Tadeusz Mazowiecki - ein Europäer der ersten Stunde ist tot | Europa | DW | 28.10.2013
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Europa

Tadeusz Mazowiecki - ein Europäer der ersten Stunde ist tot

Der erste nicht-kommunistische Premierminister Polens Tadeusz Mazowiecki ist tot. Er galt als Vater der Versöhnung. Und als Europäer der ersten Stunde. Ohne ihn wären die deutsch-polnischen Beziehungen nur halb so gut.

Sein Kalender für 2014 war schon voll. Bei keiner großen Feier aus Anlass des 25. Jubiläums des Umbruchs in Mittel- und Osteropa sollte Tadeusz Mazowiecki fehlen. Diverse Vorträge, Besuche, Reisen standen an. Doch dazu kommt es jetzt nicht mehr.

Mazowieckis Verdienst: Eine unblutige Wende

In Polen gilt Mazowiecki vor allem als einer der wichtigsten Väter der polnischen Freiheit und Unabhängigkeit. "Das Unmögliche möglich machen" - das war schon früh Mazowieckis Motto. Als Berater der Gewerkschaft "Solidarnosc" erzwang er 1989 den sogenannten "Runden Tisch". Dort kam es erstmals zu einem Dialog auf Augenhöhe zwischen den kommunistischen Machthabern und den Oppositionellen. Das war der Umbruch für Polen, und er wurde nur dank zahlreicher Kompromisse möglich. Das Schmerzvollste für die Opposition und Mazowiecki: Um die freien Wahlen zu bekommen, mussten die Oppositionellen den Kommunisten zusichern, dass sie auch bei gewonnenen Wahlen die Macht mit ihnen teilen. Die Opposition gewann und Mazowiecki wurde Ministerpräsident.

Doch nur dank dieser Kompromisse gelang die Wende 1989 ohne Blutvergießen. "Ich wollte die Demokratie ohne Vergeltung einführen", sagte Mazowiecki in seinem letzten Interview mit der DW. "Wir waren die Ersten in Europa und ein Vorbild."

Die Grenzfrage - ein Meilenstein

Neben dem friedlichen Systemwechsel in Polen gilt der Durchbruch in den Beziehungen zu Deutschland als der größte Verdienst von Tadeusz Mazowiecki. Dies ist seinem besonders intensiven Kontakt zu Helmut Kohl zu verdanken, der kurz nach dem Fall der Mauer mit der symbolträchtigen Versöhnungsmesse in Kreisau begonnen hatte. Damit bekam die Aussöhnung zwischen den Nachbarn eine neue Qualität, aber sie musste noch einige Hürden nehmen. Vor allem wollte Polen, dass Deutschland die Oder-Neiße-Grenze endgültig anerkennt. "Ich war der Meinung, dass Deutschland ein Recht auf die Wiedervereinigung hat, aber zugleich musste ich dafür sorgen, dass die existenzielle Frage für Polen gelöst ist, und das war die Grenzfrage", erinnerte sich Mazowiecki nach Jahren.

Der ehemalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki (r) und der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l./FDP) treffen sich am Freitag (12.11.2010) zu einem Zeitzeugengespräch im Außenministerium in Berlin. Unter dem Motto Deutschland und Polen - Grenzen überwinden sollte an den 20. Jahrestag der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Grenzvertrages erinnert werden. Foto: Marcel Mettelsiefen dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++

Architekten der Versöhnung: Genscher und Mazowiecki

Helmut Kohl wollte aus innenpolitischen Gründen - kurz vor der Wiedervereinigung - die Anerkennung der Grenze hinauszögern. Es war der Verdienst von Mazowiecki, dass es am Ende klappte und im "Zwei-plus-Vier-Vertrag" festgehalten wurde. "Ohne diesen Vertrag wären wir uns nicht so schnell so nahe gekommen", sagte Mazowiecki später über die deutsch-polnische Annäherung.

Balkan - eine bittere Erfahrung

Nach anderthalb Jahren als Ministerpräsident kandidierte Mazowiecki im Dezember 1990 für das Präsidentenamt und verlor. Danach trat er zurück. 1992 nahm er noch einmal eine wichtige Rolle an - im ehemaligen Jugoslawien. Als UN-Sonderbotschafter sollte er über die Lage der Menschenrechte berichten. Das Massaker in Srebrenica, wo bosnisch-serbische Truppen im Sommer 1995 8000 Menschen ermordeten, desillusionierte Mazowiecki. "Ich bereitete mehrere Berichte vor und mahnte die Lage", erzählte er im DW-Gespräch 2012. "Doch es änderte nichts, die internationale Staatengemeinschaft unternahm nichts, und als es zu dieser Tragödie kam, konnte ich nur eins tun: Zurücktreten aus Protest und damit die Aufmerksamkeit darauf lenken."

Über Mazowiecki sagt man, er sei "ein polnischer Romantiker" gewesen. Doch seiner Romantik wohnte eine hohe Pragmatik inne. Denn in jeder Lage suchte er nach einem Dialog und einer Lösung. Konfliktreiche Konfrontationen waren nicht seine Sache. Das Unmögliche möglich machen mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen - das war seine Devise. Er hat seinem Land und Europa große Dienste erwiesen. Am Montag (28.10.2013) starb Tadeusz Mazowiecki im Alter von 86 Jahren in Warschau.

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