Syrien: Corona-Gefahr aus dem Iran | Nahost | DW | 04.04.2020
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Nahost

Syrien: Corona-Gefahr aus dem Iran

Das Coronavirus stellt Syriens Regime auch vor politische Probleme. Verbreiten könnte sich die Epidemie ausgerechnet über eine der wichtigsten Schutzmächte von Machthaber Baschar al-Assad: die Regionalmacht Iran.

Syrien Latakia Coronavirus | Hygiene Plakat (picture-alliance/Sputnik)

Niessen ja, aber richtig. Ein Plakat zur Hygiene-Aufklärung in der syrischen Stadt Latakia

Glaubt man den offiziellen Zahlen, so hat das Coronavirus Syrien erst spät erreicht und ist dort bisher kaum verbreitet. Erst am 23. März meldete der syrische Gesundheitsminister Nizar Yazigi eine erste bestätigte Infektion auf syrischem Boden. Es handele sich um eine junge Frau von 20 Jahren, die kurz zuvor aus dem Ausland eingereist sei, ließ er verlauten.

Todesopfer waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt, doch das änderte sich rasch: Nur vier Tage später, am Freitag, den 27.03 erlag in der rund 70 Kilometer von der irakischen Grenze gelegenen Stadt Deir Ez-Zor offiziell eine Syrerin den Folgen der Infektion. Anfang April wurden zehn Infizierte und zwei Corona-Toten im Land gemeldet, doch niemand weiß, wie verlässlich solche Zahlen sind.

Medienbericht über weitere Todesopfer

Die verstorbene Frau aus Deir Ez-Zor war offenbar nicht die einzige Person, die dort mit dem Virus in Berührung kam. Einem Bericht der gewöhnlich gut mit israelischen Militär- und Aufklärungsquellen vernetzten Zeitung "Jerusalem Post" zufolge waren allein in Deir Ez-Zor insgesamt sechs Personen infiziert, vier von ihnen seien Iraker, zwei Iraner.

Syrien Idlib Coronavirus | Herstellung von Masken (picture-alliance/ZUMA Wire/M. Atrash)

Kampf gegen das Virus: Syrer stellen Gesichtsmasken her

Zudem, so die Zeitung, habe die Epidemie weitere Todesopfer gefordert, und zwar unter den dort anwesenden iranischen Milizen. Das Blatt berief sich hierbei auf lokale Quellen aus Syrien, doch eine offizielle und zugleich unabhängige Bestätigung gibt es auch hierfür nicht und wird es voraussichtlich auch nie geben.

Coronavirus im Schlepptau iranischer Milizionäre?

Deir-Ez-Zor gilt als erste Anlaufstelle für die über den Irak nach Syrien einreisenden iranischen Milizionäre. Ist damit zu befürchten, dass sie den Coronavirus nun „einschleppen", also dass der Iran, als eines der weltweit am stärksten betroffenen Länder, das Virus im Schlepptau seiner militärischen Unterstützung für Präsident Baschar al-Assad unabsichtlich nach Syrien exportiert?

Es sei derzeit noch zu früh, Aussagen über mögliche Auswirkungen der iranischen Kräfte auf den Verlauf der Corona-Epidemie in Syrien zu machen, sagt André Bank, Syrien-Experte am GIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg, der DW. "Es ist auffällig, wie sehr sich iranische Kräfte in den letzten Wochen und Monaten in der Region um Deir Ez-Zor im Nordosten ausgebreitet haben. Dies korreliert aber - zumindest bislang - noch nicht mit offensichtlich wahrnehmbaren, erhöhten Corona-Zahlen in der Region", so der deutsche Experte.

Wie in vielen Ländern ist außerdem völlig unklar, wie stark offiziell gemeldete Infektionszahlen und die tatsächliche Anzahl infizierter Personen voneinander abweichen. Ähnlich wenig wisse man bislang über die Infektionszahlen in und um Damaskus, sagt André Bank. "Dort befinden sich ja die beiden schiitischen Heiligtümer Sayyida Zainab und Sayyida Ruqqaya, zu denen bisher traditionell Pilger aus dem Iran und dem Irak anreisten."

Assads Abhängigkeit vom Iran

Erste Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie hatte die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA am 20. März bekannt gegeben. Daraufhin wurden Restaurants, Cafés und Parks wie auch Moscheen geschlossen. Fünf Tage später verhängte die Regierung in den von ihr kontrollierten Gebieten zudem für die Zeit von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens eine Ausgangssperre.

