Türkei zwingt Russland zum Drahtseilakt | Welt | DW | 15.10.2019
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Syrienkrieg

Türkei zwingt Russland zum Drahtseilakt

Die türkische Offensive in Nordsyrien bringt Russland in eine schwierige Situation. Seine Loyalität gilt Syriens Machthaber Assad, doch auch mit der Türkei und den Kurden will es sich Moskau nicht verscherzen.

Russlands Präsident Wladimir Putin verurteilte die türkische Militäroffensive in Nordsyrien nicht offen - aber es ist klar erkennbar, dass er über die Operation wenig erfreut ist. Wie der Kreml mitteilte, telefonierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kurz vor dem Beginn der Offensive mit Putin. Dabei habe Putin "seine türkischen Partner dazu aufgefordert, ihre Handlungen mit Bedacht abzuwägen, um gemeinsame Fortschritte in der Syrien-Krise nicht zu gefährden".

Ein oft wiederholtes Mantra ist der russische Ruf nach Syriens "territorialer Integrität" und Souveränität. Dem Vernehmen nach seien sich Erdogan und Putin darin bei dem Telefongespräch einig gewesen.

Nach Einschätzung von Beobachtern in Moskau ist die Offensive für Russland ein größeres Problem, als die Stellungnahmen aus dem Kreml glauben machen wollen. Wjatscheslaw Matusow, ehemaliger Diplomat und Kenner des Nahen Ostens, sagte der Deutschen Welle: "Die türkische Militärinvasion ist nicht in russischem Interesse, da Russland der Ansicht ist, die syrische Regierung sollte auf syrischem Gebiet selbst für Ordnung sorgen." Russlands Ziel für die Lösung des Syrienkonflikts ist die Kontrolle des gesamten Staatsgebiets durch die Führung in Damaskus.

Syrien Damaskus Russische Militärpolizei (picture-alliance/Photoshot/M. Memeri)

Seit vier Jahren unterstützt Russlands Militär den syrischen Machthaber Assad - hier 2018 nahe der Stadt Douma

Russische Truppen griffen 2015 in den Syrienkrieg ein, um die Regierung von Machthaber Baschar al-Assad zu stärken - mit Erfolg. Am Sonntag bezeichnete Putin alle ausländischen Truppen in Syrien, die nicht explizit von Assads Regierung um Unterstützung gebeten worden waren, als illegitime Besatzer und forderte sie zum Abzug aus Syrien auf. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meinte er damit US-Truppen - aber vermutlich auch türkische.

Gleichzeitig zeigte Russland wiederholt Verständnis für die Sicherheitsbedenken der Türkei wegen der Präsenz und der Stärke der Kurdenmiliz YPG im Nordosten Syriens. "Seit Beginn der Syrien-Krise haben wir deutlich gemacht, dass wir die berechtigten Sorgen der Türkei um die Sicherheit der eigenen Grenzen verstehen", sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag, einen Tag nach Beginn der Offensive. Diese Haltung Moskaus habe sich nicht geändert, hieß es.

Schwierige Gratwanderung

Wenn diese Aussagen widersprüchlich erscheinen, liegt das daran, dass sie den diplomatischen Drahtseilakt Russlands widerspiegeln. Das Land versucht sich als Vermittler in dem Konflikt zu positionieren - besonders, da die USA signalisiert haben, sie könnten sich militärisch komplett aus Syrien zurückziehen.

"Diese Operation bringt Russland in eine sehr unbequeme Position", sagt Alexander Golz, ein unabhängiger Experte für russisches Militär. "Russland muss taktieren, um nicht die Beziehungen mit der Türkei zu gefährden, aber auch nicht die Beziehungen mit den Kurden, und um die Beziehungen zu Assad aufrechtzuerhalten."

Am Wochenende einigten sich die kurdischen Kräfte mit der syrischen Regierung darauf, gemeinsam die türkische Offensive abzuwehren. Letztlich bedeutet es, dass die Kurden die Kontrolle einiger grenznaher Städte im Norden an von Russland unterstützte Einheiten der syrischen Armee übergeben. Russland soll in den Verhandlungen vermittelt haben.

Der Analyst Wjatscheslaw Matsutow argumentiert, die Versprechen der USA auf eine kurdische Autonomie hätten bislang verhindert, die Kurden wieder in Syrien einzugliedern. Angesichts des Rückzugs der US-Truppen und der Bedrohung durch die türkische Invasion wendeten sich die Kurden nun an Damaskus.

Russisches Flugabwehrsystem S-400 für Türkei (picture-alliance/dpa/Russian Defence Ministry)

Erst vor Kurzem lieferte Russland sein Flugabwehrsystem S-400 an die Türkei - zum Ärger der NATO-Partner

Russland will es sich aber auch mit der Türkei nicht verderben. Im Syrienkonflikt stehen die beiden Länder zwar auf verschiedenen Seiten - Russland unterstützt die syrische Regierung, die Türkei die Opposition. Trotzdem bleiben die Präsidenten Putin und Erdogan in engem Kontakt. Im Rahmen der Friedensgespräche in Kasachstan traf sich Putin regelmäßig mit türkischen Vertretern, allein in diesem Jahr gab es mehrere bilaterale Treffen zwischen Putin und Erdogan. Und kürzlich schloss die Türkei den Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 ab, trotz Kritik der Verbündeten in der NATO.

Der russische Nahost-Experte Andrej Ontikow bekräftigt, dass Russland die USA langfristig gesehen aus dem Syrienkonflikt heraushalten möchte. Obwohl auch die Türkei und Russland in der Syrienfrage nicht einer Meinung seien, sei die Türkei für Moskau ein angenehmerer Verhandlungspartner als die USA, sagt Ontikow. "Wenn wir [in Russland] zwischen der Türkei und den USA zu wählen haben, nehmen wir die Türkei. Und wir werden alles daran setzen, die USA aus dem syrischen Staatsgebiet zu entfernen", sagte er der DW. Mit der Türkei gebe es die Aussicht auf einen "konstruktiven Dialog" zum Thema Syrien, mit den Amerikanern dagegen nicht.

Bedrohung durch Terroristen

Doch die türkische Militäroffensive gegen die Kurden ist für Russland mehr als nur eine diplomatische Fingerübung. Russland betrachtet die Terrormiliz "Islamischer Staat" als ernstes Risiko für seine eigene nationale Sicherheit.

Noch am Freitag warnte Putin davor, IS-Kämpfer könnten im Zuge der Offensive aus von Kurden bewachten Gefangenenlagern fliehen. "Ich bin mir nicht sicher, ob und wie schnell die türkische Armee die Situation unter Kontrolle bringen kann", sagte der russische Präsident, "das ist für uns eine reale Bedrohung." Am Wochenende sollte sich die Befürchtung bewahrheiten: Mehreren hundert IS-Angehörigen gelang in den Wirren der Militäroffensive die Flucht aus einem Lager.

Der Syrienkenner Andrej Ontikow bezeichnet Russlands Drängen auf Stabilität in dem Land deshalb als "banalen Pragmatismus". Viele IS-Kämpfer in Syrien stammen aus der unmittelbaren Nähe Russlands - der nördlichen Kaukasusregion an der Südgrenze Russland und aus Nachbarstaaten in Zentralasien. "Wenn die Lage [in Syrien] ruhig ist, ist Russland aus dem Süden nicht bedroht", sagt Ontikov.

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Türkei-Offensive: Die Not der Zivilisten

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