Ton Koopman: ″Bach ist der größte Komponist, den es je gegeben hat″ | Musik | DW | 15.06.2019
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Interview

Ton Koopman: "Bach ist der größte Komponist, den es je gegeben hat"

Als Dirigent und Musiker hat sich Ton Koopman einen Namen gemacht. Auch als Präsident der Stiftung Bach-Archiv, die das Bachfest in Leipzig ausrichtet, will er Spuren hinterlassen. Mit der DW sprach er über seine Pläne.

Erst seit kurzem ist Ton Koopman neuer Präsident der Stiftung Bach-Archiv, die jedes Jahr das international renommierte Bachfest in Leipzig veranstaltet. Der Niederländer folgt dem britischen Dirigenten Sir John Eliot Gardiner, der 2018 sein Amt niederlegte. Wie Gardiner ist der 74-jährige Koopman ein Experte der historischen Aufführungspraxis für Alte Musik. Der Musikwissenschaftler, Organist, Cembalist und Dirigent hat zahlreiche Bach-Werke auf CD eingespielt und bekam 2006 die Bach-Medaille verliehen.

Deutsche Welle: Herr Koopman, haben Sie damit gerechnet, zum Präsidenten der Stiftung Bach-Archiv Leipzig gewählt zu werden?

Ton Koopman: Ich war sehr positiv überrascht, als ich gefragt wurde. Das ist eine große Ehre und ich werde mein Bestes tun. Ich kenne die Institution ja schon seit den 1970er Jahren. Die Leute, die dort arbeiten, sind sehr nett und bilden ein sehr harmonisches Team.

Man sagt, dass Sie - wenn es um Musik geht - sehr begeisterungsfähig sind, immer voller Ideen stecken und gerne musikalische Projekte planen. Haben Sie da schon erste Ideen?

Eine Sache, über die wir bereits gesprochen haben, ist eine Ausstellung. Wir planen Bilder und Stiche sowie Bücher, Manuskripte und Partituren aus meiner Sammlung zu zeigen, zusammen mit Dingen aus dem Bach-Archiv. Der Direktor Peter Wollny kennt meine große Sammlung. Ich besitze über 10.000 Bücher über Musik aus der Zeit vor 1800.

Außerdem habe ich rund 7000 Bilder, Stiche und viele Portraits von Komponisten. Darunter befinden sich auch einige sehr seltene, wie etwa ein Portrait, ein Kupferstich, der den deutschen Barockkomponisten Heinrich Scheidemann zeigt. Zwei davon existieren noch und ich bin die zweite Person in der Welt, die dieses Portrait besitzt. Hinzu kommen Stiche von alten Instrumenten und Ensembles. Das ergibt eine schöne Ausstellung mit einem seltenen Einblick in meine private Kollektion, mit Bildern, die zwischen 1400 und 1800 gemacht wurden. Die sammle ich schon seit ich 13 Jahre alt war, also eine sehr lange Zeit.

Das ist ungewöhnlich, dass man sich als 13-Jähriger schon für alte Stiche und Bücher interessiert. Wie kam das?

Ich war Organist in einer Kirche und bekam ein bisschen Geld dafür. Wenn ich ein altes Buch sah, das mich ansprach oder einen alten Stich, dann musste ich die kaufen. All die Sachen, die ich vor langer Zeit für wenig Geld gekauft habe, habe ich noch, und je älter sie werden, desto wertvoller werden sie. Meine Auswahl wird auch immer exzellenter. Viele Sammler fragen, wenn ich etwas doppelt habe, ob wir tauschen können. Händler rufen an und bieten mir Sachen für meine Sammlung an. Auf diese Weise wächst die Sammlung Jahr um Jahr noch immer weiter.

Was ist ihr bestes Stück?

England Johann Sebastian Bach seltenes Manuskript zur Versteigerung (picture-alliance/dpa/D. Reinhardt)

Autographe von Johann Sebastian Bach besitzt Ton Koopman nicht. Dieses wurde für 2,96 Millionen Euro versteigert.

