Türkei hofft auf deutsche Urlauber | Europa | DW | 13.06.2021
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Tourismus in der Corona-Pandemie

Türkei hofft auf deutsche Urlauber

Die Corona-Pandemie sorgte für Milliardenverluste im türkischen Tourismussektor. Die deutsche Regierung lockerte nun Reisebeschränkungen für deutsche Türkei-Urlauber. Die krisengebeutelte Branche schöpft wieder Hoffnung.

Der vergangene Sommer war ein Fiasko für den Tourismus in der Türkei - einen der wichtigsten Industriezweige des Landes. 2020 blieben wegen der Corona-Pandemie und der weltweiten Reisebeschränkungen viele Touristen zu Hause. Nach Angaben des Türkischen Statistikamts (TUIK) kamen 15,8 Millionen Touristen weniger, das ist ein Rückgang von fast 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Lange rechneten nur wenige Reiseveranstalter in der Türkei damit, dass die diesjährige Urlaubssaison besser wird. Doch nun schöpft die Branche wieder Hoffnung. Die Infektionszahlen in der Türkei sind in den letzten Wochen stark gesunken, zurzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 51. Deshalb stuft das Auswärtige Amt die Türkei nicht mehr als "Hochinzidenzgebiet" ein, sondern nur noch als "Risikogebiet". Dadurch fallen Reisebeschränkungen weg; so gilt für Reiserückkehrer aus der Türkei seit dem 6. Juni keine Quarantänepflicht mehr.

Video ansehen 02:52

Türkei: Schwieriger Start für Tourismussaison oder: Warten auf die Urlauber

Kommen die deutschen Touristen?

Reisebüros, Ferienanlagen und Hotels hoffen nun auf möglichst viele deutsche Touristen. Fatih Senel, Vorstand des Verbandes türkischer Reisebüros in Deutschland (COOP TRR), blickt optimistisch auf die bevorstehende Tourismussaison. "Die Zahl der COVID-19-Infektionen ist in der Türkei stark zurückgegangen, es reicht jetzt für Reiserückkehrer, ein negatives Testergebnis aus der Türkei vorzuweisen - Geimpfte müssen sich gar nicht mehr testen lassen". All das führe dazu, dass die Nachfrage steigt. "Aufgrund der Lockerung der Reisebeschränkungen ist eindeutig ein reger Buchungsfluss zu beobachten", berichtet Senel.

Dennoch müsse man erst noch abwarten, wie sich die Verkäufe zwischen Juni und August entwickeln. Auch sei man in der Branche besorgt, dass eine Coronavirus-Mutation den Reiseveranstaltern doch noch einen Strich durch die Rechnung macht. "Doch wenn der jetzige Trend anhält," so Senel, "dann glauben wir, dass die Verkäufe in den nächsten zwei oder drei Wochen klar zunehmen".

Niveau vor der Pandemie "unmöglich zu erreichen"

Cem Polatoglu, Sprecher der Plattform türkischer Reiseveranstalter, ist weit weniger optimistisch. Er verweist darauf, dass es sich bei den zuletzt eingegangenen Buchungen aus Deutschland um Last-Minute-Kunden handele.

Türkei Tourismus-Experte Cem Polatoglu

Wir werden das Niveau vor der Pandemie nicht erreichen, meint Polatoglu

Langfristig sei mit viel weniger Touristen zu rechnen als in den Jahren vor der Pandemie, so die Prognose des Fachmanns.

"Wir werden kein Niveau erreichen, das unsere Verluste ausgleicht. Die Zahlen werden nicht mit der Saison im Jahr 2019 - vor der Pandemie - vergleichbar sein. Damals haben wir 36 Milliarden US-Dollar durch den Tourismus eingenommen und 55 Millionen Touristen beherbergt. Fünfeinhalb Millionen davon waren deutsche Touristen, rund fünf Millionen kamen aus Russland. Dieses Niveau zu erreichen ist unmöglich".

Anbieter hoffen auf Verlängerung der Urlaubssaison

Nach Angaben Polatoglus könne man sich glücklich schätzen, wenn man das Niveau aus dem vergangenen Jahr erreicht, nämlich ungefähr zehn Millionen Touristen. "Dieses Jahr wurde die Tourismussaison sehr spät eröffnet. Unsere einzige Hoffnung liegt darin, dass die Saison bis September, Oktober oder sogar bis November verlängert wird. Vielleicht können wir dadurch einen Teil unserer Verluste decken". Polatoglu geht davon aus, dass die schlechten Einnahmen während der Pandemie die Branche noch viele Jahre vor Herausforderungen stellen werde.

Die Lockerungen der Reisebeschränkungen, die von der deutschen Regierung beschlossen wurden, seien dennoch ein Hoffnungsschimmer, findet Polatoglu. "Wir gehen davon aus, dass sehr bald deutsche Urlauber in türkischen Hotels, vielleicht sogar bis in den November hinein, beherbergt werden können". Um einen Aufwärtstrend in der Tourismusbranche zu erzielen, müssten aber auch russische Touristen die Türkei als Urlaubsziel wieder ansteuern, ergänzt der Reiseexperte. Mitte April schränkte der Kreml Flugreisen in die Türkei ein. Bis einschließlich 21. Juni dürfen russische Reiseveranstalter keine Urlaubsreisen in die Türkei anbieten.

Hoffen auch auf russische Urlauber

Das Verbot könnte aber schon bald aufgehoben werden. Wie das türkische Tourismusministerium zuletzt ankündigte, werde sehr bald eine Delegation aus Russland erwartet, die sich ein Bild von den Corona-Sicherheitsmaßnahmen in türkischen Hotels und bei Ferienanbietern macht. Polatoglu erinnert jedoch daran, dass Russlands Entscheidung auch politisch motiviert sei. Der kommende NATO-Gipfel am 14. Juni - bei dem sich die Türkei in einigen politischen Streitfragen für oder gegen Russland positionieren muss - sei seiner Meinung nach ausschlaggebend. 

In der Türkei galt vor kurzem noch ein strenger Lockdown. Bis zum 17. Mai mussten alle Betriebe schließen, darunter auch Restaurants und Cafés. Bürger durften ihre Wohnungen nur noch aus triftigen Gründen verlassen, etwa zum Einkaufen. Die Regierung versuchte, mit den radikalen Maßnahmen die Corona-Inzidenz zu senken und die Tourismussaison zu retten. Für viele Gäste aus Europa und Russland ist die Türkei eines der beliebtesten Urlaubsziele. Sie spülen normalerweise viel Geld in die Kassen und beleben die kriselnde Wirtschaft.

Aus dem Türkischen adaptiert von Daniel Derya Bellut.