Tokio übernimmt Fukushima-Krisenmanagement | Asien | DW | 04.09.2013
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Asien

Tokio übernimmt Fukushima-Krisenmanagement

Nach der Serie von Pannen in Fukushima unter der Kontrolle des Betreibers Tepco nimmt die Regierung das Krisenmanagement nun selbst in die Hand. Doch die Initiative komme zu spät und reiche nicht aus, sagen Kritiker.

Japan's Prime Minister Shinzo Abe attends a news conference next to the national flag, which is hung with a black ribbon as a symbol of mourning for victims of the March 11, 2011 earthquake and tsunami, at his official residence in Tokyo March 11, 2013. Japan honoured the victims of its worst disaster since World War Two on Monday: the March 11, 2011 earthquake, tsunami and nuclear crisis that killed almost 19,000 people and stranded 315,000 evacuees, including refugees who fled radiation from the devastated Fukushima atomic plant. REUTERS/Yuya Shino (JAPAN - Tags: POLITICS DISASTER ANNIVERSARY)

Japan Fukushima Premierminister Abe

Die japanische Regierung will umgerechnet knapp 360 Millionen Euro investieren, um die Lecks der kontaminierten Wassertanks im Atomkraftwerk Fukushima zu schließen und das radioaktiv verseuchte Wasser zu reinigen. Die Welt frage sich, ob Japan das Fukushima-Problem in den Griff bekommen wird, so Abe am 3. September auf einer Sitzung des Krisenstabs zur Fukushima-Katastrophe in Tokio. Er erklärte, die bisherigen Maßnahmen des Betreibers Tepco seien nicht umfassend genug gewesen. "Anstelle der ad hoc- Maßnahmen, die ergriffen wurden, haben wir nun eine grundlegende politische Entscheidung getroffen, um das Problem des kontaminierten Wassers zu lösen."

Nach offiziellen Angaben laufen seit der Nuklearkatastrophe jeden Tag schätzungsweise 300 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifischen Ozean. Es diente zur Kühlung von vier Reaktoren, die im März 2011 bei dem verheerenden Erdbeben und Tsunami schwer beschädigt worden waren.Tepco hat zudem zugegeben, dass aus dem jüngsten Leck weitere 300 Tonnen hoch radioaktives Wasser ausgelaufen sind. Inzwischen ist die radioaktive Strahlung um die kontaminierten Wassertanks auf einen neuen Höchstwert gestiegen. Sie habe sich um mehr als 20 Prozent auf den neuen Höchstwert von 2200 Millisievert verstärkt, teilte die Atomaufsicht in Tokio mit. Diese Strahlung ist tödlich für Menschen, die ihr rund vier Stunden ungeschützt ausgesetzt sind.

Die schwer beschädigte Fukushima Dai-ichi Nuklearanlage aus der Luft betrachtet (Foto: AP)

Tokio kündigt eine Lösung für das Problem des radioaktiv verseuchten Wassers im Atomkraftwerk Fukushima an

"Gefrorene Wand"

Das Schlüsselelement des Regierungsplans ist eine "gefrorene Wand". Sie soll verhindern, dass sich das kontaminierte Wasser mit dem Grundwasser vermischt und dann ins Meer strömt. Dazu werden Metallrohre in dichtem Abstand in die Erde getrieben, durch die Kältemittel mit minus 40 Grad fließen. Geplant sind außerdem neue Aufbereitungssysteme, die dazu beitragen sollen, die tausende Tonnen radioaktiven Wassers, die sich seit März 2011 angesammelt haben, zu dekontaminieren.

Doch keine dieser neuen Maßnahmen ist je in solchen Dimensionen ausprobiert worden und manche Experten befürchten, dass sie nicht funktionieren könnten. "Ich weiß nicht, ob sie angemessen sind und vermute, dass dies nur ein erster Schritt der Regierung ist, die damit einen großen Teil der Sicherheitsverantwortung in Fukushima übernimmt", sagt Jun Okumura, Experte bei der "Eurasia Group", einem führenden, auf globale politische Risikoforschung und Beratung spezialisierten Unternehmen. "Tepco war nicht in der Lage, die Situation um die havarierten Atomanlagen in Fukushima in den Griff zu bekommen. Das Unternehmen konnte der japanischen Bevölkerung nicht glaubhaft versichern, dass man die Lage noch unter Kontrolle bekommen wird", sagte er.