Ich habe zum Beispiel die Regularien der Thomasschule in Leipzig aus Bachs Zeiten von 1723 in der deutschen Version und auch in der lateinischen Version. Ich bin stolz, dass ich das auf einer deutschen Auktion ersteigert habe. Ich besitze auch das komplette Werk des Dichters Picander, alle fünf Bücher, nicht nur vier. Darin befindet sich unter anderem das Libretto, das Bach schon bei der ersten Aufführung seiner Matthäus Passion neben den Bibelversen vertont hat, darauf bin ich sehr stolz. Ich habe allerdings keine originalen Bach Autographe wie im Bach-Archiv. Da bräuchte ich einen anderen Job, als einfach nur Musiker zu sein.

Sie haben nicht nur eine lange Beziehung zu alten Musik-Büchern und Bildern, sondern auch zu Johann Sebastian Bach selbst.

Mit sechs Jahren habe ich in einem Jungenchor gesungen, Weihnachten und Ostern haben wir Bachchoräle aufgeführt. Das war der erste Kontakt mit Bach. Dann war ich Organist, ein Amateur, der mit Händen und Füßen Bach auf der Orgel gespielt hat. So gut, dass ich Kirchenorganist wurde, als ich zehn Jahre alt war. Ich spielte Bach, Buxtehude und Frescobaldi. Bach ist für mich der größte Komponist, den es je gegeben hat.

Sie haben später auch alle Bachkantaten auf CD eingespielt.

Ja, alle seine Kantaten und Orgelwerke. Ich habe auch alle Werke von Buxtehude aufgenommen. Ich habe so einiges in meinem Leben gemacht und es wird noch einiges folgen.

Sie führen ja auch noch ihr eigenes Label…

Ja, es heißt "Antoine Marchand". Das heißt aus dem Französischen übersetzt "Ton Koopman", auf deutsch "Anton Kaufmann", also mein Name. Das ist auch der Grund, weshalb ich beim Bachfest am Sonntag Abend Louis Marchand spiele, wenn wir zusammen mit meinem früheren Schüler Andreas Staier auf dem Cembalo den berühmten Wettbewerb zwischen dem Komponisten Louis Marchand und Johann Sebastian Bach darstellen. Ich spiele natürlich Marchand. Staier wird Bach mit Stücken spielen, die wir zusammen ausgesucht haben. Im nächsten Jahr werde ich dann beim Bachfest auch als Dirigent dabei sein.

Als Präsident der Stiftung Bach-Archiv sollen sie die Organisation auch nach außen und im Ausland repräsentieren. Sind die nächsten Reisen schon geplant?

Wenn ich im Ausland bin, werde ich auch in meiner Funktion als Präsident dieser Institution in Erscheinung treten. Etwa um Sponsoren zu gewinnen und über das Bach-Archiv zu sprechen. Zunächst bin ich noch beim Schleswig Holstein Musikfestival. Im Oktober geht es dann nach Japan und im November fliege ich nach Amerika und Kanada und gebe dort Konzerte. Ich kombiniere das dann mit meinen Aufgaben für das Bach-Archiv. Ich reise noch viel durch die Welt und werde mit Stolz zeigen, dass ich Präsident dieses Instituts bin.

Sie dirigieren, haben ihre eigenen Ensembles, ihr eigenes Label, spielen Orgel und Cembalo und publizieren als Musikwissenschaftler. Und jetzt sind Sie noch Präsident der Stiftung Bach-Archiv. Das hört sich nach einem sehr vollen Terminkalender an.

Ich habe jeden Tag immer noch genug Zeit. Man muss einfach alles gut planen und darf nicht zu viel Zeit verlieren. Wenn man Zeit verlieren will, dann sollte man das im Urlaub tun.

Das Interview führte Gaby Reucher.

Das Bach-Archiv ist nicht nur Ausrichter des Leipziger Bachfestes, sondern auch musikalisches Kompetenzzentrum und Forschungsinstitut. Sein Zweck besteht darin, Leben, Werk und Wirkungsgeschichte des Komponisten Johann Sebastian Bach zu erforschen und sein Erbe zu bewahren.

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