozent der Fläche ist für Menschen gesperrt, und der Natur vorbehalten. Sie wollten den Bereich bis zur Seemitte ausdehnen, aber da haben wir uns durchgesetzt“", fügt vom Lehn hinzu. Widerstand gibt es auch gegen den Bau des "Indeschen Ozeans" - weiter östlich, der ab 2030 30 Jahre mit Wasser gefüllt und eine Fläche von 1160 Hektar - oder 11,6 Quadratkilometern - haben soll. Die Stadt Düren hatte gegen den See Klage eingereicht. Sie befürchtete Hangrutsche und von anderen Städten abgeschnitten zu werden.

Trügerische Idylle

"Auch am Blausteinsee wurde von hydrologischer Seite vieles falsch geplant", erklärt Josef Roessler: "Der Schlangengraben im Naturschutzgebiet sollte geflutet werden, was fehlschlug. Und der See sollte längst vom Grundwasser gespeist werden, doch er muss immer noch mit Wasser gefüllt werden." Es wird dem Boden beim Tagebau Inden entzogen und in den See geleitet. Stoppte RWE den Prozess, würde der See allmählich austrocknen.

Dorothea Schubert BUND (Foto: Karin Jäger).

Zeigt Probleme auf: BUND-Braunkohlenexpertin Dorothea Schubert

"Der See liegt so hoch, dass er aus keinem Bach oder Fluss gespeist werden kann", fügt Volker vom Lehn hinzu. "Uns wurde gesagt, dass allein die Kosten für die Wasserpumpe im Jahr 100.000 Euro betragen, nur um den Pegel auf den aktuellen Stand zu halten." Die Stadt Eschweiler hat sich mit dem Stromversorger RWE als Betreiber des Tagesbaus geeinigt. Bis 2030 wird RWE die Kosten tragen. "Aber was wird danach?", fragen sich Roessler und vom Lehn. "Denn danach ist der Tagebau abgeschlossen und es fällt kein Wasser mehr an", so vom Lehn. "Wir müssen immer wachsam sein, damit wir nicht mit weiteren Veränderungen konfrontiert werden, die uns bei der Nutzung beeinträchtigen", ergänzt Roessler: "Deshalb haben wir vorausschauend den Verband der Wassersporttreibenden Vereine gegründet, um bei Problemen mit einer Stimme sprechen zu können."

Die Argumente der Tagebau-Gegner

Dorothea Schubert sieht reichlich Probleme. Seit 30 Jahren gehört sie der Widerstandsbewegung im Rheinischen Revier an. Ihre Erfahrungen hat sie mit Dirk Jansen vom BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in dem Buch "Zukunft statt Braunkohle" zusammengefasst. Staub- und Lärmemissionen, Umsiedlungen, Risse an Gebäuden, rutschungsgefährdete Böschungen und weitere Folgen gehen mit dem Bergbau einher. Das Abpumpen des Grundwassers bis unter die Tagebausohle zur Braunkohleförderung bezeichnet Dorothea Schubert als Raubbau. Mit der Sümpfung seien irreversible Schäden verbunden, weil die Folgen der Entwässerung sich nicht auf den Tagebau beschränkten, sondern auch grundwasserabhängige Feuchtgebiete gefährdeten und die Trinkwassergewinnung beeinträchtigt werde.

Dorothea Schubert BUND (Foto: Karin Jäger).

Alles neu: Dorothea Schubert vor riesigen Feldern und von Menschen geschaffener Hügellandschaft

"Die natürlichen geologischen Schichten werden durch die Bagger unwiederbringlich zerstört. Schadstoffe wie Nitrate und Pestizide können sich ohne die schützenden Trennschichten ungehindert bis in große Tiefen verbreiten und die Grundwasserqualität mindern", sagt Schubert. Und auch das zugeführte Wasser aus dem Blausteinsee versickert wieder, weil die geologischen Trennschichten vernichtet wurden. "Es gibt auch immer Probleme mit den Innenkippen, dem Material, das nach der Kohleförderung im Tagebau verkippt wurde. Da sind immer noch Reste von Kohle drin, die schwerlösliches Eisensulfid enthält." Durch Reaktion mit dem Sauerstoff der Luft entstehen in Wasser gut lösliche Schwefelverbindungen (Eisensulfat), die sich toxisch auf lebende Organismen auswirken und zur Versauerung in den Tiefen der Restloch-Seen führen. "Die künstlichen Seen sind alle erst einmal leblose Gewässer. Man muss Wasserpflanzen einsetzen und Fische aussetzen, damit Leben entsteht. Außerdem wissen wir nicht, wie sich die Wasserverhältnisse im Zuge des Klimawandels entwickeln", warnt die Diplom-Ökologin Schubert.

Auch sollen weitere gigantische Restseen entstehen, ohne dass die technische Machbarkeit geprüft wurde. Es gibt auch keine kleinen Felder mehr, wenn Flächen nach Beendigung des Tagebaus neu angelegt werden. "Die Länge der Fläche wird an dem Druck bemessen, die beladene Erntefahrzeuge auf den Boden ausüben", hat die BUND-Braunkohlen-Expertin erfahren. Das größte Problem bei der Rekultivierung sei die Verdichtung des Bodens.

Durch schwere Maschinen werden die Erdschichten zusammengepresst und wasserundurchlässig. Dadurch bilden sich Kuhlen, in denen sich bei Regen Wasser staut. Deshalb bewirtschaftet RWE die ersten sieben Jahre die Flächen, ehe der Stromkonzern diese an Landwirte zur Bewirtschaftung abgibt. Weitere 18 Jahre übernimmt RWE Maßnahmen zur Durchlüftung der Böden, erklärt Schubert.

Die Kritik an der Braunkohlenpolitik wächst. Was die Zukunft des Rheinischen Reviers betrifft, bleiben Fragen offen: "Holen die wirklich die ganze genehmigte Kohle aus dem Boden? Wird die Planung eingehalten? Und hält RWE seine Zusagen ein, die Rekultivierung ordnungsgemäß zuende zu führen, auch wenn der Konzern kein Geld mehr mit der Braunkohle verdient?" Dorothea Schubert hat keine Antworten auf diese Fragen. Einen Fonds für Spätschäden, wie ihn der BUND fordert, gibt es nicht.

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