Tansanias Wildtier-Korridor Enduimet unter Druck
25. Januar 2026
Am Ortsausgang von Arusha, der Safari-Hauptstadt im Norden Tansanias, führt die Straße weiter in Richtung Kenia. Kurz vor Longido zweigt ein Feldweg in die Savanne ab - etwa an dem Punkt, wo auch die schneebedeckte Silhouette des Kilimandscharo am Horizont erscheint. Er markiert den Eingang zur Enduimet Wildlife Management Area (WMA).
Die 2007 ins Leben gerufene Enduimet WMA grenzt im Südosten an den Kilimandscharo-Nationalpark, im Norden an die kenianische Grenze. In dem Gebiet liegen 11 Maasai-Dörfer, die seit Langem in ein besonderes Modell für den Naturschutz in Tansania eingebunden sind. Demnach gehen etwa 25–33 Prozent der Einnahmen aus Tourismus und Jagd über ein gewähltes Vertretungsgremium direkt an die Dorfbewohner. Im Gegensatz dazu erhalten die Wildreservate nur drei Prozent.
Super-Tusker getötet
In letzter Zeit haben sich jedoch Risse in diesem Naturschutzmodell aufgetan. Zwischen 2023 und 2024 wurden in diesem Gebiet die verbrannten Überreste von fünf "Super-Tuskers" gefunden - das sind Elefantenbullen, deren Stoßzähne jeweils mehr als 45 Kilogramm wiegen. Sie sind äußerst selten: Weniger als 30 Exemplare sind noch am Leben. Laut einer Informantin/ einem Informantin, der darum bat, anonym zu bleiben, wurden die Tiere bei Trophäenjagden getötet, die von der Tanzania Wildlife Management Authority (TAWA) genehmigt worden waren.
"Wir wussten, dass fünf Lizenzen für das Gebiet Enduimet ausgestellt worden waren", sagt der Informant. "Einer der Elefanten war erst 30 Jahre alt und damit im besten Fortpflanzungsalter. Die Tierkörper wurden verbrannt, um eine Identifizierung zu verhindern und einen Medienrummel zu vermeiden." Die Vorfälle brachen mit einer informelle Vereinbarung, die seit fast drei Jahrzehnten Bestand hatte und den Elefanten über den sogenannten Kitenden-Korridor einen sicheren Durchgang zwischen Kenia und Tansania garantierte. Eine Bitte um Stellungnahme der DW ließ die TAWA unbeantwortet.
Eines der Unternehmen, die Jagdgenehmigungen für das Gebiet besitzen, ist Kilombero North Safaris (KNS). Zu seinen Kunden zählt Rick Warren, der designierte Präsident des Dallas Safari Club und eine prominente Persönlichkeit innerhalb der Lobby für die Trophäenjagd um den Safari Club International.
KNS organisierte eine Safari, bei der mindestens zwei der fünf Elefanten getötet wurden. Der Eigentümer, Akram Aziz, ist ein Unternehmer, gegen den in Tansania zuvor 75 Anklagen erhoben worden waren - darunter Geldwäsche, illegaler Besitz von Elfenbein, automatischen Waffen und Munition. Der Fall wurde später mit einer Geldstrafe beigelegt. Das Unternehmen behauptet, "ethische Jagd" zu betreiben - aber die Tötung der Elefanten in Enduimet lässt Zweifel an den tatsächlichen Prioritäten des WMA-Systems in Tansania aufkommen. Die DW hat KNS wegen der Tötungen kontaktiert, aber keine Antwort erhalten.
Bram Büscher, Entwicklungssoziologie an der Universität Wageningen in den Niederlanden, erforscht die Auswirkungen des Schutzes der biologischen Vielfalt: "Seit 1960 hat sich die Zahl der Schutzgebiete mehr als verzehnfacht, und die Mittel für den Naturschutz waren noch nie so hoch wie heute. Dennoch hat sich die Krise des Aussterbens verschärft", sagt Büscher gegenüber der DW und fügt hinzu: "Viele Insekten, Amphibien und kleine Säugetiere verschwinden, aber sie fallen nicht unter die wirtschaftlichen Prioritäten des gegenwärtigen Systems."
Belastung für die Maasai-Gemeinden
Unterdessen berichten lokale Gemeinden in Enduimet von zunehmendem Druck auf ihr Land. Im Juli 2024 erließ die WMA-Behörde von Enduimet acht Räumungsbefehle. Daraufhin kam es zu Protesten, bei denen das lokale Büro der Behörde zerstört wurde.
Navaya Ole Ndaskoi von der tansanischen Nichtregierungsorganisation Pingo Forum sagt dazu: "Nach Informationen, die ich von Quellen vor Ort erhalten habe, haben sich die Maasai von Enduimet stets gegen die Einrichtung dieses Wildschutzgebiets gewehrt."
Wildschutzgebiete wurden in Tansania im Zuge der Reformen im Wildtierbereich in den 1990er-Jahren eingeführt, wobei man sich an "gemeinschaftsbasierten Naturschutzmodellen" orientierte, die die US-Entwicklungsbehörde USAID bereits in Namibia, Sambia und Simbabwe einführt hatte.
