Tognoni: ″Das Problem liegt bei der FIFA″ | Fußball | DW | 21.11.2017
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WM 2022

Tognoni: "Das Problem liegt bei der FIFA"

Hat Katar die FIFA WM 2022 gekauft? "In der Fifa bekam man in jüngster Vergangenheit nie etwas gratis", sagt FIFA-Kenner Guido Tognoni im DW-Gespräch und schließt auch für die WM-Vergabe an Russland Korruption nicht aus.

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"Katar gewann die WM nicht wegen der guten Bewerbung"

DW: Herr Tognoni, Sie sind ein Kenner der Macher des katarischen Fußballs - wie zuversichtlich ist man dort, die WM trotz der Negativschlagzeilen wie geplant ausrichten zu können?

Guido Tognoni: Die Zuversicht ist dort nach wie vor groß, und es gibt wahrscheinlich auch keine Gründe, nicht zuversichtlich zu sein. Seit der Wahl von Katar wird das Land von negativen Schlagzeilen umtost, und das geht eigentlich schon über Jahre hinweg so. Die haben in letzter Zeit wieder zugenommen. Aber für Katar selbst steht außer Zweifel, dass sie die WM organisieren werden, außer es gibt noch eine politische Umwälzung.

In Katar behauptet man, viele Fortschritte zu machen: bessere Arbeitsbedingungen für die Gastarbeiter, hohe Anstrengungen für die Sicherheit und man distanziert sich von jeglicher Korruption. Taugt die WM 2022 nun plötzlich zum Vorbild?

Nein, eine Weltmeisterschaft in einem Wüstenstaat wie Katar wird nie zum Vorbild taugen. Aber sie wurde nun mal von der FIFA dorthin vergeben. Die Gastarbeiter haben es in Katar sicher besser als in manch anderen Staaten in der Golfregion. Katar hat viel Druck bekommen, das ist richtig. Was nicht richtig ist, ist die Tatsache, dass man alle anderen Staaten der Region außer Betracht lässt. Die Katari haben Fortschritte gemacht, und man wird das sicher auch noch feststellen.

Beim FIFA Prozess in New York tauchte schon am zweiten Verhandlungstag das Kürzel "Q2022" auf - und zwar als Verwendungszweck für Schmiergeldzahlungen an zwei Funktionäre. Welches Licht wirft das auf die WM in Katar?

Ich glaube, niemand hat geglaubt, dass Katar die Weltmeisterschaft aufgrund des guten Bewerbungsdossiers bekommen hat. Jeder hat gewusst, dass da einiges gelaufen ist, wie übrigens auch bei anderen Weltmeisterschaften - zum Beispiel beim Sommermärchen in Deutschland. In der Fifa bekam man in jüngster Vergangenheit nie etwas gratis. Was Katar betrifft: Jemand (Zeuge Ale­jan­dro Burz­aco, Anm. d. Red.) hat nun unter Eid ausgesagt, dass bei der Vergabe an Katar Geld geflossen sein soll. Der Empfänger des Geldes ist mittlerweile tot. Ich zweifle nicht daran, dass da einiges passiert ist. Aber ich frage mich: Wo liegt das Problem? Liegt das Problem bei den Empfängern, also bei der höchsten Behörde der FIFA, die sich bestechen ließ? Oder liegt das Problem bei denen, die geben, das heißt jene Verbände und jene Nationen, die unbedingt eine WM haben wollten? Diese Antwort kann jeder für sich selber geben. Ich persönlich wäre in diesem kommenden Verfahren lieber der Anwalt der Katari als der Anwalt der FIFA.

Fußball-WM 2022 in Katar (picture-alliance/dpa/Gebert)

Katar ist zu einem mächtigen Player des Sports gereift - und spielte laut Tognoni nach den Regeln der FIFA

Hat Katar die WM gekauft?

Eins ist interessant: Katar gerät von Anfang an in den Generalverdacht der Korruption. Von Russland redet kein Mensch. Am gleichen Tag an gleicher Stelle haben die gleichen Leute innerhalb von zwei Stunden zwei Weltmeisterschaften vergeben. Dass im Exekutivkomitee der FIFA korrupte Leute saßen, ist völlig unbestritten. Dass diese Leute ausgerechnet bei Katar und Russland nicht die Hand aufgemacht haben sollen, das glaube ich nicht. Das Problem liegt bei der FIFA, nicht bei den gastgebenden Verbänden. Wenn man die WM nur so holen kann, dass man für Stimmen Geld gibt, dann ist das ein großes Problem. Die Verbände waren gezwungen, etwas zu tun, sonst hätten sie die Weltmeisterschaft nicht bekommen.

