Syriens Wirtschaft am Boden zerstört | Wirtschaft | DW | 01.11.2013
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Wirtschaft

Syriens Wirtschaft am Boden zerstört

Ob Ölförderung, Bergbau oder Textilindustrie: Der Krieg hat Syriens Ökonomie zu Grunde gerichtet. Einzig die Landwirtschaft kann zulegen. Geld verdienen momentan nur Schmuggler und Schwarzhändler.

Seit mehr als zwei Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg, die Wirtschaft des Landes ist am Boden. Leidtragende ist die Zivilbevölkerung: Vor dem Krieg lag die Arbeitslosenquote des Landes bei weniger als zehn Prozent, inzwischen hat jeder zweite Syrer keine Arbeit mehr. Wer kann, setzt sich ins Ausland ab. Vor allem gut ausgebildete Syrer, diejenigen, die ihr Land in Friedenszeiten hätten nach vorne bringen sollen, kehren ihrem Heimatland den Rücken.

Syrien fehlt es aber nicht nur an klugen Köpfen, meint Galina Kolev, Außenhandelsexpertin am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln: Ein erheblicher Teil der Infrastruktur sei zerstört. Viele Unternehmen hätten deshalb ihre Produktionsstandorte nach Ägypten oder in die Türkei verlegt. "Die ökonomische Kosten des Krieges insgesamt übersteigen schon längst die jährliche Wirtschaftsleistung", so Kolev. Die Investitionen seien von 2010 bis 2012 um die Hälfte zurückgegangen.

Kaum noch Exporte

Galina Kolev, Außenwirtschaftsreferentin, Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Copyright: Institut der deutschen Wirtschaft Köln Medien GmbH

Galina Kolev vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln

2010 exportierte das Land Waren und Rohstoffe im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro, inzwischen ist es gerade mal ein Viertel dessen. Grund dafür sind auch die Sanktionen der EU, die europäische Antwort auf Repressionen und Menschenrechtsverstöße des syrischen Regimes. Eines der wichtigsten Exportgüter ist Erdöl: Vor dem Krieg produzierte Syrien noch 400.000 Barrel Öl am Tag - inzwischen ist es weniger als die Hälfte.

"Etwa 90 Prozent der deutschen Importe aus Syrien vor dem Krieg entfielen auf die Sparte Rohöl- und Erdölerzeugnisse, sodass das Verbot jetzt zu einem signifikanten Rückgang von Importen aus Syrien geführt hat", bestätigt Außenhandelsexpertin Kolev. Deutschland sei nach Italien der zweitwichtigste Abnehmer für syrische Produkte gewesen. Als Folge des Krieges und der Sanktionen ist der deutsch-syrische Handel fast komplett zusammengebrochen.

Gewaltökonomie breitet sich aus

Rabie Nasser ist Forscher am Syrischen Zentrum für Politikforschung in Damaskus. Er erstellt Berichte für die Vereinten Nationen, in denen er die wirtschaftliche Lage in seiner Heimat analysiert. Dass die Sanktionen das Regime in Damaskus zum Umdenken bewegen, bezweifelt er: "Die Sanktionen treffen die Regierung, aber sie treffen auch die syrische Bevölkerung: Das Regime gibt die Sanktionen an das Volk weiter." Dadurch, dass Europa Regierungskonten eingefroren habe, fehle jetzt das Geld etwa für die medizinische Versorgung. "Die europäischen Regierungen wissen das, aber sie wollen ihren Bürgern vermitteln, dass sie den Geschehnissen in Syrien nicht tatenlos zusehen."

Als Folge der Sanktionen hätten auch europäische Unternehmen, die mit nicht-sanktionierten Gütern gehandelt hatten, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit Syrien größtenteils ausgesetzt. Statt dessen hat sich eine neue Form des Wirtschaftens in Syrien breitgemacht; eine, die Rabie Nasser als Gewaltökonomie bezeichnet: In einem Staat, der sich selbst zerfleischt, ist viel Raum für Schmuggler und für Menschen, die sich ein eigenes Monopol auf Lebensmittel und Medikamente aufgebaut haben: "Die haben keinerlei Interesse an einer Beendigung des Konflikts. Sie verdienen viel Geld, ohne viel dafür tun zu müssen."

Die Landwirtschaft ist der einzige Wirtschaftszweig, der in Syrien wächst (Foto: dpa)

Die Landwirtschaft war der stabilisierende Faktor für die syrische Wirtschaft

Landwirtschaft wird wichtiger

Und noch ein Wirtschaftszweig hat sich ausgedehnt. Einer, der die syrische Bevölkerung bislang womöglich vor noch Schlimmerem bewahrt hat: Die Landwirtschaft. Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung des Landes ist innerhalb von zwei Jahren von 17 Prozent auf 27 Prozent gestiegen. "Die klimatischen Bedingungen waren in den vergangenen Jahren sehr gut. Dadurch konnte die Ernährungssicherheit weitestgehend sichergestellt werden, und es gab Arbeit. Hätte es eine Dürre gegeben, wäre die Situation heute viel gravierender." Dennoch: 60 Prozent der Syrer leben in Armut - doppelt so viele wie vor dem Krieg.

Wie so viele hofft Rabie Nasser auf ein baldiges Ende des Konflikts und darauf, dass sich die Gewalt und seine Ökonomie in seiner Heimat nicht festfressen. "Wir brauchen eine Verhandlungslösung - und wir brauchen sie sehr bald", mahnt er. "Und die Grundlage für diese Verhandlungslösung müssen die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung sein."

Doch noch scheint dies ein frommer Wunsch: Ein baldiges Ende des Bürgerkriegs ist nicht in Sicht. Eine seit Monaten immer wieder verschobene internationale Friedens-Konferenz soll nun Ende November stattfinden.

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