Todesurteil gegen Ringer bewegt Iran | Asien | DW | 03.09.2020
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Justiz im Iran

Todesurteil gegen Ringer bewegt Iran

In sozialen Medien sorgt das Todesurteil gegen einen bekannten Ringer für Entrüstung. Navid Afkari wurden 2018 nach Protesten verhaftet. Er sagt, sein Geständnis der Tötung eines Beamten sei durch Folter erpresst worden.

"Eine schwache Flamme der Hoffnung ist in ihren Herzen aufgegangen", schreibt Pooria Nouri an die Deutsche Welle über die Wirkung der plötzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit auf  Navid Afkari (Artikelbild) und seine ebenfalls inhaftierten Brüder. Pooria Nouri weiß das, weil sein Bruder Kasra als Mitglied der unterdrückten religiösen Minderheit der Gonabadi-Derwische im gleichen Gefängnis einsitzt wie die Afkari-Brüder Habib (29 ), Vahid (35) und Navid (27): Im Vakilabad-Gefängnis in der südiranischen Stadt Schiras. Der Fotograf Nouri fährt fort. "Er sagte mir am Telefon, dass die Afkaris froh sind, dass die Öffentlichkeit ihre Stimme gehört hat. Ihr psychischer Zustand hat sich verbessert."

Zwar wurden die Afkari-Brüder bereits im Herbst 2018 verhaftet, aber lange war der Fall in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Dabei ist der jüngste der drei, Navid Afkari, ein bekannter Ringer. Als Teenager und junger Erwachsener gewann er mehrere Preise in diesem Nationalsport. Seit die Mutter der drei sich am vergangenen Samstag in ihrer Verzweiflung mit einem Video in sozialen Netzwerken an die Öffentlichkeit wandte, diskutiert der Iran über den Fall und auch ausländische Medien haben ihn aufgegriffen. In dem emotionalen Video bittet die Mutter um Hilfe für ihre Kinder und verlangt einen fairen Prozess für ihre Söhne, vor allem für Navid.

Iran Feuer in Markt

Feuer auf einem Markt bei Teheran nach Protesten im Juli 2018

Mordfall am Rande von Protesten

Navid wurde gleich zweimal zum Tode verurteilt. Vollstreckt werden soll das Urteil allerdings erst nach knapp sechs Jahren Haft und 74 Peitschenhieben. Navid Afkari soll gestanden haben, am Rande von Protesten in Schiras einen Beamten getötet zu haben. Seine Mutter sagt, dass Navid lange gefoltert wurde. Auch seine Brüder seien gefoltert worden, damit sie gegen ihn aussagen.

Der Fall dreht sich um einen Mann, der am 2. August 2018 gegen Mitternacht auf der Straße mit einem Messer angegriffen wurde. Er starb später im Krankenhaus. Die den Revolutionsgarden nahestehende Agentur "Fars News" schrieb damals, bei dem Ermordeten habe es sich um einen Beamten gehandelt, der damit beauftragt war, Demonstranten zu identifizieren. Für die Tat selbst gibt es keine Zeugen, niemand hat den Mörder gesehen. 45 Tage später verhaftete die Polizei mehrere junge Menschen, die aufgrund von Mobilfunkdaten verdächtigt wurden, in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Darunter befanden sich auch Navid Afkari und sein Bruder Vahid. Zwei Monate später wurde auch Habib verhaftet.

Gegen die Todesstrafe

Der Iran wird wegen der Anwendung der Todesstrafe und seiner politischen Justiz immer wieder kritisiert

Bericht über Folter

Als es zum Prozess kam, waren die Afkari-Brüder ohne Anwalt. Ihr Pflicht-Verteidiger soll den Fall abgegeben haben. Während des Prozesses hatten sie sich selbst verteidigt. Am vergangenen Montag wurde eine aus dem Gefängnis geschmuggelte Audio-Aufnahme in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Darin schildert Navid Afkari, wie er gefoltert wurde: "Sie haben mir eine Plastiktüte über den Kopf gezogen, bis ich fast erstickt wäre. Sie schlugen mit Stöcken auf meine Hände, meinen Bauch und meine Füße ein, fesselten mich und gossen mir Alkohol in die Nase." Er habe die Behörden auch später über die Folter informiert und Beschwerde eingelegt. Vergeblich. "Als ich im Gerichtssaal den Richter fragte, wo denn die Beweise dafür sind, dass ich ein Mörder sein soll, antwortete er: 'Wir sind hier nicht in der Schweiz, Junge'."

Navid wurde schließlich wegen "Krieg gegen Gott" und "Bildung einer Gruppe gegen das politische System" schuldig gesprochen. Die doppelte Todesstrafe rührt daher, dass er nicht nur wegen der genannten Vergehen bestraft wurde, sondern auch als Vergeltung für den - angeblichen - Mord. Resigniert sagt Navid in dem Audio: "Sie brauchen einfach einen Hals für ihren Galgen".

Schweiz Lausanne Olympische Ringe

Hoffnung auf Intervention des Internationalen Olympischen Komitees

Hoffnung auf Bewegung in dem Fall

Die iranische Justiz reagierte: Am vergangenen Montag berichtete "Mizan", das Nachrichten-Portal der iranischen Justiz, von der angeblich vorhandenen Aufnahme einer Überwachungskamera. Darauf soll zu sehen sein, wie ein Navid ähnelnder Mann den Beamten erstochen hat. Hasan Yunesi, der mittlerweile die Afkari-Brüder als Anwalt vertritt, weist das via Twitter zurück: "Es gibt keine Aufnahme von der Tat. Die letzten Bilder der Überwachungskamera wurden eine Stunde vor der Tat aufgenommen." Inzwischen versuchen iranische User, bei internationalen Ringerorganisationen und beim Internationalen Olympischen Komitee Unterstützung für Navid Afkari und seine Brüder zu bekommen. Vahid war zu 54 und Habib zu 27 Jahren Gefängnis und jeweils 74 Peitschenhieben verurteilt worden.

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