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"Das Auto der Türkei" rollt vom Band

28. Oktober 2022

In der Türkei kommt ein E-Auto aus eigener Produktion auf den Markt. Ob der TOGG ein Verkaufserfolg wird, ist noch offen. Kritiker sehen in dem Prestigeprojekt ein Wahlkampfvehikel von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

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Türkei | Start der TOGG Autoproduktion
Präsident Erdogan präsentiert das erste vom Band gelaufene Elektroauto der Marke TOGGBild: Murat Cetinmuhurdar/Turkish Presidency/HandoutAA/picture alliance

In den vergangenen Jahren hat die Türkei immer wieder neue politische sowie wirtschaftliche Schritte gemacht, um selbstständiger zu werden - und um die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Nun geht das Land einen wichtigen Schritt in Sachen Mobilität: Erstmals kommt ein Auto aus heimischer Produktion auf den Markt. Markenname: TOGG. Die Abkürzung steht für "Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu" - "Initiativgruppe Automobil der Türkei". Ein Prestigeprojekt.

Ab dem 29. Oktober soll das Auto in Gemlik in der Provinz Bursa serienmäßig hergestellt werden. Das Eröffnungsdatum der Fabrik im Nordwesten der Türkei hat hohe symbolische Bedeutung: Es ist der 99. Jahrestag der Gründung der türkischen Republik.

TOGG ist ein 2018 gegründetes Joint Venture. Dessen Ziel ist es, die Türkei von ausländischen Autobauern unabhängiger zu machen. "Es ist ein wichtiger Schritt, der zum Aufstieg der türkischen Autoindustrie beitragen wird", so die Einschätzung von Emre Özpeynirci. Er ist Journalist, Autoexperte und hat das TOGG-Projekt von Anfang an beobachtet.

Nächstes Jahr sollen 17.000 bis 18.000 E-Autos in Gemlik hergestellt werden. Ausgelegt ist die Fabrik für die Produktion von 175.000 Fahrzeugen und man hat vor, diese Kapazität in den kommenden fünf Jahren zu erreichen.

Das polarisierende Auto

Die Regierung in Ankara würde sich wünschen, wenn alle Türken stolz auf das Projekt wären. Das ist aber nicht der Fall. Der TOGG wird von vielen nicht als das Auto der Türkei, sondern als Prestigeprojekt von Präsident Recep Tayyip Erdogan wahrgenommen, der sich kommenden Sommer zur Wiederwahl stellt.

Zur Eröffnung der Fabrik in Gemlik an diesem Samstag werden keine Vertreter der Opposition kommen. Meral Akşener, eine führende Oppositionspolitikerin von der nationalistischen IYI-Partei sagt, sie habe einen zu vollen Terminkalender. Der Oppositionsführer und möglicher Herausforderer Erdogans bei der kommenden Wahl, Kemal Kilicdaroglu, von der größten Oppositionspartei CHP ließ durch seinen Sprecher verlauten, dass das Projekt zu einer "politischen Show" gemacht werde und er deswegen nicht teilnehme. "Wir wünschen TOGG einen erfolgreichen Auftakt", sagte Kilicdaroglus Sprecher trotzdem. Die Einladung soll "aus Erdogans Palast" gekommen sein, so der CHP-Politiker und nicht aus dem Unternehmen selbst, was ein Ausschlusskriterium für eine Teilnahme vieler Oppositionspolitiker sei.

Das türkische Elektroauto TOGG von innen
TOGG-Innenausstattung: Design hundertprozentig türkischBild: TOGG/AA/picture alliance

"Es ist ein großes Problem, dass das Auto polarisiert", so Experte Özpeynirci. Niemand diskutiere auf eine solche Art und Weise über andere Investitionen in der Automobilindustrie.

Erfolgsrezept für die Wahlen?

Der Startschuss für den TOGG fällt, während die Türkei auf eine historische Wahl zusteuert. Am 18. Juni werden die Türken entscheiden, ob sie Erdogan als ihren Präsident behalten oder einen neuen Weg einschlagen wollen.

