Tawakkul Karman: ″Wir müssen uns den Arabischen Frühling zurückholen!″ | Nahost | DW | 20.02.2018
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Jemen

Tawakkul Karman: "Wir müssen uns den Arabischen Frühling zurückholen!"

Als erste arabische Frau wurde Tawakkul Karman 2011 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im DW-Interview erklärt die 39-Jährige, warum der Arabische Frühling gescheitert ist und der Jemen in Krieg und Chaos versinkt.

Deutsche Welle: Heute, sieben Jahre nach dem Ausbruch des Arabischen Frühlings, befindet sich der Jemen in einer katastrophalen Situation. Wie kommt er wieder heraus?

Tawakkul Karman: Es findet zurzeit ein erbitterter Kampf zwischen den revolutionären Kräften des Arabischen Frühlings und den Mächten der Gegenrevolution statt. Diese haben nun ihr hässliches Gesicht gezeigt. Es ist ein Kampf, der zu noch mehr Kriegen und Instabilität führt. Und das alles ist eine Verschwörung, geleitet von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Sie führen diese Konterrevolution. Denn Riad, Abu Dhabi und auch Teheran sahen im Arabischen Frühling eine direkte Bedrohung. Sie versuchten, mit ihrem Geld Putsche, Kriege und Chaos in den arabischen Hauptstädten anzuzetteln - in Kairo, Tripolis, Damaskus und Sanaa.

Die arabischen Völker kämpfen heutzutage, um aus dieser düsteren Situation herauszukommen. Wir werden weder aufgeben noch auf Demokratie, Freiheit und Menschenrechte verzichten. Wir werden eine Rückkehr zur Diktatur, Unterdrückung und Korruption nicht akzeptieren. Unsere Völker werden eines Tages Demokratie und Freiheit erleben. Das ist sicher.

München Sicherheitskonferenz Tawakul Karman (dapd)

Wurde 2011 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet: die jemenitische Menschenrechtsaktivistin Tawakkul Karman

Sie äußern eine harsche Kritik an Saudi-Arabien und den Emiraten. Warum jetzt?

Nein, nicht erst jetzt. Ich habe seit dem Anfang der Militäraktion, die die Saudis und Emiratis im Jemen gegen die Huthis führen, die Bombardierung der Zivilisten verurteilt und zur Einhaltung der Menschenrechte aufgerufen. In jüngster Zeit habe ich meine Kritik verstärkt, weil die Koalition auch ihre Aggression intensiviert hat, und weil uns klar geworden ist, dass Saudi-Arabien und die VAE eine zweifelhafte Rolle spielen. Sie sagten, sie seien in den Jemen gekommen, um die legitime Regierung gegen die Huthi-Putschisten und den Despoten Saleh zu verteidigen. (Ali Abdullah Saleh, der jemenitische Langzeit-Präsident, wurde 2012 gestürzt und im Dezember 2017 von Huthis getötet. Anm. d. Red.) 

Doch was sie tatsächlich machen, ist die legitime Regierung zu zerschlagen. Sie hindern den Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi daran, ins Land zurückzukehren. Sie unterstützen bewaffnete Gruppen, die Einheit und Sicherheit des Landes gefährden, wie es zum Beispiel in Aden im Januar der Fall war. Sie errichten geheime, illegale Gefängnisse im Land.

"Zivilisten die Schrecken des Krieges ersparen"

Die VAE haben mehrmals die Präsidentengarde bombardiert, sie besetzen außerdem jemenitische Inseln, Häfen und Flughäfen und lehnen eine Rückgabe an die legitime Hadi-Regierung ab. Alle Gebiete, die nicht zurückgegeben werden, sind für mich besetzte Gebiete. Das alles geschieht neben der willkürlichen Bombardierung und Zerstörung der Infrastruktur und der Belagerung und dem Aushungern der Zivilisten.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie Ihr Fähnchen nach dem Wind drehten. Sie hätten anfangs die von den Saudis geführte Koalition befürwortet und nun kritisieren Sie sie.

