Die Thomas-Cook-Pleite und ihre Folgen | Wirtschaft | DW | 24.09.2019
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Tourismus

Die Thomas-Cook-Pleite und ihre Folgen

Die Insolvenz des ältesten Reiseveranstalters der Welt zieht immer weitere Kreise und betrifft auch deutsche Unternehmen und Urlauber. Die Pleite habe eine historische Dimension, meinen einige Beobachter.

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Thomas Cook: Ende einer langen Reise

Die Pleite des britischen Reiseveranstalters Thomas Cook sei für die Wirtschaft Griechenlands "der stärkste Schlag seit der Finanzkrise", schrieb an diesem Dienstag die Athener Wirtschaftszeitung "Naftemporiki".

Die liberale Wirtschaftszeitung "Hospodarske noviny" aus Tschechien zieht die gleiche historische Parallele: "Die Welt der alten Wirtschaft, die auf Ladengeschäften und dem Bemühen beruhte, eine gesamte Dienstleistung als Paket zu verkaufen, hat einen Schlag abbekommen. Das Ende Thomas Cooks könnte für die Reisebranche zu einem ähnlichen Symbol werden wie der Sturz der US-Bank Lehmann Brothers 2008 für den Finanzsektor."

"Die größte Rückholaktion in Friedenszeiten"

Die Regierung in London ringt derweil um Lösungen für die an ihren Urlaubsorten festsitzenden Thomas-Cook-Kunden. Insgesamt sollen etwa 135.300 britische Touristen in den kommenden 13 Tagen nach Hause geflogen werden. Am Montag seien bereits 14.700 gestrandete Urlauber zurückgeholt worden, teilte die Flugbehörde in London mit.

Zusammen mit der Regierung und Luftfahrtkonzernen werde rund um die Uhr an den Notfallplänen gearbeitet, um die größte Rückholaktion in Friedenszeiten zu stemmen. Für Dienstag seien 74 Flüge angesetzt, um 16.500 Urlauber zurück zu fliegen.

Thomas Cook Airlines (picture-alliance/TT/J. Nilsson)

Bei den allermeisten Flugzeugen von Thomas Cook bleiben die Türen geschlossen und die Passagiere am Boden.

Geplatzte Hochzeit

Weltweit sind bis zu 600.000 Urlauber gestrandet, nachdem der Konzern hoch verschuldet in die Knie gegangen war. Unter ihnen ist auch ein Brite, der den gleichen Namen wie das Unternehmen trägt: Thomas Cook. Er muss nun möglicherweise seine Hochzeit absagen.

Cook und seine Freundin wollen eigentlich am kommenden Freitag auf der griechischen Insel Rhodos heiraten. Sie selbst sind schon mit ihren beiden kleinen Töchtern dort - aber viele Gäste noch nicht, berichtet die "Nottingham Post".

Etwa die Hälfte der Hochzeitsgäste hatte nach Angaben des Paares beim Reisekonzern Thomas Cook gebucht. Außerdem hätten sie selbst dort ihr komplettes Hochzeitspaket geordert - inklusive der Trauungszeremonie, Dekorationen, Blumen und Unterhaltungsprogramm. "Thomas Cook hat uns wegen meines Namens eine Überraschung versprochen - aber dies ist nicht die Überraschung, mit der wie gerechnet haben", sagte Cook. Niemand könne ihnen sagen, ob die Hochzeit nun stattfinde oder nicht.

Entspannung in Skandinavien

Trotz der Insolvenz von Thomas Cook hat die skandinavische Fluggesellschaft "Thomas Cook Airlines Scandinavia" ihren Flugbetrieb am Dienstag wieder aufgenommen. Die ersten Flieger von Helsinki nach Teneriffa und von Göteborg nach Palma de Mallorca seien am Morgen abgehoben, teilte ein Sprecher der Thomas-Cook-Tochter Ving der Deutschen Presse-Agentur mit.

