Thomas Cook: Spaniens Tourismussektor vor harten Zeiten | Wirtschaft | DW | 24.09.2019
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Pleite von Thomas Cook

Thomas Cook: Spaniens Tourismussektor vor harten Zeiten

Auf den größten Absatzmarkt für Thomas-Cook-Reisen wartet ein harter Winter. Touristen sitzen fest, Hotels fürchten ums Überleben. Die Zukunftsaussichten der Branche sind trüb.

Die Pleite kam nicht völlig unerwartet, aber sie trifft Spanien mit großer Wucht. Das Land, das erst von 2008 bis 2013 die schlimmste Finanzkrise seiner Geschichte bewältigen musste, steht nun vor einem ähnlichen Szenarium in der Urlaubsbranche. Mit gegenwärtig fast 15 Prozent Anteil der Tourismusbranche am Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte die Pleite des britischen Traditionsunternehmens für das Land gravierende Folgen haben, die auch das Kreditwesen beeinflussen würden.

In den vergangenen Jahren hat die Bedeutung von Hotels und Ferienvermietungen noch weiter zugenommen. In 2016 betrug der Anteil der Tourismusbranche nach Angaben von Statista erst etwas mehr als elf Prozent am BIP. Der Branchenverband World Travel & Tourism Council (WTTC) in London ging bisher davon aus, dass in Spanien die Einnahmen aus dieser Branche von derzeit rund 178 Milliarden auf 224 Milliarden Euro im Jahr 2028 steigen würden.

Hilfe für die Gestrandeten

Nach Ansicht des Tourismusverbandes Exeltur wird der Konkurs von Thomas Cook zunächst direkte Verluste von 200 Millionen Euro für den spanischen Feriensektor bedeuten. Aber die Langzeitfolgen sind noch gar nicht abzusehen. Gerade konnte die Arbeitslosigkeit von ehemals 19 auf 14 Prozent gesenkt werden, da drohen erneut Tausende von Jobs in Spanien verloren zu gehen, vor allem auf den Balearen und Kanaren.

Mallorca - Autovermietungen (picture alliance/dpa/J.Kalaene

Autovermietungen (wie hier am Flughafen von Mallorca) gehören zu den Branchen, die stark vom Tourismus abhängen.

Thomas Cook wollte in diesem Sommer vier Millionen Touristen nach Spanien bringen. 90.000 sind davon nun direkt betroffen und müssen um ihren Rückflug bangen. Die spanische Tourismusministerin Reyes Maroto hat einen Krisenstab einberufen, um die chaotische Lage an den Flughäfen und in den Hotels besser zu kontrollieren, und auch um einen Langfristplan für Branche zu entwickeln.

Wie lange hält Spaniens Wirtschaft noch durch?

Bisher blieb die spanische Wirtschaft von Brexitängsten, Handelsstreitigkeiten und den eigenen nationalen Politdramen weitgehend verschont und wuchs seit 2015 stetig. Die aktuelle Regierung unter Pedro Sánchez sieht für dieses Jahr ein Plus von 2,2 Prozent voraus. Zudem hat gerade die Ratingagentur S&P ihr Qualitätssiegel für staatliche Langzeit-Anleihen aus Spanien von 'A-' auf 'A' aufgewertet, mit stabiler Aussicht.

Infografik Tourismusbranche Spanien DE

Der schwarze Montag mit der Thomas Cook-Pleite scheint nun einen Strich durch diese Rechnung zu machen. Nach Ansicht des auf Mallora ansässigen deutschen Unternehmensanwalts Tim Wirth wartet auf Spanien ein sehr heisser Herbst: "Die Frage ist, ob sich die Wirtschaft angesichts dieser vielen Negativnachrichten weiter abkoppeln kann von den derzeitigen politischen Entwicklungen".

Mit Neuwahlen im November im Nacken, einem immer noch blockierten Haushalt und der baldigen Veröffentlichung der Urteile für die seit zwei Jahren inhaftierten katalanischen Unabhängigkeits-Befürworter dürfe die Unsicherheit der Menschen über die Zukunft ihres eigenen Landes steigen.

