″Time′s Up″: Reaktionen auf die Castorf-Debatte | Kultur | DW | 07.07.2018
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Gleichberechtigung

"Time's Up": Reaktionen auf die Castorf-Debatte

Provokante These: Ex-Volksbühnen-Intendant Frank Castorf (69) behauptet, Frauen könnten weder Fußball spielen, noch Theaterregie führen. In einem offenen Brief geben ihm Theater-Frauen selbstbewusst Contra.

Provozierende Äußerungen, auch über Frauen im Theaterbetrieb, sind bei dem Theaterpatriarchen Frank Castorf (69) nichts Neues. Trotzdem sorgt der frühere Intendant der Berliner Volksbühne gerade mit einem aktuellen Interview für eine hochemotionale Debatte. Der Vorwurf eines antiquierten Sexismus, und einer "verkalkten Haltung" zum Thema Gleichstellung wurde in der Theaterszene laut.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ 28.06.2018) behauptet er - in typischer Machomanier: Frauen könnten einfach nicht Fußball spielen. Das nicht gerade weltmeisterliche Gegenbeispiel des deutschen Männerfußballs bei der aktuellen WM in Russland hat Castorf offenbar nicht von seinem gepflegten Vorurteil abbringen können.

"Frauenfußball interessiert mich nicht"

Auch Theater sei für ihn Leistungssport, sagt er in dem Interview. "Ich will nur sagen, dass eine Frau dieselbe Qualität haben muss. Ich war ein großer Verehrer von Pina Bausch, oft kopiert, nie ist einer rangekommen", räumt er ein. "Wenn eine Frau besser ist, habe ich nichts dagegen. Nur habe ich so viele nicht erlebt."

Seine altbekannten Positionen als prominenter Theaterregisseur haben eine Reihe von engagierten Kulturfrauen und - Institutionen zu einem offenen Brief animiert. Initiiert hat diese kämpferische Replik die Dramaturgin und Kuratorin Felizitas Stilleke. Seit über 15 Jahren arbeitet sie als freie Künstlerin, und hat einschlägige Erfahrungen mit der oft männlichen Hierarchie im Theater- und Kunstbetrieb gemacht

Offener Brief als Signal: "Es reicht!"

Selbstbewusst setzt Stilleke dem Theatermann Castorf in dem knappen, sehr persönlichen Schreiben ihre Antwort entgegen: "Es reicht!" Sie habe einfach keine Lust mehr, über solche Provokationen wegzulächeln, sagt sie. Und deswegen habe sie den "Fehdehandschuh" aufgehoben - und bewusst einen offenen Brief geschrieben: als öffentliche Ansage an ein überholtes Machtsystem.

Inzwischen haben diesen Brief noch weitere 630 Kulturschaffende, Frauen und Männer, Musiker, Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure und andere aus der Kunst- und Theaterbranche unterschrieben, und damit die Forderung nach "Time's Up" ("Die Zeit ist um") öffentlich unterstrichen. Auch die Berliner Performance-Künstlerin Ilia Papatheodorou hat den offenen Brief zusammen mit ihrer Performance-Gruppe "She She Pop" unterschrieben - um ein Zeichen zu setzen.

Sechs Frauen vom Künstlerkollektiv She She Pop stehen auf der Bühne (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Ilia Papatheodorou (2. von links) bei den Proben mit She She Pop

Dieser offene Brief rücke die Position einer künstlerischen Leitfigur wie Castorf noch in ein neues Scheinwerferlicht: "Das ist eine Geste, die dazu dient, ganz viele Frauen - jüngere Frauen ganz besonders - zu entmutigen", erklärt Papatheodorou im DW-Interview. "Und die den gesellschaftlichen Konsens, dass es unser Ziel ist, die Gleichstellung von Männern und Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft zu erreichen, in Frage stellen."

Im Fokus: Privilegien im Kulturbetrieb

Für sie und ihre Künstlerkolleginnen von She She Pop gehe es um eine sehr politische Frage. Das betreffe nicht nur den Theaterbetrieb, der oft patriarchalisch und in starker Hierarchie organisiert sei. "Es geht darum, bestimmten Leuten Privilegien abzuerkennen, von denen sie denken, dass sie sich die erworben durch ihren künstlerischen Verdienst", sagt sie im DW-Interview. "Aber diese Leute reflektieren nicht die gesellschaftliche Realität, die dahinter steht."

Ilia Papatheodorou ist seit 25 Jahren Mitglied beim Künstlerkollektiv She She Pop. Die Mitglieder der Gruppe sind in der Mehrzahl Frauen. Sie findet es traurig, dass Theaterleute wie Castorf in einer Welt leben, in der sie nicht so viele talentierte und gute Regisseurinnen zu Gesicht bekämen. "Das wäre dann eine Welt, in der er konkurrieren müsste, wenn mehr Frauen seine Intendantinnen, seine Kuratorinnen, seine Dramaturginnen, eben seine Vorgesetzte wären.Und dann würde vielleicht SEINE Konkurrenzfähigkeit in Frage stehen und nicht die der Frauen."

Intendant Frank Castorf umringt von Menschen bei seinem Abschied von der Berliner Volksbühne (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Frank Castorf bei seinem Abschied von der Berliner Volkbühne im letzten Jahr

Haltung aus dem letzten Jahrhundert

Für die Schauspielerin Lisa Jopt sind künstlerische Positionen, wie die von Theaterregisseur Frank Castorf mittlerweile völlig überholt, und quasi aus dem letzten Jahrhundert. In Zeiten von #MeToo und der Nachfolge-Bewegung "Time's Up" müsse sich auch in Deutschland in der Theaterwelt dringend etwas ändern, fordert sie im Interview mit dem Deutschlandfunk.

"Manche Themen dauern leider länger, bis sie durchgesetzt sind oder sich etabliert haben. Aber immer mal wieder denke ich schon, und muss ich leider wirklich zugeben: Oh Gott, irgendwann sind auch diese Haltungen halt nicht mehr salonfähig."

Trotzdem sieht Schauspielerin Lisa Jobt in Castorf einen "tollen Theatermacher", auch wenn er etwas kauzig und kantig sei: " Irgendwie finde ich es auch frei und mutig, sowas zu sagen, oder so eine verkalkte Haltung dazu zu haben. Und das in einem Interview auch so stehen zu lassen."

Ewig gestrige Positionen

Performerin Ilia Papatheodorou hat wenig Hoffnung auf Selbstreflexion bei einem prominenten Regisseur wie Frank Castorf, der in Berlin und in Deutschland längst eine künstlerische Institution ist.

"Das lässt ihn unberührt, weil er ja weiter inszeniert und Frauen weiter mit ihm arbeiten. Es weist ja niemand diesen Leuten die Tür und sagt, so nicht mehr. Vielleicht gibt es da auch zuviel Verständnis für jemanden, der sich nicht ändern möchte. Und dafür auch keine Notwendigkeit sieht."

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