Sudan: Wie der Tschad den Bürgerkrieg beeinflusst
26. Februar 2026
Der Krieg im Sudan nähert sich dem Tschad: Am Wochenende lieferten sich die sudanesische Armee und ihre Verbündeten direkt an der Grenze Kämpfe mit der RSF-Miliz. Am Samstag kamen dabei nahe der tschadischen Grenzstadt Tiné auch mehrere tschadische Soldaten und Zivilisten ums Leben, wie Nachrichtenagenturen berichten. Nun hat die Regierung in N'Djamena Konsequenzen gezogen: Am Montag erklärte sie die 1300 Kilometer lange Grenze zum Sudan für geschlossen.
Kommunikationsminister Gassim Chérif verwies darauf, dass die sudanesischen Kriegsparteien die Grenze wiederholt verletzt hätten. Seit Dezember war es mehrfach vorgekommen, dass sich Kämpfe auf tschadischem Boden fortgesetzt hatten. So hatten RSF-Kämpfer Mitte Januar rivalisierende Milizen bis in den Tschad verfolgt und dort auch eine Armeestellung angegriffen, sieben Soldaten wurden getötet. Man wolle "jedem Risiko einer Ausweitung des Konflikts" auf den Tschad vorbeugen, teilte Chérif mit.
Roger Alladoum, der in der tschadischen Grenzstadt Adré für eine Hilfsorganisation arbeitet, begrüßt den Schritt: "Es ist eine gute Entscheidung, dass der Tschad seine Grenze zum Sudan schließt. Seit Dezember ist dieses Gebiet sehr gefährlich", so Alladoum im DW-Gespräch. "Jeden Tag greifen bewaffnete Männer aus dem Sudan an und töten ungehindert Menschen, manchmal auch Soldaten. Selbst wir humanitären Helfer sind nicht sicher."
Schwere Grenzziehung
Im Sudan kämpfen nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg seit April 2023 die regulären Streitkräfte und die RSF um die Macht. Verschärft wird die Lage dadurch, dass ausländische Mächte den Konflikt finanzieren. Insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aufseiten der RSF und Saudi-Arabien, das die sudanesische Armee unterstützt, spielen hier eine Rolle.
Seit Kriegsbeginn hat der Tschad bereits mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Für die Ethnologin Andrea Behrends, die das Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Universität Leipzig leitet, spielt die eng verwobene Geschichte der Grenzregionen eine Rolle. Sie verweist gegenüber der DW darauf, dass viele Bevölkerungsgruppen auf beiden Seiten der Grenze beheimatet sind - nach einer künstlichen Teilung, die auf die Kolonialzeit zurückgeht.
Die Gruppe der Zaghawa etwa spiele im Tschad und im Sudan gnaz unterschiedliche Rollen: "Im Tschad gehören sie zu den von der Regierung extrem favorisierten Personen, die sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern und weitgehende Straffreiheit genießen. Die im Sudan lebenden Zaghawa haben sich dagegen mit der sudanesischen Armee verbündet und kämpfen gegen die RSF", so Behrends. An der Grenze bei Tiné träfen unterschiedliche Fraktionen der Zaghawa aufeinander, die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts sei groß.
Tschads Rolle als Waffenlieferant
Dahinter steht auch eine militärische Verstrickung des Tschad in den Konflikt: Wiederholt wurde das Land beschuldigt, Waffen aus den VAE an die RSF-Kämpfer im Sudan zu liefern. Die Regierung hat dies stets bestritten. Verschiedene Experten bekräftigen jedoch die These der Waffenlieferungen gegenüber der DW.
Einer von ihnen ist Charles Bouëssel, Zentralafrika-Analyst bei der International Crisis Group, die sich weltweit für die Beendigung bewaffneter Konflikte einsetzt. "Der Tschad hat ab Juni 2023 umfangreiche Kooperationsvereinbarungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten unterzeichnet - dem Hauptsponsor der RSF auf internationaler Ebene", erklärt Bouëssel im DW-Interview. Zur gleichen Zeit habe der Tschad den VAE sein Gebiet für Lieferungen von Material und Waffen zur Verfügung gestellt. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters wurde der Flughafen Amdjarass in unmittelbarer Näher zur sudanesischen Grenze seit Kriegsausbruch Dutzende Male von Frachtmaschinen der Emirate angeflogen.
Könnte N'Djamena die Seiten wechseln?
Laut Bouëssel haben die Waffenlieferungen aus dem Tschad an die RSF im Jahr 2026 abgenommen. Dies und die häufigen Grenzverletzungen sudanesischer RSF-Kämpfer könnten demnach darauf hindeuten, dass Tschads Präsident Mahamat Déby im Begriff ist, dem Druck des Zaghawa-Clans, der in der Armee sehr einflussreich ist, nachzugeben, und versucht, die Rolle des Tschad neu auszutarieren.
Jetzt würden einige tschadische Zaghawa-Generäle die Zaghawa-Gruppen in Darfur im Kampf gegen die RSF unterstützen. Déby lasse diese Generäle zunehmend walten, "um vielleicht ihre Wut zu mindern und ihnen einen Spielraum zu lassen, um ihre eigene Agenda voranzutreiben." Das würde die jüngsten Angriffe auf tschadische Soldaten erklären.
Doch für Déby steht viel auf dem Spiel: So etwa die massive finanzielle Unterstützung aus den VAE - 2023 gab es Zusagen über Kredite in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar. Um diese Gelder aufzuwiegen, bräuchte es im Falle eines Bruchs mit den Emiraten einen neuen zahlungsstarken Partner. Am Horn von Afrika tritt zunehmend Saudi-Arabien als Gegenspieler der VAE auf. Tatsächlich berichtet Zentralafrika-Experte Bouëssel von einer Annäherung beider Länder. So habe der Hohe Islamische Rat im Tschad, die maßgebende Instanz in religiösen Fragen, erst im Januar einen Vertrag mit Saudi-Arabien abgeschlossen.
Eine klare Perspektive lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. Für die sudanesische Bevölkerung sei die Grenzschließung jedenfalls "äußerst besorgniserregend", teilte das Internationale Flüchtlingskomitee IRC am Dienstag mit. "Für viele war die Grenzüberquerung nach Tschad überlebenswichtig", sagte Zeleke Bacha, IRC-Landesdirektor für Westsudan. Zwar hieß es in N'Djamena, dass Flüchtlinge von der Maßnahme ausgenommen seien. Doch das IRC sieht darüber hinaus auch humanitäre und kommerzielle Lieferungen in den Sudan erschwert, die sudanesische Bevölkerung werde weiter von lebenswichtiger Versorgung abgeschnitten.
Mitarbeit: Blaise Dariustone (N'Djamena)