Ving hatte am späten Montagabend mitgeteilt, dass der Flugbetrieb am Dienstag wieder laufen sollte. Das galt auch für andere skandinavische Töchter der Thomas Cook Gruppe, darunter Tjaereborg, Globetrotter und Spies. Weil sie unabhängige und profitable Teile der Gruppe seien, könnten sie "mit Hilfe unserer Banken, Gläubiger und Bürgen den Betrieb fortsetzen", sagte der Geschäftsführer von Thomas Cook Nordeuropa, Magnus Wikner.

Das wird auch für Konkurrenz teuer

Die Insolvenz trifft in Großbritannien auch Kunden des Hauptkonkurrenten Tui. Britische Tui-Urlauber, die bis 31. Oktober auf Flüge mit Thomas Cook Airlines gebucht waren, könnten ihre Reise nicht antreten, sagte ein Tui-Sprecher.

Für bereits verreiste Kunden, deren Flüge wegen der Insolvenz ausfallen, würden Ersatzflüge angeboten. Tui arbeite an Maßnahmen zur Unterstützung, teilte der Konzern bei der Vorlage seiner Buchungszahlen für die Sommersaison mit.

Tui rechnet auch nach der Pleite des Erzrivalen Thomas Cook mit Gegenwind am Reisemarkt. Die äußeren Belastungsfaktoren Brexit, Überangebot von Flügen und das Flugverbot für die Boeing-Maschinen 737 MAX setzten sich im Geschäftsjahr 2020 fort, erklärte Tui-Chef Friedrich Joussen.  Dennoch bekräftigte Tui seine Jahresprognose, die einen Rückgang des bereinigten operativen Gewinns um 26 Prozent gegenüber den 1,18 Milliarden Euro im vorangegangenen Jahr vorsieht.

Warten auf den Überbrückungskredit

Der deutsche Ferienflieger Condor hält seinen Betrieb weiter aufrecht. Alle Flüge würden wie geplant durchgeführt, sagte ein Unternehmenssprecher. Spezielle Teams beantworteten an den Flughäfen die Fragen der Passagiere.

Gleichzeitig rede das Management mit allen Lieferanten und Partnerunternehmen, um seine Maschinen weiter in der Luft zu halten. Wegen der Insolvenz des Mutterkonzerns Thomas Cook hatte Condor einen Überbrückungskredit bei der Bundesregierung beantragt. Darüber ist aber noch nicht entschieden. Noch ist auch offen, ob es einen Investor gibt, der die Gesellschaft mit ihren 4900 Beschäftigten möglicherweise von Thomas Cook übernehmen könnte.

Deutschland Flugzeug von Air Berlin | Abflug in München 2017 (Getty Images/AFP/C. Stache)

Air Ber,lin - der deutsche Pleiteflieger soll plötzlich aus giutes Beiuspiel dienen.

Prüfung unter "Hochdruck"

Das Land Hessen, in dem Condor seinen Firmensitz hat, ist bereit, der von der Insolvenz von Thomas Cook betroffenen Airline Condor mit einem Millionenkredit zu helfen: "Wir haben ein bewährtes Verfahren in solchen Konstruktionen. Der Bund nimmt die Hälfte und die betroffenen Länder nehmen die andere Hälfte", sagte der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) im Hessischen Rundfunk.

Sollte es auf die 200 Millionen Euro hinauslaufen, die zurzeit im Gespräch seien, dann würde Hessen 100 Millionen Euro übernehmen, sagte Schäfer weiter. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte am Montag erklärt, es prüfe den Antrag von Condor "unter Hochdruck".

Der Minister ist alarmiert

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat eine Entscheidung der Bundesregierung über einen Überbrückungskredit "in den nächsten Tagen" angekündigt - so der Politiker in Berlin am Rande einer Industriekonferenz.

Altmaier sagte, die Schwierigkeiten seien durch die Insolvenz der Muttergesellschaft Thomas Cook entstanden. "Es sind keine hausgemachten Probleme." Es seien vor einigen Tagen Anträge auf Überbrückungskredite eingegangen. Es sei aber wichtig, die üblichen Verfahren anzuwenden.

Die Anträge würden in Übereinstimmung mit der Bundeshaushaltsordnung geprüft. Sein Ministerium stehe in engem Kontakt mit dem Finanz- sowie Verkehrsministerium.

dk/hb (dpa,rtr, afp)

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