Türkei: Wissenschaftler warnen vor Kanal Istanbul | Europa | DW | 16.01.2020
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Europa

Türkei: Wissenschaftler warnen vor Kanal Istanbul

Präsident Erdogan will in Istanbul einen zweiten Bosporus schaffen. Der Bau sei unbedenklich für die Natur, lautet die Einschätzung der Regierung. Wissenschaftler kommen jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis.

Der geplante Kanal Istanbul soll eine Alternative zum Bosporus (Foto) werden

Der geplante "Kanal Istanbul" soll eine Alternative zum Bosporus (Foto) werden

Die türkische Regierung plant den Bau eines zweiten Schiffahrtsweges zwischen Marmarameer und Schwarzem Meer. Der Kanal Istanbul soll sich mitten durch die 16-Millionen-Metropole schlängeln. Im Westen der Stadt soll der künstlich angelegte 45-Kilometer-Kanal parallel zum Bosporus entstehen. Man wolle den intensiven Schiffsverkehr auf dem Bosporus entlasten und Unfälle vermeiden, heißt es aus Regierungskreisen.

Vorausgegangen ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung (CED) des Ministeriums für Umwelt und Städtebau, das das Bauvorhaben geprüft und als "positiv" eingeschätzt hatte. Doch Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu, Stadtbewohner und Wissenschaftler kritisieren das Bauvorhaben - die hohen Baukosten und schweren Umweltbedenken seien verheerend, heißt es immer wieder.

40 Wissenschaftler und einige Politiker haben sich auf einer Experten-Konferenz in Istanbul versammelt, um mögliche Folgen des Kanals für die Umwelt zu analysieren. Sie prognostizierten verheerende Auswirkungen, falls der Kanal-Bau verwirklicht wird. Auch kamen sie zu der Einschätzung, dass die CED-Prüfung nicht wissenschaftlichen Maßstäben entspräche. 

Karte Istanbul-Kanal

Wie wird sich der Kanal auf Wasserressourcen und Wälder auswirken?

Eines der gewichtigsten Argumente gegen den Bau des Kanals ist, dass die Wasserressourcen und die Wälder im Norden der Stadt vernichtet würden. Laut des CED-Berichts wird das Wasser, das durch den Kanal verloren ginge, durch den geplanten Bau des Melen-Staudamms kompensiert - eines weiteren Mega-Projekts, das östlich von Istanbul entstehen soll.

Doganay Tolunay, Umweltexperte der Universität Istanbul, geht jedoch davon aus, dass die Trinkwassergewinnung durch den Damm nicht ausreichen würde, um die Zerstörung der Süßwasser-Reservoirs, die sich in der Gegend befinden, auszugleichen.

Von Seiten der Regierung heißt es, dass für den neuen Kanal rund 200.000 Bäume gefällt werden müssten. Auch dieser Schätzung wiederspricht Tolunay: "Es sieht viel eher danach aus, dass es 400.000 Bäume werden." Das sei ein Verlust von 450 Hektar Wald, so der Ökologe.

Wird das Erdbebenrisiko zunehmen?

Die größte Stadt der Türkei ist stark erdbebengefährdet. Laut CED-Bericht befänden sich die tektonischen Verwerfungen jedoch weit genug vom neuen Kanal entfernt, weshalb keine Gefahr bestehe. Haluk Eyidogan, Professor für Geophysik an der Technischen Universität in Istanbul widerspricht dieser Behauptung entschlossen. Der Kanal werde das Erdbebenrisiko erhöhen, meint er: "Die zentrale Marmara-Verwerfung ist nur rund zwölf Kilometer vom geplanten Kanal entfernt. Es wird damit gerechnet, dass es im Istanbuler Raum in den nächsten 30 Jahren zu einem Erdbeben mit einer Mindeststärke von 7,0 kommen könnte. Am geplanten Kanal, direkt in der Nähe der Verwerfungen, werden neue Siedlungen entstehen. Das Risiko für die Menschen wird sich erheblich erhöhen."