Das ist nicht richtig. Die Koalition habe ich nie öffentlich unterstützt. Ich habe die Verbrechen sofort angeprangert, vor allem wenn es um die Bombardierung und Belagerung des jemenitischen Volkes ging. Ich habe immer dazu aufgerufen, das internationale Recht zu achten und Zivilisten die Schrecken des Krieges zu ersparen. Gleichzeitig kritisiere ich den Putsch der Huthi-Miliz und des gestürzten Präsidenten Saleh, der vom Iran unterstützt wurde. Sie haben auch viele Verbrechen am Volk begangen und sind die Hauptursache für diesen Krieg und diese Zerstörung. Im Übrigen haben viele Jemeniten am Anfang kein Problem mit der Koalition gehabt, weil sie ihnen versprochen hat, der legitimen Regierung bei der Zerschlagung der Huthi-Miliz und deren Verbündeten helfen zu wollen. Doch mit der Zeit wurde klar, dass die von Saudi-Arabien geführte Koalition lügt und betrügt und ganz andere, eigene Ziele verfolgte, die nicht mit Hilfe zu tun haben.

Jemen Kindersoldaten (Getty Images/AFP/M. Huwais)

Die Bürgerkriegsparteien rekrutieren laut UN auch Kinder - hier präsentiert die Huthi-Miliz neue Kämpfer (Archiv)

Ihre Kritik an Saudi-Arabien und die VAE hat die "Jemenitische Versammlung für Reform", die Al-Islah-Partei, dazu veranlasst, Ihre Parteimitgliedschaft einzufrieren. Warum hat sie das gemacht? Sie sind ja nicht die Einzige in der Partei, die die Koalition kritisiert.

Die politische Führung des Lands, allen voran die Al-Islah-Partei, aber auch der Präsident, sind Geiseln und Gefangene Saudi-Arabiens. Sie werden politisch und moralisch erpresst. Alles, was sie sagen, wird ihnen von den Saudis und den Emiratis diktiert. Doch die Al-Islah ist keine Privatfirma des saudischen Kronprinzen Mohammad bin Salman. Er kann nicht einfach die Parteiführung inhaftieren, wie er das mit den Prinzen, die mit ihm verwandt sind, also seinen eigenen Cousins getan hat.

"Wir brauchen keine Frauenrevolution"

Ich möchte hier betonen, dass ich eine Menschenrechtsaktivisten bin, ich bin Teil der friedlichen Revolution - das ist meine Partei! Meine Beziehung zur Al-Islah und den anderen jemenitischen Parteien ist von gegenseitigem Respekt geprägt.

Die Frauen nahmen vor sieben Jahren von Anfang an aktiv teil an der Revolution im Jemen. Sie waren auch dabei. In welcher Situation befinden sich heute die Frauen im Jemen?

Die Frauen im Jemen kämpfen heute immer noch gegen die Ungerechtigkeit, trotz der schwierigen Situation. In allen Teilen des Jemen gibt es Fraueninitiativen, um die Leiden zu lindern und den Geflüchteten und armen Familien zu helfen. Trotz alldem sind Frauen im Jemen sehr stark und führen den Kampf gegen die Putschisten und  die Besatzer gleichzeitig. Das beruhigt mich. Aber auf der anderen Seite leidet das ganze Volk, vor allem Frauen und Kinder, unter den Schrecken des Krieges. Wir stehen vor einer Katastrophe gewaltigen Ausmaßes.

Seit einigen Jahren gibt es Bestrebungen in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Tunesien, die Frauenrechte zu stärken. Trotzdem haben Frauen in den meisten arabischen Ländern sehr wenig politischen Einfluss. Wird es nicht langsam Zeit für eine Frauenrevolution in der arabischen Welt?

Nein. Wir brauchen keine Frauenrevolution, damit Frauen ihre Rechte bekommen. Wir müssen uns den Arabischen Frühling zurückholen. Wenn die Völker sich von Diktaturen befreien, bekommen Frauen ihre Rechte, bekommen Männer auch ihre Rechte, jedes Individuum bekommt seine Rechte. Ich bin keine Anhängerin der Trennung von Männer- und Frauenrechten. Alle Menschen müssen alle ihre Rechte bekommen können. Wir sollten nicht in diesen Kategorien denken. Nur so können wir Erfolg haben.

Die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman ist Journalistin und Menschenrechtsaktivistin und Mitglied der islamistischen Oppositionspartei Al-Islah.

Das Gespräch führte Nader Alsarras.

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