Türkei: Familien suchen verschleppte Angehörige | Europa | DW | 04.08.2019
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Justiz

Türkei: Familien suchen verschleppte Angehörige

Nach dem Putschversuch in der Türkei wurden über Hundertausend Menschen aus ihren Jobs entlassen - einige sollen verschleppt und gefoltert worden sein. Bis heute fehlt von manchen Personen jede Spur.

"Er wird nicht vermisst, sondern er wurde verschleppt. Seit dem 19. Februar suchen wir überall unseren Sohn Mustafa Yılmaz. Es gibt keinen Ort, den wir ausgelassen haben. Immer standen wir vor verschlossenen Türen. Nur fünf Parlamentarier haben sich um uns gekümmert. Wo bleibt die Menschlichkeit, wo bleibt das Gewissen?"

Nevin Yilmaz sucht seit einem halben Jahr ihren Sohn Mustafa. Er sei wie vom Erdboden verschwunden, sagt Yilmaz. Seit Monaten fragt sie sich, was ihm vorgeworfen wird. Sie habe sowohl im Innen- als auch im Justizministerium um Unterstützung gebeten, sagt Yilmaz der DW.

Nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 wurden Hunderttausende Leute, die in Behörden arbeiteten, aus dem Dienst entlassen. Mustafa Yılmaz ist einer ihnen. Im Februar verschwand er, so wie auch fünf weitere Menschen. Salim Zeybek, Erkan Irmak, Yasin Ugan, Özgür Kaya, Gökhan Türkmen und Mustafa Yılmaz verschwanden im Februar in Ankara an verschiedenen Tagen. 

Die Angehörigen der Vermissten, Politiker sowie Vereine aus der Zivilgesellschaft sind fest davon überzeugt, dass diese sechs von den türkischen Sicherheitsbehörden als Anhänger der Gülen-Bewegung eingestuft wurden. Anhängern der Bewegung wird vorgeworfen, Drahtzieher des versuchten Putsches zu sein. Die Familien konnten sich mit ihrem Anliegen bei offiziellen Stellen kein Gehör verschaffen.

Ehefrau Sümeyye Yılmaz, Vater Ismail Yılmaz und Mutter Nevin Yılmaz sind überzeugt, dass Mustafa verschleppt wurde

Ehefrau Sümeyye Yılmaz, Vater Ismail Yılmaz und Mutter Nevin Yılmaz sind überzeugt, dass Mustafa verschleppt wurde

Sie sind auf einmal verschwunden

Über ein halbes Jahr haben die Familien nichts von ihren Angehörigen gehört - bis sie am Abend des 28. Juli einen Anruf von der Polizei bekamen. Den Familien von Salim Zeybek, Özgür Kaya, Erkan Irmak und Yasin Ugan wurde mitgeteilt, dass sich die Vermissten in Ankara bei der Behörde zur Terrorabwehr befinden. Doch wo sich die Verschleppten sich in den vergangenen sechs Monaten aufgehalten haben, ist derzeit noch unklar. Wenn die Verhöre beendet sind und sie zu ihren Familien zurückkehren dürfen, wird das Geheimnis ihres Aufenthaltsortes gelüftet.

Dass vier der Vermissten auf einmal auf der "Bildfläche" erschienen, sei an Merkwürdigkeit kaum zu überbieten, sagt Anwalt Emir Seydi Kaya. "Wie sie genau verschleppt wurden und wer die Verantwortlichen sind, ist nicht bekannt. Und viel wichtiger ist die Frage, wo sich die Personen befunden haben und welchen Maßnahmen und Verhören sie unterzogen wurden. Das muss in aller Deutlichkeit aufgeklärt werden."

Die Familien haben ihr Leid über die sozialen Medien in die Öffentlichkeit getragen. Der Abgeordnete der pro-kurdischen Partei HDP, Ömer Faruk Gergerlioğlu, hat sich der Angelegenheit angenommen. Dass gleich vier Vermisste auf einmal in einem Polizeirevier auftauchten, sieht der Politiker ebenfalls kritisch. Auch, dass zwei Vermisste immer noch nicht aufgetaucht sind, erwecke den Eindruck einer "Entführung", so Gergerlioğlu. Von Gökhan Türkmen und Mustafa Yılmaz fehlt immer noch jede Spur.

"Ich habe die Familien besucht, in der Nachbarschaft mit Zeugen gesprochen. Sie sagten, dass Männer kamen, sich als Polizeibeamte ausgaben und sie einfach entführten. Dies alles unter den Augen der Angehörigen", sagt Gergerlioğlu der DW. Die Polizei bestreitet diese Vorwürfe vehement.

"Eine Spezialeinheit innerhalb des Staates"

Der Verein für Menschenrechte IHD, der Anwaltsverein der Stadt Ankara und andere Organisationen haben in den vergangenen sechs Monate zahlreiche Anträge beim Innenministerium gestellt. Der Vorsitzende des Menschenrechtsvereins Öztürk Türkdoğan sagt: "Wir sind bis zur Menschenrechtskommission des Türkischen Parlaments gegangen, wir wollten, dass die Ministerien des Innern und der Justiz aktiv werden. Wir haben gewartet, bis die Staatsanwaltschaft, die Akten fertig hatte. Aber immer blieb alles im Dunkeln."

Nach Gesprächen mit Staatsbediensteten und Sicherheitsbehörden geht Türkdoğan ebenfalls von einer Entführung aus und ergänzt: "Wir sind uns sicher, dass Spezialeinheiten des Staates diese Entführungen durchführen. Diese Einheit scheint unberührbar zu sein!"

"Wie eine Tote die lebt"

Es ist wichtig aufzuklären wo sich die Personen befunden haben und welche Verhöre an ihnen vollzogen wurden so der Anwalt Kaya

Anwalt Emir Seydi Kaya fordert Aufklärung im Fall der verschwundenen Personen

Vier Personen sind in Gewahrsam, doch wo sind die verbliebenen zwei Personen? Seitens der Behörden gibt es dazu allerdings keine Antwort. Die Familien sind beunruhigt. "Ich bin verzweifelt. Ich bin wie eine Tote, die lebt!" sagt Sümeyye Yılmaz, die Ehefrau von Mustafa Yilmaz. "Für mich wird immer deutlicher, dass mein Mann in den Händen einer staatlichen Organisation ist. Ich erwarte die Unterstützung der türkischen Regierung und der ganzen Welt, damit mein Mann gefunden wird." 

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat in einem Bericht zahlreiche Fälle dokumentiert, wonach es in der Türkei nach dem 15.Juli 2016 zu "Entführungen und systematischer Folter" gekommen sei. "Beweise, dass Menschen in Polizeigewahrsam gefoltert würden" hätten ihren Informationen nach zugenommen.

 

©Deutsche Welle Türkçe 

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