Die USAID gehörte in der Pilotphase zu den Hauptgeldgebern und leistete technische Unterstützung für Dörfer, Wildtiermanagementpläne und die Ausbildung von Community Rangers. Die Enduimet WMA ist seit mehr als 15 Jahren eines der wichtigsten Interventionsgebiete der USAID und Teil von Tuhifadhi Maliasili (Swahili für "natürliche Ressourcen erhalten"), einem 30-Millionen-Dollar-Programm für den Zeitraum 2021–2026.
Obwohl Enduimet als von der Gemeinde verwaltetes Gebiet dargestellt wird, gehört das Land den Dörfern nicht wirklich. Es bleibt unter der Treuhandschaft des Präsidenten, sagt eine andere lokale Quelle, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Ansicht, dass die Gemeinden keine wirkliche Entscheidungsgewalt haben, wird von Forschern weitgehend geteilt.
Finanzierung durch den WWF
Aufgrund wiederholter Menschenrechtsverletzungen im Norden Tansanias hat die Europäische Kommission 2024 die Naturschutzfinanzierung für das ostafrikanische Land ausgesetzt. Hingegen ist der World Wildlife Fund for Nature (WWF), insbesondere über seine deutschen und tansanischen Büros, in diesen Gebieten weiterhin im Rahmen des grenzüberschreitenden Projekts SOKNOT-Unganisha ("Südkenia, Nordtansania verbinden") tätig.
Das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert es mit 6,5 Millionen Euro. Private Unternehmen und gemeinnützige Organisationen, darunter Cosnova Beauty, Vonmaehlen und die Michael Otto Foundation, unterstützen die Initiative zum Schutz wichtiger Wildkorridore und der Enduimet-Verbindung zwischen dem Kilimandscharo-Nationalpark und dem kenianischen Amboseli-Nationalpark.
Novati Kessy, Projektmanager beim WWF Tansania, erläutert den Ansatz der Organisation: "Wir entwickeln Alternativen zur Jagd und zeigen, dass durch Ökotourismus viel höhere Einnahmen erzielt werden können." Kernstück des SOKNOT-Unganisha-Programms in der Enduimet WMA ist ein Pilotprojekt zu Wildtier-Krediten im Kitenden-Korridor, das von der britischen Darwin-Initiative mit mehr als 200.000 Euro finanziert und von IKEA bei seiner Ausweitung unterstützt wird.
Laut WWF machen Wildtier-Kredite den Naturschutz zu einem direkten Vorteil für die Gemeinden. Der wirtschaftliche Wert der Kredite ist an das Vorhandensein von Wildtieren gebunden. Die Dörfer erhalten Zahlungen von Spendern, Unternehmen oder Tourismusverbänden, die daran interessiert sind, ihr Profil in den Bereichen Umwelt, Soziales und Regierungsführung zu stärken.
Indigene Rechte ignoriert
Für den Anwalt Joseph Oleshangay, der sich seit Langem mit den Landrechten der Maasai befasst, wirft das Modell Fragen auf. "Es ist kein Zufall, dass an den Orten, an denen der WWF seine Projekte durchführt, oft auch Jäger aktiv sind", sagt er der DW. "Und sie arbeiten mit denselben Behörden zusammen, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, wie beispielsweise TAWA."
Andere internationale Akteure, darunter Survival International, sehen Wildtier-Kredite ebenfalls als eine Form der Kommerzialisierung der Natur, die die Gemeinschaften von Spendern und Tourismusströmen abhängig machen würden, ohne im Gegenzug die strukturellen Belastungen für das Land der Massai anzugehen.
Auf Fragen zur Tätigkeit des WWF in Gebieten, in denen es zu Vertreibungen und Einschränkungen für Maasai-Gemeinschaften kommt, entgegnet Novati Kessy vom WWF: "Wir sind uns bewusst, dass unsere Aktivitäten Konsequenzen oder Risiken für die Gemeinschaften mit sich bringen können. Und wir sind sehr daran interessiert, diese Aspekte zu erfassen, um sie anzugehen." Genau aus diesem Grund habe der WWF wir Richtlinien für den Umgang mit der Umwelt und der lokalen Bevölkerung entwickelt, betont Kessy: "Wir unternehmen nichts, bevor die Gemeinschaften ein angemessenes und tiefgreifendes Verständnis des Projekts erworben haben."
Wie in den Fällen von Pololeti, Ngorongoro und dem Natronsee bleibt auch in Enduimet die Landverteilung das Kernproblem. Für die Maasai, die seit Jahrhunderten ihre Herden zwischen Kenia und Tansania treiben, bedeuten die neuen Grenzen, Genehmigungen und Vorschriften Ausgrenzung. Dabei bilden Elefanten, Giraffen und Zebras die Kulisse einer Landschaft, die zu einem Wirtschaftsgut geworden ist.
Diese Berichterstattung wird vom Pulitzer Center und Investigative Journalism for Europe (IJ4EU) unterstützt.