Syrien Damaskus Coronavirus | Leere Straßen (picture-alliance/XinHua/A. Safarjalani)

Flucht vor dem unbekannten Feind: eine menschenleere Straße in Damaskus

Doch die Epidemie stellt das Assad-Regime nicht nur vor medizinische Probleme. Sie ist auch eine schwierige politische Herausforderung. Denn um seine Macht zu erhalten, ist Präsident Baschar al-Assad seit Jahren neben Russland vor allem auch auf die Regierung eben jenes Landes angewiesen, aus dem nun die Corona-Epidemie nach Syrien einzudringen droht: dem Iran.

Weitere Flugverbindungen zwischen Iran und Syrien

Medienberichte deuten darauf hin, dass Teheran ungeachtet der Pandemie im eigenen Land (laut Johns-Hopkins-Universität: 55.740 registrierte Infizierte, 3452 Tote, Stand: 4. April) Flugverbindungen nach Syrien aufrechterhält. Die von dem ehemaligen "Guardian"-Journalist David Hearst geleitete Webseite und Nachrichtenagentur "Middle East Eye" nennt hier konkret die Fluglinie Mahan Airs. "Middle East Eye" beruft sich dabei auf Aussagen anonymer westlicher, mit dem Krieg in Syrien befasster Diplomaten. An Bord solcher Flüge befänden sich demnach immer noch Milizionäre, die in Syrien an der Seite Assads kämpften.

Bashar Assad, Ali Larijani (picture-alliance/AP Photo)

Der Sprecher des iranische Parlaments, Ali Larijani, bei einem Treffen mit Baschar al-Assad (r.) im Februar in Damaskus

Auch das von vielen westlichen Nahost-Korrespondenten als Quelle genutzte Internet-Magazin "Al-Monitor" berichtet von einem anhaltenden Flugverkehr zwischen beiden Ländern. "Diese Flüge aus Teheran und Qom versorgen das syrische Regime mit Geld, Kämpfern und vielem anderen, das dem Regime hilft, an der Macht zu bleiben", zitiert "Al-Monitor" den Politanalysten Phillip Smyth vom "Washington Institute for Near East Policy". Ohne diese Unterstützung, so Smyth weiter, könne das syrische Regime keine ernsthaften Offensiv-Operationen starten und vor allem nicht durchhalten." Unter Berufung auf Berichte von Anwohnern aus der Region berichtet das Magazin zudem über die anhaltende Einreise iranisch finanzierter Milizen über den irakischen Grenzposten Al-Bukamal.

Irans Interessen in Syrien

So schwer sich solche Berichte unabhängig überprüfen lassen, fest steht: Durch die anhaltende Präsenz und Zusammenarbeit mit Milizen aus dem Iran, der als ein hochgefährliches Corona-Risikogebiet gilt, riskiert die Regierung Assad, die im eigenen Lande unternommenen Anstrengungen zur Bekämpfung des Virus zu schwächen. Den Beistand des Iran erhält Assad allerdings nicht umsonst.

Im Gegenzug für die militärische Unterstützung ist der Iran nicht nur militärisch dauerhaft in Syrien präsent. Iranische Geschäftsleute beteiligen sich auch an der Immobilienentwicklung in Syrien, insbesondere in den lukrativen Lagen der dortigen Städte. Die Verträge seien eine Art "Rückzahlung" der syrischen Regierung an den Iran, kommentiert US-Politanalyst Smyth, Experte für schiitisch-islamistische Milizen in der Region, in "Al-Monitor".

Iran Teheran Coronavirus Ajatollah Ali Chamenei (picture-alliance/dpa/Iranian Supreme Leader's Office)

Den Iran und sein geistliches Operhaupt, Ayatollah Chamenei, verbinden mit Syrien strategische und wirtschaftliche Interessen

Dass Assad - sofern er das überhaupt wollte - sich aus eigener Kraft aus dieser Abhängigkeit und vom iranischen Engagement in Syrien befreien könnte, ist fraglich. Der Iran hat sehr viel in den syrischen Krieg investiert: Geld, Waffen, Menschenleben. Assad benötigt Teherans militärische Unterstützung - insbesondere dessen Bodentruppen - auch zur Bekämpfung seiner politischen Gegner. Umgekehrt könnte sich auch das iranische Regime einen Rückzug aus Syrien kaum leisten, denn dies würde den jahrelang gezielt aufgebauten iranischen Einfluss in der gesamten Region massiv zurückwerfen.

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