Türkei: Trotz Rekordinflation - Zentralbank senkt Leitzins | Wirtschaft | DW | 18.11.2021
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Geldpolitik

Türkei: Trotz Rekordinflation - Zentralbank senkt Leitzins

Die türkische Lira ist so schwach wie noch nie. Das macht den Menschen zu schaffen. Mit einer Niedrigzinspolitik steuert Erdogan dagegen. Experten halten diese Methode für fatal.

In Istanbul liegt seit Einbruch der kalten Monate ein ungewöhnlicher Geruch in der Luft. Seitdem die Rohstoff- und Energiekosten explodiert sind, heizen viele ihr Heim mit Kohle oder Holz - Erdgas ist zurzeit eine kostspielige Luxusressource. Die Einwohner der 15-Millionen-Metropole Istanbul sind besorgt, dass der zunehmende Rauch verbrannter Kohle bald gesundheitsgefährdend ist - schon jetzt ist die Bosporus-Metropole an manchen Tagen in Smog gehüllt.

Der Grund für die hohen Preise auf dem Energiemarkt ist die Währungskrise, die in der Türkei seit nunmehr drei Jahren grassiert. Die hohe Inflation von 19,89 Prozent setzt die türkische Lira unter Druck. Die Währung befindet sich seit Jahren im Sinkflug und erreichte zuletzt praktisch täglich neue Tiefststände: Für einen Dollar müssen mittlerweile gut elf Lira gezahlt werden. Erstmals in der türkischen Geschichte wurde damit die Zehn-Lira-Grenze überschritten - seit Jahresbeginn hat die Währung gegenüber dem Dollar über 40 Prozent verloren, allein in dieser Woche betrug das Minus über elf Prozent.

Geschlossene Läden in Istanbul als Folge der hohen Inflation

Geschlossene Läden in Istanbul als Folge der hohen Inflation

Zentralbank senkt den Leitzins weiter

In der türkischen Bevölkerung wächst der Unmut darüber, dass die Politik jahrelang die Turbo-Inflation und die damit verbundenen Preisschwankungen nicht in den Griff bekommen hat. Die Lösungsansätze der türkischen Regierung, sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Geldpolitik, laufen ins Leere.

Ungeachtet dessen hat die türkische Zentralbank am Donnerstag einen weiteren Versuch unternommen, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen: Auf einer Sitzung der Zentralbank wurde beschlossen, dass der Zinssatz von 16 auf 15 Prozent gesenkt wird - zugleich wurde für Dezember eine weitere Lockerung der Geldpolitik nicht ausgeschlossen. Erst im Oktober hatten die Währungshüter den Schlüsselsatz um zwei Prozentpunkte nach unten gesetzt.

Türkische Zentralbank: In den Fängen Erdogans

Der Kurs wird maßgeblich von Staatspräsident Erdogan beeinflusst, der als erklärter Gegner hoher Zinsen gilt. Wiederholt hat der türkische Präsident das Spitzenpersonal der Notenbank ausgewechselt, sofern es nicht seine geldpolitische Agenda umgesetzt hat. Den Leitzins im Falle einer Inflation zu senken, ist nach der gängigen Wirtschaftslehre jedoch unüblich - normalerweise bekämpfen Notenbanken eine zu hohe Inflation mit einer Anhebung des Zinsniveaus. 

Obwohl Wirtschaftsexperten Erdogans Vorgehen stark kritisieren, lässt der sich nicht von seinem Mantra - "Zinsen sind die Ursache, Inflation das Resultat"- abbringen.

Auch Expertin Gülay Elif Yildirim kritisiert, dass Erdogans Geldpolitik nicht von akademischen Studien gestützt wird. "Wir sehen, dass die Zinssenkungen fortgesetzt werden (…). Das Schlimmste daran ist, dass zuletzt Zentralbanken auf der ganzen Welt die Leitzinsen erhöht haben - wir hingegen haben dieser Tage eine Politik in die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen."

Türkische Lira immer wertloser

Besonders die schwache Lira sei ein ernstzunehmendes Problem, urteilt Yildirim. Die Zehn-Lira-Schwelle (Wechselkurs zum US-Dollar), die zuletzt überschritten wurde, habe eine psychologische Bedeutung: "Wir haben dieses Niveau noch nie zuvor gesehen." Nach dieser Grenzüberschreitung könne man den Trend nicht mehr rückgängig machen, so Yildirim.

Wenn das Geld weniger wert ist...Ein Türke zählt Lira-Scheine

Wenn das Geld weniger wert ist - ein Türke zählt Lira-Scheine

Der Ökonom Soner Kuru verweist darauf, dass sich der Markt und die Menschen bereits darauf eingestellt hätten, dass Zinssenkungen langfristig fortgesetzt werden. "Die Menschen versuchen nun alles, um ihr Geld vor der Inflation zu retten. Aber selbst wenn der Sparer nun Gold kauft, führt dies indirekt zu einer Steigerung des Wechselkurses", da auch das Edelmetall vom Dollar abhängig sei, erklärte er.

"US-Dollar unter dem Kopfkissen"

Die Menschen in der Türkei seien bereits seit 2013 mit ständig steigenden Dollar-Preisen konfrontiert, meint Kuru. Immer mehr Menschen würden jetzt versuchen, mithilfe der Fremdwährung ihr Vermögen zu sichern. "Die Leute werden zukünftig häufiger mit Dollar-Noten unter dem Kopfkissen schlafen", sagt Kuru. "Wir befinden uns in einer Zeit, in der sogar Leute, die nie Geschäfte mit Dollar machten, nun in dieser Währung einen sicheren Hafen sehen."

Auch wenn zahlreiche Experten auf die heftige Inflation, die Preisschwankungen und die unorthodoxe Geldpolitik der Zentralbank kritisieren, macht die türkische Wirtschaft auch positive Schlagzeilen: Während die Geldentwertung sich im Inland problematisch auswirkt, profitieren ausländische Exporteure und Investoren von der schwachen Lira.

Teils abhängig davon, kann sich die Wachstumsrate der türkischen Wirtschaft sehen lassen: Nach Angaben des türkischen Statistikinstituts (TÜiK) ist die türkische Wirtschaft im zweiten Quartal 2021 um 21,7 Prozent gewachsen - die höchste Wachstumsrate seit 1999. Ein Aufschwung, der jedoch nicht im Geldbeutel der türkischen Bevölkerung ankommt - besonders Grundnahrungsmittel, deren Preise in den letzten Monaten exorbitant in die Höhe geschossen sind, sorgen auf türkischen Märkten für Unmut. 

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