Taliban zwischen Terror-Strategie und Machtbeteiligung | Asien | DW | 11.06.2021
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Afghanistan

Taliban zwischen Terror-Strategie und Machtbeteiligung

Der IS-Ableger in Afghanistan kann mit Terror keine realistischen Ziele erreichen. Anders die Taliban: Sie dürften zu Partnern des Westens aufsteigen.

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Sie retteten Leben und verloren ihr eigenes: Mindestens zehn Menschen starben, als am vergangenen Dienstagabend Terroristen in ein Camp der Minenräumorganisation "Halo Trust" in der Provinz Baghlan im Norden des Landes eindrangen und das Feuer eröffneten. Fünfzehn weitere Menschen wurden verletzt. Zum Zeitpunkt des Anschlags hielten sich rund 110 Minenräumer in dem Lager auf.

Bei den Opfern handele es sich ausschließlich um Afghanen, erklärte der Geschäftsführer von "Halo Trust", James Cowan, über Twitter. Diese hätten bei ihrer Arbeit ihr Leben riskiert, um dann ermordet zu werden. "Wir könnten diesen Vorfall zum Anlass nehmen und weggehen", erklärte Cowan weiter, zumal sich die internationale Gemeinschaft auf ihren Abzug vorbereite. "Aber: Wir bleiben."

Das afghanische Innenministerium beschuldigte zunächst die militant-islamistischen Taliban. Die aber erklärten auf Twitter, sie hätten mit dem Vorfall nichts zu tun. "Halo Trust" bestätigte das und teilte mit, die Taliban seien den Minenräumern zu Hilfe gekommen. Kurz darauf bekannte sich dann die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu dem Angriff.

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Tatsächlich entspreche der Anschlag der Taktik des afghanischen Ablegers des IS, der sich nach der historischen zentralasiatischen Region "Islamischer Staat in der Provinz Chorasan" (ISKP) nennt, sagt Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (AAN). "Der ISKP folgt einer extremen anti-schiitischen Tendenz, der vor allem Angehörige der - überwiegend schiitischen - Ethnie der Hasara immer wieder zum Opfer fallen." Auch viele Minenräumer von "Halo Trust" gehörten den Hasara an. "Viele Afghanen werfen dem ISKP vor, einen regelrechten Genozid an den Hasara zu betreiben", so Ruttig.

Das ursprüngliche Ziel des ISKP, in Afghanistan ein neues Kalifat zu errichten, hat sich längst als illusorisch erwiesen. Die Dschihadisten haben weite Teile ihrer territorialen Stützpunkte inzwischen verloren und werden zudem von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt, die von deren extremistischer Ideologie und Brutalität abgestoßen sind. An einigen ihrer Taktiken wie etwa der, konfessionelle Konflikte zu schüren, halten die ISKP-Mitglieder aber offenbar weiter fest, wie der Angriff auf das Camp der Minenräumer nahelegt.

"Die Taliban sehen den IS als Konkurrenten und gehen immer wieder gegen ihn vor, so etwa 2019 und 2020 in den Ostprovinzen Nangarhar und Kunar", sagt Thomas Ruttig. "Dabei kooperierten die Taliban mit Regierungstruppen, die ihrerseits von der US-Luftwaffe unterstützt wurden."

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Gleichzeitig untermauern die Taliban ihren Machtanspruch weiterhin mit Gewalt. Am Samstag vor einer Woche töteten sie Erklärungen der afghanischen Regierung zufolge mit einer Sprengfalle im Westen des Landes mindestens elf zivile Passagiere in einem Bus. In der Nacht zu Sonntag attackierten sie ein Bezirkszentrum in der Provinz Farjab im Norden des Landes. Bei dem Anschlag starben mindestens neun Polizisten. Und am Dienstag setzten sie ihre Offensive rund um die Bezirke im Norden des Landes fort, darunter Daulatabad in der Provinz Farjab sowie in Dschaghatu in der südöstlichen Provinz Ghasni.

Derzeit beherrschen die Taliban Informationen des "Long War Journals" zufolge 95 der insgesamt 398 Distrikte des Landes. 96 stehen unter der Kontrolle der Regierung, 207 sind umkämpft. Größere Städte sind bislang nicht von den Taliban erobert worden. Sollte ein solcher Fall drohen, wollen die USA sich laut "New York Times" von der Kabuler Regierung die Erlaubnis für Luftunterstützung der afghanischen Regierungstruppen geben lassen.

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Die Taliban sähen sich als die legitime Regierung des Landes, die im Jahr 2001 durch die US-Invasion gestürzt wurde, umreißt Thomas Ruttig die Motive der Islamisten. Ihren Willen zur Staatsgründung dokumentierten sie in der Folge zunächst durch den Aufbau von - wenn auch rudimentären - Regierungsstrukturen, mit einem System zum Steuereinzug und mit weiterhin von der Regierung bezahlten Gesundheits- und Bildungseinrichtungen in den von ihnen kontrollierten Regionen. "Während der Corona-Pandemie haben sie sich auch bereit erklärt, Impf-Teams internationaler Nicht-Regierungsorganisationen in ihre Gebiete zu lassen", so Ruttig. "Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich diese Teams von ihnen registrieren lassen."

Am vergangenen Montag forderten die Taliban die afghanischen Hilfskräfte der nun abziehenden westlichen Organisationen auf, das Land nicht zu verlassen. Sie sollten "Reue zeigen" und künftig nicht mehr für ausländische Kräfte arbeiten, erklärten sie. Stattdessen sollten sie ihr Fachwissen einbringen, dann würde ihnen nichts geschehen. Die Mehrheit der Zehntausenden von Ortskräften der NATO-Truppen dürfte aber trotz solcher Versprechen einer Zukunft unter erneuter Herrschaft der Taliban bang entgegensehen.

Neben allem Machtanspruch zeigten die Taliban auch Tendenzen zu einer gewissen Mäßigung, sagt Ruttig. "Das betrifft etwa die Bildung von Mädchen. Sie haben erkannt, dass sie nicht durchweg gegen die gesamte Bevölkerung regieren können." Das gesamte System müsse sich am Scharia-Recht ausrichten, das allerdings nicht kodifiziert und deshalb verhandelbar ist.

Thomas Ruttig

Afghanistan-Experte Ruttig: Demokratische Ansätze soweit wie möglich erhalten

... und des Westens

"In der gegenwärtigen Situation kann es für die westlichen Staaten nur darum gehen, die bereits erreichten demokratischen Ansätze zu erhalten. Auch in der afghanischen Regierung gibt es viele Nichtdemokraten, die den Taliban bei einer Machtteilung entgegenkommen könnten", sagt Thomas Ruttig. So hat Human Rights Watch die westlichen Staaten bereits aufgefordert, nicht wegzuschauen, wenn ihre afghanischen Partner in der Kabuler Regierung Menschenrechte missachten. Einfluss könne der Westen vor allem über Finanzhilfen nehmen, sagt Afghanistan-Experte Ruttig. "Denn auf die sind auch die Taliban angewiesen, wenn sie an der Regierung sind - was wohl unvermeidlich ist."

Auf die Zusammenarbeit könne man aber auch darum nicht verzichten, weil 80-90 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben: "Die Hilfe für diese Menschen kann man nicht von der Frage abhängig machen, von wem sie regiert werden."

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