Auch wenn die Produktion jetzt beginnt, wird es noch eine Weile dauern bis das erste Auto in Gemlik vom Band läuft. Laut den aktuellen Plänen des Unternehmens sollen die ersten Wagen im März 2023 verkaufsbereit sein, also kurz vor der Wahl.

Kritiker sind der Meinung, dass Erdogan und seine AKP das Projekt für ihren eigenen Wahlerfolg instrumentalisieren. Die Regierung nutze das Auto als politisches Instrument, beklagt auch Özpeynirci: "Natürlich sind solche Investitionen immer vom Staat unterstützt, wenn es aber zur politischen Auseinandersetzung kommt, dann wird das Projekt bereits zermürbt, bevor das Auto überhaupt hergestellt wird."

Unbezahlbarer Wagen der Nation

Propagiert wurde der neue TOGG als "Wagen des Volkes". "Als Präsident Erdogan das Projekt vorstellte, erwartete man, dass ein Auto gebaut würde, das sich jeder Türke leisten können könnte", so Emre Özpeynirci. Der hohe Verkaufspreis für das erste Modell scheint diesen Traum jedoch zunächst platzen zu lassen.

Als erstes kommt ein SUV auf den Markt, der ungefähr 900.000 Türkische Lira (etwa 49.000 Euro) kosten wird, was für viele Türken unerschwinglich ist. 500.000 Lira, so Özpeynirci, sei die absolute Obergrenze für durchschnittliche türkische Verbraucher beim Kauf eines Neuwagens. Man erwartet, dass TOGG ein preiswerteres Modell erst in zwei oder drei Jahren auf den Markt bringt.

Der Prototyp des ersten TOGG
Prototyp des TOGG-SUV: Für Durschnittsverbrauer unerschwinglichBild: Rasid Necati Aslim/AA/picture-alliance

Industrie- und Technologieminister Mustafa Varank sagt, dass TOGG ein privates Unternehmen sei und seine Preise am Angebot der Konkurrenz ausrichtet. Aus Sicht von Autoexperte Özpeynirci kommt ein weiterer Grund hinzu: "Auf der Weltbühne will die Firma als eine neue Marke mit einem starken Image erscheinen", weshalb sie nicht mit einem bezahlbaren Modell loslegt, sondern mit einem SUV der C-Klasse.

Aber nicht nur der Preis, sondern auch die momentan mangelhafte Infrastruktur stelle ein Problem dar. "Die Infrastruktur in der Türkei ist nicht bereit, um aufs E-Auto zu wechseln", sagt Hüsamettin Yalçın, Geschäftsführer der Firma Automotive Data. Ein Fahrer sollte sich keine Gedanken über Ladestationen machen müssen, wenn er von Istanbul nach Ankara will. "Wir sind an diesem Punkt noch nicht angekommen", so Yalçın.

Playerpotenzial im globalen E-Auto-Markt?

Design und Endmontage des TOGG sind hundertprozentig türkisch, die einzelnen Bauteile sind es nicht: Batterie, Motor und weitere elektronische Teile stammen aus dem Ausland. Zum Produktionsstart kommen 51 Prozent des Materials aus der Türkei. In den kommenden Jahren wolle man einen Anteil von 65 Prozent erzielen, so Industrieminister Varank.

TOGG hat vor, das Fahrzeug vorerst für den inländischen Markt herzustellen und nicht zu exportieren - was auch am Bauteile-Mix liegt, der die Produktionskosten nach oben treibt, meint Autoexperte Özpeynirci: "Das stellt auch ein Kostenfaktor dar." Wenn man es künftig schaffe, den aus dem Inland kommenden Anteil der Komponenten auf 70 Prozent zu erhöhen, dann könnte der TOGG auf dem ausländischen Markt konkurrenzfähig werden.

Mitarbeit: Muhammed Kafadar

DW Mitarbeiter l Burak Ünveren, DW-Journalist
Burak Ünveren Redakteur. Themenschwerpunkte: Türkische Außenpolitik, Deutsch-Türkische Beziehungen.