Sollten sich die Vorwürfe in New York erhärten und bewiesen werden, dass FIFA-Funktionäre von Katar oder auch Russland bestochen wurden - kann die FIFA überhaupt einem Gastgeber eine WM wieder entziehen?

Wie soll eine Institution, die sich bestechen ließ, einem Land wie Katar die WM wieder wegnehmen? Es fällt mir schwer, das zu glauben. Theoretisch ist alles möglich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die FIFA mit Katar einen Veranstaltungsvertrag unterzeichnet hat. Und da rauszukommen, das wird extrem schwierig und wenn dann auch nur unter großen Schmerzen. Schmerzen bedeuten in diesem Zusammenhang große Schadenersatzzahlungen. Die würden sich in der Höhe von Hunderten von Millionen Euro bewegen. Katar hat guten Glaubens sehr viel investiert in die Weltmeisterschaft, und all diese Investments werden sie nicht einfach auf sich sitzen lassen.

Die FIFA gibt sich derzeit viel Mühe, die Enthüllungen im New Yorker Prozess ausschließlich als Aufarbeitung der Vergangenheit zu betrachten. Ist die FIFA heute ein besserer Verband?

Guido Tognoni (picture-alliance / Sven Simon)

Guido Tognoni in seinem früheren Leben als Manager bei der FIFA

Man muss zumindest davon ausgehen, dass der neue FIFA-Präsident (Gianni Infantino, Anm. d. Red.) von all diesen Sachen nichts gewusst hat. Er war nicht beteiligt. Er kann guten Gewissens sagen: 'Ich habe damit nichts zu tun.' Er war damals (zum Zeitpunkt der WM-Doppelvergabe, Anm. d. Red.) noch gar nicht im Amt. In der Zwischenzeit sind ja auch die meisten Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees entweder gestorben oder ausgeschlossen worden. Es gibt eine neue FIFA, die mit den Vorgängen in Katar praktisch nichts zu tun hat.

Teil der Vergangenheitsbewältigung ist auch die Aufarbeitung des sogenannten Sommermärchens, der WM 2006 in Deutschland. Sie haben kürzlich bei den Schweizer Behörden gesagt, dass sie es für die plausibelste Erklärung halten, dass mit den ominösen 6,7 Millionen Euro, die 2002 an Mohammed bin Hammam gezahlt wurden, Stimmen für die WM 2006 gekauft wurden. Warum?

Ich glaube nicht, dass ich das so gesagt habe. Ich habe gesagt, es ist absolut nicht auszuschließen, dass es so war, weil es immer Geld bezahlt wurde, auch bei früheren Weltmeisterschaften. Ich halte das für eine plausible Möglichkeit. Aber mir hat Mohamed bin Hammam persönlich gesagt: 'Es ist alles ganz anders, als alle meinen.' Das habe ich auch zu Protokoll gegeben. Das Rätsel um die WM 2006 ist bisher nicht gelöst, und Mohamed bin Hammam wird es wohl auch für sich behalten.

Wird die ganze Wahrheit im Sommermärchen-Skandal jemals ans Licht kommen?

Ich bezweifle das. Die Summen, die da in Bezug auf das Sommermärchen 2006 genannt werden, sind Peanuts im Vergleich zu den Summen, die beim Prozess in New York genannt werden. Was sind die 6,7 Millionen Euro an Bin Hammam im Vergleich zu 150 Millionen US-Dollar an Schmiergeldzahlungen. Das was in Deutschland passiert ist, ist - gemessen am korrupten Zustand des Fußballs - den Aufwand nicht wert. Ein anderes Land als Deutschland würde sich nicht so gründlich darum bemühen. Ich glaube nicht, dass man überhaupt auf den Kern der Sache gekommen ist, weil Mohamed bin Hammam ein Mann ist, der nicht redet. Er ist ein zweiter Helmut Kohl. Wenn der Hauptbeteiligte nicht reden mag, dann wird es schwierig für die Justiz, die ganze Wahrheit herauszufinden.

Guido Tognoni (67) ist studierter Jurist. Nach seiner Tätigkeit als Sportjournalist arbeitete er von 1984 bis 1995 als Mediendirektor bei der FIFA und wurde dann vom damaligen Präsident Sepp Blatter entlassen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker des Fußball-Weltverbandes.

Das Interview führte Joscha Weber.

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