Wie viel kostet das Projekt?

Laut CED-Bericht werden sich die Kosten des Kanals auf knapp 11,5 Milliarden Euro belaufen. Zudem sollen sich entlang des Kanals rund 500.000 Menschen ansiedeln. Pelin Giritlioglu, Expertin für öffentliche Verwaltung an der Universität Istanbul, hält diese Zahlen für unrealistisch.

"In dem Bericht ist nicht viel über die Kosten zu lesen. Doch alleine die acht Brücken, die größer als die neue Bosporus-Brücke werden sollen, würden Unsummen verschlingen. Und deren Kosten liegen bereits bei 2,5 Milliarden Dollar. Warum geben wir dieses Geld überhaupt aus?" Das Geld sei besser in der Förderung von Schulbildung aufgehoben, so die Professorin.

Experten-Konferenz in Istanbul zum Bauvorhaben Kanal Istanbul (10.01.2020)

Experten-Konferenz in Istanbul zum Bauvorhaben Kanal Istanbul (10.01.2020)

Wie wird der Kanal die Tierwelt beeinflussen?

Der Ökologe und Naturschutz-Direktor der Umweltschutzorganisation WWF, Sedat Kalem, sieht enorme Risiken für die Natur. "Das Ökosystem von Istanbul hat eine reichere Flora als ganze Länder wie die Niederlande oder England. So ein Bauprojekt lässt sich nicht im Einklang mit der Natur durchführen. Eine große Anzahl von Pflanzenarten, einschließlich seltener und gefährdeter Arten, wäre vom Aussterben bedroht. Vögeln, Säugetieren und anderen Lebewesen würden wichtige Brut-, Wander- und Überwinterungsgebiete - wie die Seen Kücükcekmece, Sazlidere und Terkos - verloren gehen. Die Population dieser Tiere würde sich in der Region Istanbul erheblich reduzieren."

Was bedeutet die Eröffnung des Kanals für den Verkehr auf dem Bosporus?

Das erklärte Hauptziel des Projekts ist es, die Verkehrsbelastung auf dem Bosporus zu verringern, argumentiert die Regierung. Doch Verkehrsexperte Haluk Gercek weist darauf hin, dass die Unfälle auf dem alten Schifffahrtsweg in letzter Zeit sowieso abgenommen hätten. "Der Verkehr auf dem Bosporus, der als Grund für den Bau des Kanals angesehen wird, nimmt tendenziell ab. Der Rückgang der Ölreserven, Russlands Ölexporte, die vermehrt in die Ostsee gehen, der Ausbau von Pipelines und die zunehmende Größe der Schiffe haben den Verkehr im Bosporus verringert."

Der Ökologe Derin Orhon von der Universität des Nahen Ostens verweist zudem darauf, dass der Kanalbau die Durchfahrten von Schiffen nicht erleichtern würde. Die Kanaltiefe soll bei 25 Metern liegen - das reicht nicht für die Durchfahrt von Fracht- und Öltankschiffen, so Orhon. Das Projekt sei eine reine "Fehler-Komödie".

Wie wird sich der Kanal auf das ökologische Gleichgewicht auswirken?

Cemal Saydam - pensionierter Professor der Hacettepe Universität - erklärt, dass der neue Kanal die Wasserqualität im Marmarameer immens erhöhen wird: "Das Gewässer ist seit Geburt an das kranke Kind des Schwarzen Meeres und der Ägäis. Nur durch den frischen Wasserzufluss aus dem Norden, der in das Marmarameer strömt, wird es zu einem fruchtbaren Meer. Nun aber soll der Zufluss aus dem Schwarzen Meer (durch den Bau eines Hafens an der Mündung des Kanals) aufgefüllt werden. Dadurch wird die Strömung zusätzliche Sedimente ins Marmarameer befördern. Kurz gesagt: Wenn sie diesem System einen zweiten Kanal hinzufügen, wird das ökologische Gleichgewicht erheblich gestört."

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