Begehrte Insolvenzmasse

Derweil reiben sich einige Wettbewerber bereits die Hände, andere fürchten mitgerissen zu werden. An der spanischen Konkursmasse von Thomas Cook in Spanien, darunter 50 Hotels, dürfte nach Ansicht eines Branchenkenners vor allem der im Land bereits sehr engagierte US-Investor Blackstone interessiert sein.

Erst im vergangenen Jahr hatten die Briten trotz ihrer schwierigen finanziellen Lage die Thomas Cook Hotel Investments Spain gegründet. Der spanische Ökonom Gaietà García von der EAE Business School in Madrid glaubt, dass dieses unüberlegte Handeln das Hauptproblem von Thomas Cook war: "Sie sind zu schnell gewachsen". Er hofft nun, dass andere Reiseveranstalter, die es besser wissen, diesen Platz in Spanien einnehmen werden und damit Auswirkungen limitiert werden können.

Balearen und Kanaren leiden besonders

Aber der Dominoeffekt der Pleite ist bereits so groß, dass die Präsidentin des mallorquinischen Hotelierverbandes FEHM, Maria Frontera, bereits um Staatshilfe bat. Die Konsequenzen der Pleite für Mallorca seien "von einer bisher nie dagewesenen Dimension", sagte Frontera.  Andere vergleichen den Moment mit dem Branchen-Einbruch als Folge der Panik durch die Terror-Anschläge am 11. September in New York.

Auf den Kanaren sieht die Lage der Urlaubsbranche im Moment am brenzligsten aus, da sich die Insulaner fast ausschließlich auf Thomas-Cook-Urlauber verlassen haben. Zur Pleite kommt hinzu, dass in diesem Jahr die Ankunft internationaler Urlauber auf den Kanaren bereits im Juli um acht Prozent gesunken war, was für Hotels und Restaurants eine Millionen weniger Feriengäste bedeutete.

Infografik Anteil der Tourismusbranche am nationalen BIP 2018 DE (DW)

Dominoeffekt für Reisebüros und Hotels

Nicht nur die Hoteliers auf den Kanaren und Balearen fürchten um ihre Zukunft, sondern auch die 9500 Firmen, die in Spanien in der Reiseplanung arbeiten, darunter Viajes El Corte Inglés, Halcón Viajes und B the travel Brand (Grupo Barceló). Branchenkenner glauben, dass vor allem die börsennotierte Reservierungszentrale Amadeus mit Sitz in Madrid einer der größten Leidtragenden der Pleite sein wird, weil diese das Ende des organisierten Urlaubs einläuten und zusammen mit dem Klimadruck die gesamte Branche in Frage stellen würden.

In den vergangenen Jahren wurden bereits 5000 Reisebüros geschlossen, 12.000 Menschen verloren ihren Job. Die Pleite von Thomas Cook trifft Spanien besonders hart, weil es sehr stark vom ausländischen Tourismus abhängt und Spanien zu 75 Prozent von Serviceeinnahmen lebt. Bisher gaben ausländische Urlauber in Spanien im Jahr durchschnittlich 77 Milliarden Euro für Ausflüge, Mietwagen, Einkäufe oder Restaurantbesuche aus.

Auch die spanischen Banken sind indirekt von der Pleite betroffen. Die größte heimische Bank Caixabank bekommt von den Briten noch 51 Millionen Euro. Kredite an die Branche dürften derzeit sehr stark unter die Lupe genommen werden. Die in Barcelona ansässige ehemalige Sparkasse hat Thomas Cook den Kauf von Hotels in Spanien finanziert. "Der spanische Ferienimmobilienmarkt dürfte hingegen von der Pleite nicht so  stark betroffen sein", glaubt  Unternehmensberater Iñigo Arraiza. Im Gegenteil: Individuell organisierte Reisen via Internet an Hotels und Reisebüros vorbei, dürften noch populärer werden, weswegen eventuell bei Ferienvermietungen sogar noch mit einem Auftrieb gerechnet werden könnte.

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