Ausländische Hilfe

Angesichts dieser Entwicklung sagen Nuklearexperten, die Regierung hätte viel früher eingreifen sollen. "Die Katastrophe geschah vor 30 Monaten und die Tepco-Verantwortlichen versicherten damals der Regierung, dass sie die Folgen bewältigen könnten - vielleicht waren sie überoptimistisch oder sie haben das Ausmaß des Problems nicht überschaut", meint Tom Snitch, Nuklearexperte und Professor an der Universität Maryland, USA, gegenüber der Deutschen Welle. "Unglücklicherweise hat die Regierung ihnen geglaubt."

Die internationale Nukleargemeinschaft hat eine Reihe von Vorschlägen gemacht, die in Fukushima helfen könnten, berichtet Snitch, aber die Empfehlungen wurden bisher in den japanischen Nuklearanlagen nicht umgesetzt. "Manche dieser Lösungen sind sehr technisch. Und das Problem ist, dass die Regierung nicht auf politischer Ebene entscheiden kann, diese Techniken in die Praxis umzusetzen." Die Japaner seien außerdem überzeugt, dass zum Beispiel amerikanische Firmen nicht über die richtige Technologie verfügen, um Fukushima stillzulegen, da sie lediglich auf US-Anlagen gearbeitet hätten, die für die Herstellung von Waffen benutzt werden, berichtet der amerikanische Wissenschaftler. Doch er vermutet andere Motive: "Dies ist ein Vorwand Japans, um amerikanische und britische Firmen aus der Dekontamination herauszuahlen. Nuklearphysik ist überall gleich, egal für welches Ziel."

Zwei Reihen der Lagerbehälter, aus denen kontaminiertes Wasser ausläuft (Foto: EPA/JAPAN NUCLEAR REGULATION AUTHORITY)

Tepco gibt zu, dass hunderte Tonnen von verstrahltem Wasser aus den provisorischen Lagerbehältern ausgelaufen sind

"Die harte Wahrheit sagen"

Nuklearexperte Tom Snitch ist überzeugt, dass Tokio keine andere Wahl hat, als der japanischen Bevölkerung und der Welt einige harte Wahrheiten mitzuteilen. Die Regierung müsse den Fischern sagen, dass das radioaktiv verseuchte Wasser in den Ozean strömen wird. Sie müsse den Bewohnern einiger Städte, die innerhalb der 20 Kilometer Evakuierungszone um Fukushima liegen, erklären, dass sie niemals wieder nach Hause zurückkehren können. "Sie haben diesen Menschen 30 Monate lang die unrealistische Hoffnung gemacht, dass die Dinge wieder so werden könnten, wie am Tag vor der Katastrophe. Das ist einfach nicht die Wahrheit, und es wird nicht geschehen."

Darüber hinaus betont Snitch, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, wo die 1533 benutzten nuklearen Brennstäbe gelagert werden sollen, oder die wie man mit den Lagerhäusern voller kontaminierten Schutzanzüge, Handschuhe, Atemschutz- und anderen Geräten umgehen wolle. "Die Japaner hätten von Anfang an effektive Schritte unternehmen und sich mit dem verstrahlten Kühl- und Grundwasser beschäftigen sollen."

Dann hätten sie aus der Sicht des Experten zum Beispiel nicht die sogenannte AREVA-Technologie zur Druckentlastung von nuklearen Sicherheitsbehältern benutzt - die nicht funktioniert hat. Sie hätten auch nicht die ALPS Wasserfilter-Systeme eingesetzt - die korrodiert sind. Und sie hätte nicht hunderte von provisorischen Lagerbehältern aus Metall für das kontaminierte Wasser benutzt - bei denen nun zunehmend Lecks auftreten, weil sie auf unebenem Boden stehen und eilig zusammengeschraubt wurden. "Wenn man in einer Krise steckt, muss man zuerst zugeben, dass man ein Problem hat", meint Snitch. "Erst dann ist man in der Lage, um Hilfe zu bitten."

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