Tokio 2020: Die Spiele werden weiblicher | Sport | DW | 22.07.2021
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Olympische Spiele

Tokio 2020: Die Spiele werden weiblicher

Die Olympischen Spiele in Tokio können schon jetzt mit einem Rekord aufwarten: Nie zuvor nahmen so viele Frauen teil. Das IOC hat sich die Gleichstellung auf die Fahne geschrieben.

48,3 Prozent der olympischen Startplätze in Tokio sind für Frauen reserviert. Der gestiegene Anteil der Sportlerinnen wird sich zum ersten Mal am Freitag bei der Eröffnungsfeier zeigen, beim Einzug der Nationen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ermunterte die Teams zudem ausdrücklich, die jeweilige Fahne von einem Mann und einer Frau gemeinsam ins Stadion tragen zu lassen. Für Deutschland übernehmen Beachvolley-Olympiasiegerin Laura Ludwig und Wassersprung-Rekordeuropameister Patrick Hausding diese ehrenvolle Aufgabe.

An den folgenden 16 Wettkampftagen werden in 156 Wettbewerben Medaillen an Frauen vergeben. Bei den Spielen in Rio vor fünf Jahren war das nur bei 136 Entscheidungen der Fall - eine Steigerung um knapp 15 Prozent. Die Zahl der Mixed-Wettbewerbe nimmt in Tokio um ein Drittel zu: von neun im Jahr 2016 auf jetzt zwölf.   

Signale in die Gesellschaften

"Die besondere Förderung von Frauen ist bereits seit 1996 Bestandteil der Olympischen Charta", sagt Petra Tzschoppe, Sportsoziologin an der Universität Leipzig, der DW. "IOC-Präsident Thomas Bach hat diesen Gedanken dann in der Agenda 2020 noch einmal verankert. Die Zahl der Wettbewerbe für Männer und Frauen sollte sich annähern."

Frauenringen (Bildergalerie)

Ringen - seit 2004 olympische Disziplin für Frauen

Das erste olympische Ereignis mit gleich vielen männlichen wie weiblichen Teilnehmern waren 2018 die Olympischen Jugendspiele in Buenos Aires. Jetzt ist es auch in Tokio fast ausgeglichen. "Das IOC sendet damit Signale in die Gesellschaften", findet die Sportwissenschaftlerin. In vielen Bereichen - Politik, Wirtschaft, Wissenschaft - ist weltweit der Anteil der Frauen in herausgehobenen Positionen weitaus geringer. 

Langer Weg zur Gleichstellung

Für ihre Gleichberechtigung in der olympischen Arena mussten die Frauen jahrzehntelang kämpfen. Bei den zweiten Olympischen Spielen 1900 in Paris nahmen zwar schon Frauen teil - in separaten Wettbewerben im Tennis und Golf sowie in gemischten Mannschaften beim Ballonfahren und Drachensteigen. Das geschah jedoch gegen den Willen des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin. Der beschrieb Olympia als eine "zeremonielle Feier männlichen Athletentums".

Da die Wettbewerbe jedoch Teil der Weltausstellung waren (wie auch 1904 in St. Louis), ließen die Organisatoren Frauen zu. 1912 in Stockholm starteten Frauen erstmals beim Schwimmen, 1928 in Amsterdam eroberten sie mit einigen Disziplinen der Leichtathletik auch die zweite olympische Kernsportart.

Sport | Amsterdam 1928: 100m Zieleinlauf der Frauen

Olympiapremiere der Leichtathletinnen 1928 in Amsterdam, hier der Zieleinlauf über 100 Meter

Lange mussten Frauen jedoch gegen Vorurteile ankämpfen. Manche Disziplinen würden ihre Leistungsfähigkeit überfordern oder seien aus ästhetischen Gründen nicht geeignet, erklärten die Männer. "Die Sportwissenschaft kam ihnen leider nicht zu Hilfe", sagt Petra Tzschoppe. "Hätten die Frauen nicht Druck aufgebaut und Forderungen gestellt, wären wir heute nicht so weit." So steht 1984 in Los Angeles endlich auch der Marathon-Lauf der Frauen im olympischen Programm. Nach und nach eroberten sie auch die Kampfsportarten: Judo 1992 in Barcelona, Ringen 2004 in Athen und Boxen 2012 in London. 

Frauenquote findet nicht überall Zustimmung  

In einigen Sportarten gibt es in Tokio schon die Parität zwischen Männern und Frauen: Gleich viele Medaillen werden beim Rudern, Schießen, Gewichtheben vergeben - und im Kanurennsport. Dort geben die Frauen ihr olympisches Debüt im Canadier (mit Stechpaddel im Boot kniend). Dafür musste der internationale Kanuverband (ICF) zwei Disziplinen bei den Männern streichen, um die Gesamtzahl der Kanuten nicht anwachsen zu lassen. 

Die Gleichstellungsvorgaben des IOC lösen bei den internationalen Verbänden jedoch nicht nur Jubel aus. In vielen Sportarten sind mehr Männer als Frauen aktiv. Eine Frauenquote von 50 Prozent bei Olympischen Spielen entspricht dort also nicht der Realität, zumal es solche Vorgaben für Weltmeisterschaften oder Weltcups in der Regel nicht gibt. Durch den Wegfall von Disziplinen wird erfolgreichen männlichen Athleten die Chance genommen, um Medaillen zu kämpfen.

Sportsoziologin Petra Tzschoppe hält entgegen: "Wenn Frauen bei Olympia in immer mehr Sportarten präsent sind, wird das ausstrahlen. Mehr Frauen und Mädchen werden diese Sportarten ausüben. Es dient also auch der Entwicklung des Frauensports."                       

Zu wenige Sportfunktionärinnen

Während die Zahl der Frauen in den Wettkämpfen steigt, bleibt die Funktionärsebene von Männern dominiert. Von den Sportverbänden, die Athletinnen und Athleten bei den olympischen Spielen in Tokio stellen, wird nur ein einziger von einer Frau geführt: Die Spanierin Marisol Casado steht an der Spitze des Triathlon-Weltverbands (World Triathlon).

Das IOC setzt auch hier einen anderen Trend. Vor 40 Jahren wurden mit der Venzolanerin Flor Isava Fonseca und der Finnin Pirjo Häggman die ersten beiden Frauen IOC-Mitglieder. Vor zwanzig Jahren gab es im IOC zehn Frauen. Heute sind von den 96 stimmberechtigten Mitgliedern der Vollversammlung 29 Frauen.

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